Finanzmarkt "Die Krise ist beherrschbar"

Die Verwerfungen im Finanzsystem zwingen die internationale Politik zur Zusammenarbeit: Noch in diesem Jahr sollen auf einem Weltfinanzgipfel strengere Regeln für die Märkte aufgestellt werden. DIW-Chef Klaus Zimmermann beschreibt im stern.de-Interview, wie das neue System aussehen könnte.

Herr Zimmermann, wie stehen die Chancen für einen weltweiten Finanzgipfel?

Die Kosten eines Gipfels für Politiker sind nicht so hoch. Das heißt, es gibt sehr viele Gipfel. Nur die Erfolge sind immer etwas karg. Aber die Probleme der Welt sind so groß, dass es sehr sinnvoll ist, einen solchen Gipfel zu machen. Deswegen sollte er stattfinden - und ich denke auch, er wird stattfinden.

Welches Signal muss dabei vermittelt werden?

Wir durchleben eine Finanzkrise, die wir noch nicht voll verstehen und vor allen Dingen nicht voll beherrschen. Wir werden sie nur dann beherrschen, wenn Vertrauen in eine neue, überzeugendere Finanzordnung entsteht. Und solange das Vertrauen in das Wirtschaftssystem nicht wieder da ist, wird keine Ruhe einkehren. Das heißt, es muss das Signal ausgehen, dass eine solche Ordnung realistisch ist und es nur noch die Frage gibt, wie sie denn im Detail aussieht.

Gibt es weitere Ziele, die im Vordergrund stehen sollten?

Es muss zunächst deutlich sein, was die Elemente einer solchen Ordnung sind. Es muss aber auch klar sein, dass es nicht eine Ordnung geben kann, die automatisch alle Probleme löst. Man könnte sich auf bestimmte Prinzipien einigen, während Regulierungsbehörden eingerichtet werden, die eher in Regionen etabliert sind: für Europa, für Amerika, für Asien. Vor allem auch weil die Krise gezeigt hat, dass eine Standardisierung gefährlich ist. Vielfalt ist günstig, weil wir dann flexibler reagieren können.

Wo genau müssten die neuen Regulierungen denn Ihrer Meinung nach ansetzen?

Zunächst einmal geht es darum, dass gewisse Mindestanforderungen an die Transparenz des Geschäfts und für die Eigenkapitalausstattung da sind und dass die Anreize richtig gesetzt werden. Es muss eine Institution da sein, die alle Bereiche der Finanzwirtschaften erfasst. Fangen wir damit an: Für jeden großen Wirtschaftsraum muss es eine Regulierungsbehörde geben. Sie sollte nicht identisch mit der Zentralbank sein, da diese in einer Krise häufig Akteur ist. Und wer reguliert hat, sollte nicht hinterher auch der Akteur sein.

Zudem muss die gesamte Finanzwirtschaft betroffen sein: Neben den Banken gehören auch Hedgefonds und Ratingagenturen dazu. Es muss dann geregelt werden, dass neue, innovative Produkte zertifiziert werden, um sie auf ihre Funktionalität zu überprüfen. Dann ist es auch wichtig, die Vergütungssysteme für Manager zu systematisieren. Es geht dabei weniger um die Begrenzung der Managergehälter, sondern es dreht sich mehr um die Frage, woran sich die Managergehälter orientieren. Es ist zurzeit so, dass man sich am kurzfristigen Erfolg, oft auch am Erfolg der Aktie an der Börse orientiert. Das ist falsch. Die langfristige Orientierung und eine nachhaltige Entwicklung der Unternehmung muss das Ziel sein.

Wer könnte denn die Rolle eines internationalen Regulierers übernehmen?

Der Internationale Währungsfonds könnte eine solche Rolle spielen, jedenfalls bietet er sich derzeit dafür an. Ich warne aber vor einer Superbehörde, die die Welt unter Kontrolle hält. Hätten wir vor ein paar Jahren eine solche Behörde geschaffen, dann vermutlich nach den Regeln Nordamerikas. Wie wir sehen, sind diese aber nicht besonders günstig. Heute ist Europa ein bisschen besser aufgestellt als Amerika, weil wir uns eben nicht auf diese Standards eingelassen haben. Und wir wissen auch heute nicht ganz genau, welche Standards morgen wetterfest sind. Wir brauchen deshalb ein Minimum an kreativer Vielfalt, die im Wettbewerb entsteht.

Könnte die Europäische Union ein Vorreiter für eine neue Weltfinanzarchitektur werden?

Auf der einen Seite ist die EU sehr zerstritten. Es ist sehr schwierig, sich zu einigen. Auf der anderen Seite ist Amerika jetzt auf Regelungen geschwenkt, die Europa vorgelegt hat, zum Beispiel auf das schwedische Modell. Und auch die britische Reaktion auf die Krise hat die aktuelle Politik Amerikas beeinflusst - die Regierung zwingt die Banken, eine staatliche Beteiligung zu akzeptieren. Europa kann also sicherlich eine Vorreiterrolle übernehmen. Ob es den politischen Willen hat dazu aufbringen kann, muss man noch sehen.

Ist denn mangelnder politischer Wille bisher ein Problem?

Ich sehe noch nicht den politischen Willen, dass Europa als Ganzes auftritt.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews warum ein Verbot bestimmter Finanzgeschäft nicht viel bringt und warum die Krise beherrschbar ist.

Müsste nicht zugleich die Frage aufkommen, ob bestimmte Finanzwetten ganz und gar verboten werden sollten?

Man kann darüber streiten, ob Leergeschäfte, die derzeit wieder getätigt werden können, vertretbar sind. Ansonsten bin ich generell sehr skeptisch gegenüber Verboten, weil sich der Markt immer wieder neue Möglichkeiten schafft, risikoreiche Anlagestrategien zu realisieren. Aber nicht alles, was risikoreich ist, ist schlecht. Erfindungen, Erneuerungen und Veränderungen sind immer risikoreich. Wir brauchen dringend Regelungen die sicherstellen, dass diejenigen, die Risiken auslösen, auch Verantwortung übernehmen.

Es wäre aber gefährlich, durch Regeln eine Welt der Sicherheit zu schaffen. Das würde zum Ende des Wirtschaftswachstums führen, denn Marktwirtschaft braucht Risikobereitschaft. Die Krise, die wir jetzt haben, ist eine schwere Krise. Sie wird nicht aller Jahre wiederkommen. Aber wir werden nicht ausschließen können, dass es eine solche Krise künftig wieder geben wird.

Wie lange wird Ihrer Meinung nach die Periode des starken Staates anhalten?

Der starke Staat ist stark, solange er schnell handelt und sich wieder zurückzieht, sobald er erfolgreich ist. Ich denke, wenn sich der Staat langfristig in die Geschäfte der Bank einmischt, wird er ein schwacher Staat sein, weil er nicht in der Lage ist, Bankgeschäfte zu führen. Das wird der entscheidende Punkt sein. Das heißt, der starke Staat kann sich nicht länger als zwei Jahre in der Weise engagieren, wie das derzeit getan wird.

Glauben Sie daran, dass die USA mitziehen wird?

Die Vereinigten Staaten sind so unter Druck, dass sie sich nicht ausschließen können. Die Frage ist, was sie dann akzeptieren werden, also, was man letzten Endes gestalten kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Amerika eine Weltkontrollbehörde akzeptieren würde. Das ist ja noch viel dramatischer als ein Weltklimaabkommen. Das wäre dann auch die faktische Abgabe der Dominanz der Finanzmärkte.

Wie schätzen Sie überhaupt die bisherigen Entwicklungen in der Finanzkrise ein?

Ich denke, dass man immer noch hinter der Entwicklung hinterherhinkt. Die Krise gibt es im Ansatz seit langem, die Probleme waren lange diskutiert. Allerdings hat man, als es vor wenigen Wochen richtig losging, zu spät erkannt, dass das nicht ein Problem ist, das man in Deutschland alleine lösen kann, sondern wofür man rasch eine europäische, ja eine globale Lösung braucht. Aber man hat erst einmal deutsche (und irische) Alleingänge gesehen, womit ich die Ankündigung meine, die Sparkonten zu sichern. Mittlerweile kommen auch noch die Ängste über eine große Rezession hinzu, die überzogen sind, die aber die Irritationen an den Börsen weiter treiben. Deshalb wird die Welt nicht zur Ruhe kommen, bis klar ist, wie die neue Finanzarchitektur aussehen wird. Man hätte schon früher eine Kommission einsetzen sollen, die im Hinterzimmer tagt und an Lösungsvorschlägen arbeitet.

Sie selbst haben an zwei weltweiten Appellen mitgewirkt. Darin haben Sie vor zwei Wochen die europäischen Regierungen bereits dazu aufgerufen, gemeinsam eine Lösung zu finden...

...mit dem Ziel zu sagen: Leute, die Sache ist ernst, ihr müsst gemeinsam ran. Wir haben auch Vorschläge eingebracht, wie man nun weiter vorangehen kann.

Welche Erwartungen verbinden Sie mit den Aufrufen?

Man darf nicht zu viel erwarten. Aber insgesamt hatten wir doch viel Aufmerksamkeit aus der Öffentlichkeit aller Länder erhalten, auch aus dem Umfeld der Entscheidungsträger. Das war uns wichtig. Ich glaube zwar nicht, dass man mit Aufrufen den Gang der Welt drehen kann, aber sie tragen dazu bei, dass die Prozesse schneller ablaufen, als das sonst der Fall gewesen wäre.

Sie haben in einem Aufruf Anfang Oktober unter anderem geschrieben, dass die Krise noch beherrschbar sei. Wie sieht das mittlerweile aus?

Die Krise halte ich weiterhin für beherrschbar. Man darf nur jetzt nicht das Toben der Aktienmärkte als Signal für Erfolg oder Misserfolg sehen. Es ist normal, dass bei so großen Unsicherheiten die Kurse rauf und runter gehen. Dies ist kein Indiz, dass die Entwicklung nicht beherrschbar ist. Es ist wichtig, Kurs zu halten.

Interview: Mandy Schünemann


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