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Forsa-Chef Güllner: "Die SPD ist auf dem Weg zur Sekte"

War der Stimmenverlust für die Bremer SPD die Fortsetzung einer Fahrt ins Bodenlose? stern.de sprach mit Forsa-Chef Manfred Güllner über die Zukunft der Sozialdemokraten und was Umfrageergebnisse darüber aussagen können.

Wie bewerten Sie das Bremer Wahlergebnis mit Blick auf die Tatsache, dass die SPD auch dort über fünf Prozent verloren hat?

In Bremen hat sich die Talfahrt der SPD fortgesetzt. Nur noch 21 von 100 Wahlberechtigten haben der SPD ihre Stimme gegeben. Vor 20 Jahren waren es noch 40. Bei der Bundestagswahl 2005 haben immerhin noch 125.000 SPD gewählt. Jetzt hat die SPD nur noch knapp 102.000 Stimmen. Ungebremst verliert die Partei weiterhin das Vertrauen der Wähler.

Trifft Sie als Demoskop das Standardurteil: Umfragen sind Umfragen, sind Momentaufnahmen und wenig aussagekräftig?

Umfragen vor einer Wahl sind immer aktuelle Stimmungsbilder. Forsa kann sich allerdings insofern bestätigt fühlen, dass wir der SPD den Verlust von weiteren fünf Prozent prognostiziert haben und sie nicht bei den 42 Prozent gelandet ist, die ihr andere Institute zugemessen haben, sondern fünf Prozent darunter.

Verschließt die SPD die Augen vor der Realität?

Die SPD blendet seit Jahren die Realität aus. Das ist wie bei einem Haus, das durch ein Erdbeben einstürzt, und anschließend wird erklärt, es sei zusammen gekracht, weil ein Schrank verrückt wurde.

Kann man auf Basis der forsa-Umfrage im stern sagen: Die Genossen haben die Schnauze voll von der großen Koalition, vom Regieren generell. Und Sehnsucht nach der Opposition?

Ja. Viele SPD-Aktivisten wollen gar nicht mehr regieren und an der Macht teilhaben. Die wollen lieber ihre Grundsätze hochhalten, egal ob man dafür Mehrheiten findet oder nicht. Die große Koalition hat diese Haltung noch verstärkt.

Sind das Politikromantiker, die lieber in die Opposition gingen - oder gibt es nur dort die Chance, sich wieder als Volkspartei zu finden?

Die SPD hat verlernt, dass sie ihre Politik so ausrichten muss, dass sie unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen unter einen Hut bringen muss.

Heißt das, dass die SPD ihren Charakter als Volkspartei verloren hat?

Sie ist auf dem Wege weit weg von der Volkspartei, ein Prozess, den sie in Bayern schon hinter sich hat, dort ist sie nur noch eine Sekte.

Was steht im Zentrum des Missvergnügens der Partei an der derzeitigen Situation und am derzeitigen Kurs?

Man muss mal zurückblenden in den Wahlkampf 2005. Damals ist die SPD angetreten, um Angela Merkel zu verhindern und die höhere Mehrwertsteuer. Viele haben sich aus diesem Grunde noch einmal schweren Herzens durchgerungen, doch SPD zu wählen. Die haben jetzt Frau Merkel, höhere Steuern, Herrn Müntefering und seine Rente 67, die sie auch nicht haben wollten. Und eine Gesundheitsreform, von der man den Eindruck hat, dass sie die Menschen nur abzockt. Den Frust dieser Leute kann man nur zu gut verstehen.

Der SPD-Kurs wird bestimmt vom Vizekanzler Müntefering, zuweilen im Alleingang wie bei der Rente mit 67. Weiß der nicht mehr, was die Partei denkt und fühlt?

Schauen Sie sich Münteferings Weg an. In NRW war er Landesvorsitzender und hat dort die SPD um die Macht gebracht und ruiniert. Er drückte seine Vorstellungen unter Ausblendung der Realitäten durch. Genau das geschieht auch heute. Er hat keine Nabelschnur mehr zur Welt der SPD-Wähler.

Kann sich Kurt Beck noch aus seinem persönlichen Tief befreien? Seine Werte sind schlechter als die von Rudolf Scharping vor dessen Sturz.

Wenn die Menschen erst einmal ein Urteil über einen Politiker gefällt haben, ist es sehr schwer, das wieder zu verändern. Nehmen Sie nur einmal das 1990 über Oskar Lafontaine gefällte Urteil - es hat sich bis heute nicht mehr verändert. Das wird es Beck sehr, sehr schwer machen, das Urteil über ihn bis zur nächsten Wahl wieder umzudrehen.

Welche Gefahr geht vom schwachen Ansehen des mutmaßlichen Kanzlerkandidaten 2009 Beck aus?

Fast 50 Prozent der Wähler der SPD von 2005 sagen heute, sie würden sich jetzt für Frau Merkel entscheiden und nicht für Herrn Beck. Er ist ein Mann ohne Rückhalt in der SPD-Wählerschaft. Viele werden daher in die Wahlenthaltung flüchten.

Raten Sie der SPD auf der Basis Ihrer Umfrageergebnisse und des Bremer Wahlergebnisses zur Aufgabe des Kontaktverbots zur Linken?

Nein. Die SPD muss zunächst mal das reine machttaktische Denken aufgeben. Sie muss über 2009 hinaus denken und überlegen, wie sie das Vertrauen der Menschen wieder gewinnen kann. Ein Kurswechsel nach links würde ihr Elend nur noch dramatisch vergrößern. Sie muss wieder für größere Gruppen attraktiv werden, dann kann sie vielleicht auch Wähler zurückgewinnen, die zur Linken gewandert sind.

Interview: Hans Peter Schütz