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Familienpolitik: Die Krise als Verhütungsmittel

Nachdem die Geburtenzahl schon im vergangenen Jahr gesunken ist, könnte sich der Abwärtstrend infolge der Wirtschaftskrise noch weiter verschärfen. Aus Angst vor dem Abschwung verzichten viele Paare womöglich auf Nachwuchs, prognostizieren Wissenschaftler. Familienministerin von der Leyen glaubt selbst nicht mehr an einen Baby-Boom.

Von Torben Waleczek

Werden schwangere Frauen bald zur Rarität? Infolge der Krise könnten die Geburtenzahlen weiter sinken

Werden schwangere Frauen bald zur Rarität? Infolge der Krise könnten die Geburtenzahlen weiter sinken

Im Februar war die Welt von Ursula von der Leyen noch in Ordnung. Bei der Vorstellung des "Familienreports" berichtete die Familienministerin freudig von steigenden Geburtenzahlen. Seit 2007 gab es das neue Elterngeld, auch für eine bessere Kinderbetreuung hatte von der Leyen sich stark gemacht. Alles schien auf dem richtigen Weg zu sein. Doch kurz darauf präsentierte das Statistische Bundesamt frische Zahlen - und fuhr der CDU-Politikerin damit übel in die Parade. Denn im letzten Quartal 2008, so die Statistiker, ist die Geburtenzahl in Deutschland deutlich eingebrochen. Auf das Gesamtjahr gerechnet kamen sogar rund 8000 Kinder weniger auf die Welt als im Vorjahr.

Woher aber dieser plötzliche Rückgang? War das vielleicht eine erste Folge der Krise? Eine kollektive Zeugungsverweigerung angesichts der bedrohlichen Wirtschaftslage? Und was steht uns erst noch bevor, wenn die Probleme sich wirklich bemerkbar machen - eine Turbovergreisung qua Rezession? Nur einmal angenommen, es wäre so - dann hätten viele Paare sich schon zu Beginn des letzten Jahres wegen der Krise gegen ein Kind entschieden. Doch Anfang 2008 wussten bestenfalls einige Wirtschaftskenner vom Ausmaß der bevorstehenden Turbulenzen - bei der Bevölkerungsmehrheit war diese Angst noch nicht angekommen. Der Einbruch Ende 2008 lässt sich daher kaum auf die Krise zurückführen.

Trotzdem zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass sinkende Geburtenzahlen in Umbruchszeiten nicht ungewöhnlich sind. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise in den 1920er und frühen 1930er Jahren sind die Geburtenraten in vielen Ländern zeitweise stark gesunken. Auch nach der Wiedervereinigung ist die Zahl der Neugeborenen in den neuen Ländern drastisch eingebrochen.

Zeugungsstreik nach dem Jobverlust

Wie Paare in der jetzigen Situation reagieren, darüber lassen sich bislang nur Vermutungen anstellen. Verlässliche Zahlen gibt es noch nicht. Ohnehin ist die Demografie, also die Lehre von der Bevölkerungsentwicklung, ein langsames Geschäft. Seriöse Statistiker rechnen in Generationen und Alterskohorten, nicht in einzelnen Jahren. Dennoch wird viel spekuliert, wie die Krise sich auswirkt. "Manche Paare verschieben ihren Kinderwunsch jetzt vielleicht um ein oder zwei Jahre nach hinten", sagt Harald Michel vom Institut für Angewandte Demographie in Berlin. Untersuchungen legen zudem nahe, dass Männer in Sachen Familienplanung empfindlich auf Arbeitslosigkeit reagieren. Sie treten - zumindest aus Sicht vieler Statistiker - mit dem Jobverlust in den Zeugungsstreik. "Die Arbeitslosigkeit von Männern wirkt sich negativ auf die Geburtenzahl aus, das haben mehrere wissenschaftliche Studien gezeigt", sagt Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. "Dadurch könnte sich auch die jetzige Krise in der Fertilität niederschlagen."

Doch nicht nur auf die bloße Zahl der geborenen Kinder kann sich der Wirtschaftseinbruch auswirken. Denkbar ist auch, dass er gesellschaftliche Modernisierungsprozesse in Gang setzt. Wo die Situation auf dem Arbeitsmarkt immer prekärer wird, da taugt die Einverdienerehe mit dem Mann als Ernährer kaum noch als sicheres Modell. "Dieses klassische Schema könnte im Zuge der Krise weiter zurückgedrängt werden", sagt Forscherin Michaela Kreyenfeld. Was die Bundesregierung mit Steuermilliarden befördern will, das könnte als ungeahnte Nebenfolge der wirtschaftlichen Talfahrt also erheblich vorankommen: Die Erwerbstätigkeit der Frau und eine Familienplanung, bei der die Partner sich Berufstätigkeit und Kinderbetreuung teilen.

Die Familienministerin wird kleinlaut

Doch auch hier zeigt sich, wie schwer sich die Familienplanung der Deutschen einschätzen lässt. Denn umgekehrt könnten viele Männer durch die prekäre Lage auf dem Arbeitsmarkt davor zurückschrecken, eine Auszeit für die Kinderbetreuung zu nehmen. Schließlich verdienen Männer auch heute meist noch mehr als ihre Partnerin. Und wer weiß, ob die Rückkehr in den Job nach einer Pause wirklich reibungslos klappt?

Wie auch immer die Familienplanung junger Paare demnächst aussieht - über eines sind sich die Statistiker einig: Angesichts der deutschen Bevölkerungsstruktur wird die Geburtenzahl langfristig weiter zurückgehen, mit oder ohne Krise. Nach ihrer übereilten Erfolgsmeldung vom Februar ist auch Ursula von der Leyen mittlerweile etwas kleinlauter geworden. Es sei schon ein Erfolg, wenn ein "weiteres Herunterrutschen der Geburtenzahlen" aufgehalten werde, heißt es von der Ministerin neuerdings. Und wie die Zahl sich infolge der Wirtschaftskrise entwickelt, darüber will man in ihrem Ministerium auf Anfrage lieber gar nicht erst sprechen.