VG-Wort Pixel

Bundestagswahl Es ist der spannendste Wahlkampf seit Jahren - und dennoch nur ein Merkel-Imitationsspektakel

Olaf Scholz mit Raute
Wahlkampf 2021: Wer kann Kanzlerin, wer die beste Raute formen, physisch und metaphorisch?
© Bernd Thissen / DPA
Es ist ein eigenartiger Wahlkampf – es sollte ein Aufbruch werden, doch am Ende ging es ums "Weiter so". Das Symbol dafür wurde Merkels Raute. Und das war nur eine von vier Paradoxien.

Wahlkämpfe und Wahlen sind Prozesse, in denen sich ein Volk verortet. Es entscheidet, ob sich etwas ändern soll oder ob es im Großen und Ganzen so weitergeht. Diese einfache Richtungsentscheidung wird gern überhöht, da geht es um Wenden, Neuanfänge und Aufbruch, um Kontinuität oder eben Stabilität.

Nun, da wir auf den 26. September zusteuern, lassen Sie uns noch einmal zurückschauen, um zu verstehen, was vor uns liegt. Denn da kommt manches auf uns zu, ganz unabhängig von den Ergebnissen.

Es war ein ganz und gar eigenartiger und widersprüchlicher Wahlkampf, nicht nur, weil zwei von drei Kandidaten nahezu verheizt und verbrannt wurden – und der unwahrscheinlichste von ihnen die erstaunlichste Aufholjagd seit 2002 hingelegt hat.

Annalena Baerbock verglühte schnell, konnte sich stabilisieren, auch hier und da überzeugen, aber es reichte nicht mehr. Sie hat irgendwann den Kampf ums Kanzleramt aufgegeben. Armin Laschet kämpfte einen Stellungs- und Abnutzungskrieg, die Bilder seiner Kandidatur werden sich in eine Galerie der Hoffnungslosigkeit einreihen, selbst wenn die Wahl doch anders ausgeht.

Das spannendste Rennen seit 2005 

Und schließlich Olaf Scholz, an den lange niemand glaubte, außer er selbst, der alle überraschte, der nur warten und lächeln musste. Er antizipierte eine tektonische Verschiebung, die Angela Merkel Abgang auslöste, die beide Rivalen falsch einschätzten: Laschet und die Union, wie wichtig die Person sein würde; und Baerbock und die Grünen, wieviel Neustart wirklich möglich ist.

  • Vier Paradoxien prägten den Wahlkampf. Die erste nenne ich das Größenparadox: Es sollte um große Themen gehen, aber es ging vor allem um Kleinigkeiten: Lebenslauf statt Lebensgrundlagen, Plagiat statt Planet, um Patzer statt Programme.
  • Das zweite war das Spannungsparadox: Über Wochen wurde immer wieder geschrieben, wie langweilig der Wahlkampf sei, während er gleichzeitig immer spannender wurde. Ja, wir erlebten das spannendste Rennen seit 2005, sehr viel Bewegung war und ist da. Seit Wochen muss richtig gekämpft werden, die Parteien aller drei Bewerber oszillierten im Korridor von 15 bis 30 Prozent. Alles war drin, alles ist drin. Oder ist es jetzt gelaufen? Man möchte sich kaum noch festlegen.
  • Drittens war da dieses Zukunftsparadox. Eigentlich sollten wir um die Zukunft streiten, es waren aber zwei Schocks der Gegenwart, ein Jahrhunderthochwasser und der Abzug aus Afghanistan, die uns im Bann hielten, emotional absorbierten und manche Bilder produzierten, die alles veränderten.
  • Der vierte und im Grunde seltsamste und folgenreichste Widerspruch war das Aufbruchsparadox. Im Frühsommer war das erste Mal eine Wechselstimmung zu spüren – auch wenn es immer schwierig ist zu erkennen, wie viel Stimmung tatsächlich da ist und wie viel herbeigeredet wird. Das verstärkt sich ja auch irgendwann selbst. Doch es gab, in Umfragen, Gesprächen und Anekdoten, an vielen Stellen diesen Wunsch nach Aufbruch, nach einem Neuanfang nach 16 Jahren Angela Merkel. Es war der Wunsch nach mehr: mehr Risiko, mehr Wagnis, mehr Investitionen, mehr Breitband, mehr Klimaschutz.

Das große Merkel-Imitationsspektakel

Dieser Wunsch blieb diffus: Was sollte sich ändern, wie viel, und wer sollte es verantworten? Wer sollte führen, wer nicht (mehr)? 

Doch in den letzten Wochen ging es plötzlich um das Gegenteil, um Kontinuität, der Wahlkampf wurde ein Merkel-Imitationsspektakel. Wer konnte Kanzlerin, wer die beste Raute formen, physisch und metaphorisch? Es war noch nicht mal mehr das Versprechen, dass man nicht alles anders, sondern vieles besser machen würde. Es war ein Versprechen, dass Mutti weiterlebt: durch Ruhe, Übersicht, Kompetenz und ein wenig Veränderung. Das ist die Botschaft von Scholz, die Laschet vergeblich aussenden wollte.

Wie immer diese Wahl ausgeht: Es wird sich eine Regierung bilden, die Weichen bis 2030 stellt, nicht nur beim Klima. Auch bei der Rente. Auch beim demografischen Wandel gibt es Kipppunkte, auch hier muss eine Regierung handeln, bevor die Millionen Babyboomer in Rente gehen und Fachkräfte noch mehr fehlen als heute schon. Man spürt den immensen Handlungsbedarf an vielen Stellen: Bildung, Digitalisierung, Verwaltung, Gesundheitswesen, Sozialversicherungen. Laschet konnte diesen Überbau nicht liefern, Baerbock nur beim Klimaschutz, Scholz musste es nicht – ihm reichte für die Aufholjagd eine Projektion.

Bleibt die Frage: Brauchen wir für all das, was vor uns liegt, eher disruptive Typen, die voranpreschen, Energiefelder erzeugen, die all die Umwälzungen anpacken und steuern, die uns prophezeit werden?

Wieviel Raute will Deutschland?

Oder geht es auch viel um Interessenausgleich, wenn so viel transformiert wird, um runde Tische, um besonders dicke Bretter, die gebohrt werden müssen? Vielleicht ist dies das fünfte Paradox, das manche(r) gespürt hat, als er oder sie die Raute sah. Dass wir dann doch mehrheitlich vor der Zukunft zurückschrecken und Risiken meiden, dass wir wünschen, dass sich zwar manches ändern soll, aber doch vieles so bleibt.

Wir haben uns oft genug selbst überrascht. Ich habe aber Zweifel, dass dies noch reichen wird. 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker