HOME

Ex-Minister bei "Beckmann": Eine gute Dosis Steinbrück

Welche Spannung verspricht es, ein SPD-Mitglied und einen Ex-SPD-Minister einzuladen? Gar keine. Dennoch lieferte Beckmann gute Unterhaltung - weil Peer Steinbrück dort war.

Von Lutz Kinkel

Er sagt es in seiner unnachahmlich Art selbst. Wer hätte schon Lust, das übliche "Politikergeschwafel" zu hören? Peer Steinbrück wartet erst gar nicht auf eine Antwort. Denn die Frage beantwortet sich selbst.

Steinbrück! Es ist schon fast wieder in Vergessenheit geraten, wie erfrischend dieser knorzige Hamburger sein kann. Ein Mann, der sagt, was er in seinem Rahmen sagen kann, klar und deutlich, und kein Wort mehr. Zum Beispiel über seine eigenen Reden vor deutschen Bankern. "Gelegentlich haben die eine masochistische Anwandlung. Die nehmen es auch ernst. Es bleibt aber folgenlos." Das erzählte Peer Steinbrück am Montagabend in der ARD-Talkshow "Beckmann". Und Susanne Schmidt, die Tochter von Helmut Schmidt, Bankerin und Wirtschaftsjournalistin, saß neben ihm und grinste.

Reproduktion der "Schmidtschnauze"

Natürlich ist es ein schlechter Witz, das SPD-Mitglied Susanne Schmidt und den ehemaligen SPD-Minister Peer Steinbrück in eine Sendung einzuladen und sie gemeinsam über die Finanzkrise diskutieren zu lassen. Woher soll die Spannung kommen, woher der Streit, weshalb sollten sich die beiden an den Kragen gehen? Reinhold Beckmann versucht gelegentlich, eine Differenz zu konstruieren. Doch die Versuche scheitern kläglich.

Susanne Schmidt ist kein Talk-Talent. Gleichwohl ist es rührend, ihr dabei zuzuhören, wie sie das Schroffe, Ungerührte, Schnodderige der "Schmidtschnauze" reproduziert. Ob es sie beeindruckt habe, dass Männer wie Leonid Breschnew, der Parteichef der sowjetischen KPDSU, bei ihrem Vater zu Gast gewesen seien, will Beckmann wissen. Nö, sagt Susanne. "Das waren die Kollegen von Vater." Mehr halt nicht. Auch die Frage, warum ihr Vater so unglaublich beliebt sei, beantwortet sie ohne jeden Anflug von Gefühligkeit. Es fehle eben an "elder statesmen", die keine Wahl mehr gewinnen müssten und aus ihrer Erfahrung heraus das "große Bild" zeigen können. Dieser Satz ließe sich als Spitze gegen Helmut Kohl verstehen. Aber Susanne Schmidt würde Spitzen nie spitz formulieren.

Steinbrück - ein "linker Bazillus"

Ganz anders Peer Steinbrück. Er redet gerne Klartext und mag die rabiate Formulierung, auch wenn sie nicht unbedingt auf die eigene Person einzahlt. Auf die Frage, warum seine Studenten-WG unter staatlicher Beobachtung stand, sagt Steinbrück, er sei halt die "linkeste Bazille" dieser Wohngemeinschaft gewesen, "auch wenn das heute schwer vorstellbar ist".

In der Tat: Steinbrück gehörte als Landespolitiker von Nordrhein-Westfalen und erst recht als Bundesfinanzminister zum konservativen Flügel der SPD. Ein Mann, der die Agenda 2010 verteidigte und die Linkspartei zum Teufel wünschte. Der noch in seiner letzten Rede vor dem SPD-Präsidium sage, dass es den Sozialdemokraten an wirtschaftlicher Kompetenz fehle. Und der danach alle Ämter aufgab. Weil er ahnte, dass die Partei einen Weg nehmen würde, bei dem er nur im Weg stehen würde.

Die Parallelgesellschaft der Banker

Nun schreibt er ein Buch, ist Aufsichtsrat bei Thyssen-Krupp und SPD-Hinterbänkler. Das hindert ihn natürlich nicht daran, die aktuelle Politik gewohnt scharfzüngig zu kommentieren. Die Bankenabgabe sei im Prinzip richig, sagt er bei "Beckmann", aber ihre Ausgestaltung sei problematisch. Einerseits, weil auch die Volksbanken und Sparkassen einzahlen müssten, die den Schlamassel der Finanzkrise ja gar nicht angerichtet hätten. Und andererseits, weil sie viel zu wenig Geld bringe. Die Rettung einer Bank koste 40 bis 50 Milliarden Euro. Was hilft da die eine Milliarde, die Deutschlands Banken nun pro Jahr abführen sollen.

Auch mit den Bankern selbst geht Steinbrück hart ins Gericht. Der Ausdruck "Parallelgesellschaft" dürfe nicht nur auf das Mileu der Migranten angewendet werden. Sondern eben auch auf die Banker. Dort gebe es eine "erschreckende Ignoranz für das gesellschaftliche Umfeld". Deshalb brauche es eine Rahmengesetzgebung für das, was Banker tun dürften und was nicht.

"Ganz dicht ist der nicht"

Und wenn dann Beckmann auf die Schweiz zu sprechen kommt und in einem Einspieler Rogel Köppel das Wort erteilt, der das schweizerische Bankgeheimnis bis aufs Blut verteigt, sagt Steinbrück knapp und trocken: "Das ist eine faszinierende Figur dieser Köppel. Aber ganz dicht ist der nicht." Krawumm.

Es ist niemandem zuzumuten, sich Steinbrück kritiklos anzuschließen - aber seine Art, Klartext zu reden und sich auch selbst auf die Schippe nehmen zu können, unterscheidet ihn wohltuend von anderen Politikern. Beckmann braucht nicht viel mehr zu tun, als ein paar Stichworte zu liefern. Dieser Gast ist dankbar, wie der Volksmund so sagt.

Müde wirkt Steinbrück nicht

Susanne Schmidt hat ein Buch geschrieben. Es heißt "Markt ohne Moral: Das Versagen der Internationalen Finanzelite." Zu der Reaktion ihres Vaters sagt sie bei "Beckmann", er habe es nach eigenem Bekunden mit Interesse gelesen und sogar "etwas dabei gelernt". "Was will man mehr", resümiert die Tochter. Steinbrück, der regelmäßig mit Altkanzler Schmidt Schach spielt und über den Ausgang der Partien vornehm schweigt, will mit seinem Buch, das er im Juli abschließen möchte, sicher etwas mehr. Müde wirkt dieser Mann in jedem Fall nicht. Eher ausgeruht.