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Entwarnung für Versicherte Zahnärzte bohren weiter


Keine Zahnarzttermine mehr in diesem Jahr für Kassenpatienten, weil das Geld alle ist: Mit dieser Drohung bohrte sich heute die Zahnarzt-Lobby ins Hirn der Menschen. Doch die Drohung erweist sich bei genauem Hinsehen als heiße Luft.
Von Sönke Wiese

Es klingt wie eine weitere Horrornachricht aus dem Gesundheitswesen: Bei vielen Zahnärzten im gesamten Bundesgebiet soll es bis zum Ende des Jahres keine regulären Termine mehr geben, berichtet die "Bild"-Zeitung. Vor Weihnachten noch ein Loch füllen lassen? Den Stempel für eine Vorsorgeuntersuchung besorgen? Zu spät, Standardbehandlungen machten die Ärzte vielerorts nicht mehr, heißt es, erst 2011 könnten es die Patienten wieder versuchen. Nur bei absoluten Notfällen, akuten Zahnschmerzen beispielsweise, hätten die Mediziner noch ein Einsehen.

Die "Bild" beruft sich dabei auf die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV). Deren Vorsitzender, Jürgen Fedderwitz, hatte geklagt, die Budgets seien in vielen Fällen bereits aufgebraucht. Betroffen seien potentiell Millionen von gesetzlich Versicherten: Mit Einschränkungen müssten Mitglieder der AOK Berlin-Brandenburg, der Innungskrankenkassen (IKK) und der Knappschaft in Bayern rechnen. "Da kann es mit dem Stempel für das Bonusheft schon eng werden", sagte Fedderwitz auch der Nachrichtenagentur DPA.

Behandlungsverweigerung "wäre illegal"

Aber können Zahnärzte tatsächlich Behandlungen verweigern, weil sie ihr Budget nicht gleichmäßig über das ganze Jahr verteilt haben? Die Antwort der Experten ist deutlich: nein.

"Das wäre illegal", sagte ein Sprecher der IKK Classic stern.de. "Ärzte dürfen nicht aus honorarpolitischen Gründen ihre Praxen schließen. Sie sind Vertragspartner der Krankenkassen - und zwar ganzjährig." Gesundheitsstaatssekretär Daniel Bahr (FDP) sagte: "Alle Kassenzahnärzte sind verpflichtet, ihre Patienten umfassend zu behandeln." Dies sicherzustellen, sei die gesetzliche Aufgabe der KZBV. Auch Ann Marini, Sprecherin des Kassenspitzenverbandes, warnte: Wer Behandlungen verweigere, verhalte sich nicht gesetzeskonform.

Doch sind denn überhaupt schon solche Verstöße von Ärzten vorgekommen? "Uns sind bisher keine Fälle bekannt", heißt es bei der IKK Classic, die mehr als 1,8 Millionen Mitglieder hat. "Auch Budgetüberschreitungen haben wir noch nicht festgestellt." Eine Sprecherin der Knappschaft (1,7 Millionen Versicherte) sagte stern.de: "Bei uns ist nur eine Beschwerde eingegangen. Von einem Massenproblem kann hier wirklich keine Rede sein." Das bestätigt auch die AOK Berlin-Brandenburg (über 1,3 Millionen Versicherte): "Wir haben noch von keinem einzigen Fall gehört, die Zahnärzte behandeln offenbar ganz normal weiter."

Auch Vorsorgeuntersuchungen finden noch statt

Nach so viel Gegenwind versucht inzwischen die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung, die Gemüter wieder zu beruhigen. "Nur aufschiebbare Behandlungen werden in Einzelfällen ins nächste Jahr verlegt, wenn man das verantworten kann", sagte KZBV-Vize-Chef Günther Buchholz stern.de. Akute Behandlungen und geplante größere Versorgungen seien davon ausgenommen. Buchholz stellte klar: "Vorsorgeuntersuchungen werden selbstverständlich auch noch in diesem Jahr durchgeführt." Man wolle nicht verantworten, dass Patienten aufgrund von Lücken in Bonusheften finanzielle Nachteile entstünden.

Warum dann die ganze Aufregung? "Das ist ein politischer Vorstoß der Zahnärzte-Lobby angesichts der geplanten Gesundheitsreform", meinte eine Sprecherin der AOK Berlin-Brandenburg. "Ärzte und Krankenhäuser können sich möglicherweise über Honorarerhöhungen freuen, nur die Zahnärzte haben noch nichts vom Kuchen abbekommen."

Vom Säbelrasseln der Funktionäre sollten sich Patienten aber nicht verunsichern lassen: "Die Zahnärzte vor Ort sind sehr vernünftig. Die wollen gar nicht, dass die politischen Auseinandersetzungen in die Praxen getragen werden."

mit DPA

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