VG-Wort Pixel

Führungskrise in der FDP Was für Westerwelle spricht


Alle dreschen auf den FDP-Vorsitzenden ein - unser Gastautor Timo Pache findet, er sollte Vorsitzender bleiben. Und nennt zehn Gründe dafür.

Guido Westerwelle ist kein Sympathieträger, war er noch nie. Er ist auch bis heute nicht der Chefdiplomat, der weltweit für gute Stimmung sorgt. Und seine Liberalen sind alles andere als die besseren Grünen - eine unideologische und überdurchschnittlich verantwortungsbereite Partei.

Der einzige Vorteil der FDP: Sie ist nicht so moralinsauer wie die Grünen und hat auch keine Claudia Roth in ihren Reihen. Ansonsten ist sie in ihrer Spitze eine ziemlich spaßfreie und bisweilen sogar reaktionäre Männertruppe, die außer Leistungsbereitschaft und Steuersenkungen ziemlich wenig von dieser Welt wissen will. Und auch dies ist alles Guido Westerwelle.

Es ist also ziemlich leicht, gegen den FDP-Chef zu sein. Aber das ist ein bisschen einfach. Denn die Misere der Partei hat viele Gründe, und Westerwelles Rückzug wäre kaum eine Lösung. Zehn Gründe, warum Westerwelle Parteichef bleiben muss:

Besser als sein Ruf

Der FDP-Chef ist gar nicht so schlimm, wie man denkt. Auf der Bühne ist er zwar oft schneidend, merkwürdig aggressiv und auch herablassend. Aber eigentlich ist Guido Westerwelle ein Guter, nur eben oft so unsicher. Das sagen alle, die häufiger mit ihm zu tun haben. Beispiel: die Maulwurfaffäre. Während Parteivize Rainer Brüderle eidesstattliche Erklärungen aller Mitarbeiter der Parteizentrale verlangte, um den Informanten der US-Botschaft zu finden, erklärte Westerwelle, er vertraue seinen Mitarbeitern. Als sich später ausgerechnet sein Büroleiter outete, stand er zwar doof da - aber so wünscht man sich seinen Chef.

Wahlkampf kann er

Westerwelle polarisiert, das kann einer Partei nicht nur schaden, sondern auch nutzen. Wo man mit angepassten Langweilern, die es allen recht machen wollen, hinkommt, sieht man am Schicksal von SPD und Union.

Hauptsache Erfolg

Bei der Bundestagswahl 2002 erhielt die FDP noch 7,4 Prozent, 2005 waren es 9,8 Prozent und 2009 immerhin 14,6 Prozent. Heute sitzt die FDP in allen Landesparlamenten mit Ausnahme von Hamburg. Das ist kein Grund zur Dankbarkeit, soll ihm aber erst mal einer nachmachen.

Cool bleiben

Eine Weisheit unter Wahlkämpfern lautet: "Wer zuckt, verliert." Soll heißen: Wer Nervosität zeigt angesichts mieser Umfragewerte und daher wahlweise das Programm oder das Spitzenpersonal infrage stellt, der wird erst recht vom Wähler abgestraft.

Bloß nicht Brüderle

Wer Guido Westerwelle weg haben will, der soll sich die Alternativen anschauen: Rainer Brüderle zum Beispiel. Ein 65 Jahre alter Mann, der schon unter Helmut Kohl vom Amt des Wirtschaftsministers träumte und dessen größter Vorzug heute ist, dass er sein Amt besser führt als befürchtet. Aber wäre er deshalb der bessere FDP-Vorsitzende? Wohl kaum. Wer auf Brüderle hofft, kann auch gleich auf Hans-Dietrich Genscher setzen. Das Gleiche gilt im Übrigen für die Herren Wolfgang Gerhardt und Hermann Otto Solms - nur damit keine Nostalgie aufkommt.

Greenhorns zu grün

Die FDP hat viele Talente, aber will man wirklich junge Männer, die anderswo noch als Trainees arbeiten, zum Widerpart von Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer machen? Christian Lindner, Philipp Rösler und Daniel Bahr brauchen noch Zeit - und vor allem die Chance, unbelastet von der aktuellen Misere die Partei wieder aufzubauen.

Die Krise hat viele Väter

Zugegeben, Westerwelle hat aus der FDP eine völlig überdrehte Steuersenkungspartei gemacht. Aber kräftig mitgeholfen haben dabei allen voran Solms und Brüderle. Die Krise der FDP ist auch ihre Krise.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Bisher hat die FDP noch keine Wahl verloren. Selbst in Nordrhein-Westfalen schnitt die FDP besser ab als bei der letzten Wahl 2005 - und das trotz eines blassen Spitzenkandidaten und der Führungsdebatte in Berlin. Gut möglich, dass auch die Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz noch besser ausgehen, als die Umfragen erwarten lassen.

Small is beautiful

Mal ehrlich: Die FDP war schon immer eine versprengte Truppe, deren fünf bis sechs Prozent den jeweiligen Kanzlern immer gerade so zum Regieren fehlten. Westerwelle zimmerte daraus eine eigenständige Partei. Wenn diese nun wieder auf ihre Kernwählerschaft schrumpft, ist das: das Normalmaß.

Endlich ein schwuler Außenminister

Es hat lang gedauert, bis sich Westerwelle zu seiner Homosexualität bekannte - aber immerhin. Und dass das bis heute keine Selbstverständlichkeit ist, zeigen die vielen Machosprüche selbst in seiner eigenen Partei. Auch deshalb ist Guido Westerwelle vorerst unverzichtbar. Von Timo Pache, Berlin.

Gefunden in der FTD

FTD

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker