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G8-Gipfel: "Es ging ums nackte Überleben"

Was lief schief bei den Polizeieinsätzen auf den G8-Demos? So ziemlich alles, sagen Beamte. Doch die Politik lässt sich von der massiven Kritik der Polizisten nicht beeindrucken. Teil 2 der stern.de-Serie über die Nachwehen des Gipfels von Heiligendamm.

Von Manuela Pfohl

Neulich beim Einsatz war es wieder da. Das Kribbeln, das langsam den Nacken hochkriecht. Erst heiß, dann eiskalt. Schweißausbruch, Herzrasen. Demonstranten, Schreie, Wut. Jan G., 33, Polizist, fühlt sich, als sei er wieder mittendrin in den Auseinandersetzungen beim G8-Gipfel in Heiligendamm. Er sieht sich in seiner Uniform im Stadthafen stehen, am 2. Juni in Rostock. Der Tag der Randale. Steine fliegen, Tränengas sticht in den Augen, Rauchschwaden eines angezündeten Autos steigen in den Himmel. G. hört die widersprüchlichen Befehle.

Er soll rein gehen in die schwarze Masse aus Steinen und Hass."Ich habe gedacht, das ist doch Irrsinn, wir sind viel zu wenige." Er reißt einen Vermummten zu Boden. Der schreit und tobt, jemand zieht an der Uniform, tritt nach Jan G., haut ihm in die Kniekehlen. Er spürt den Schlag im Rücken, den dumpfen Aufprall auf seinem Helm. Den Druck auf den Augen. Er sagt: "Ich verstehe nicht, warum uns die Polizeiführung so ins offene Messer hat laufen lassen." Zwei Tage später beginnen die Diskussionen um die Ursache der Ausschreitungen.

"Einsatztechnische Dummheit"

Der Münchner Polizeipsychologe Georg Sieber erklärt in einem Interview den Polizeieinsatz als "einsatztechnische Dummheit". Es sei in Rostock eigentlich lehrbuchgerecht alles so gemacht worden, wie es nicht sein soll. Ein bayrischer Beamter erklärt: "Das Ganze wurde fast zwei Jahre lang vorbereitet. Mich hat es überrascht, wie wenig die Polizeiführung trotz der langen Vorbereitungszeit über die Taktiken und Pläne der Gipfelgegner wusste und wie unflexibel und starr sie auf deren Aktionen reagiert hat."

Die Liste aus Pleiten, Pech und Pannen ist lang. Beamte erzählen, dass Spezialeinheiten, die für Krisensituationen, wie die Demo in Rostock ausgebildet sind, stattdessen zur Bewachung von Gebäuden eingesetzt wurden. Nicht genügend vorbereitet sei auch der Einsatz unterschiedlicher Funksysteme gewesen. So sei eine Einheit beispielsweise aufgefordert worden, sich vorwärts zu bewegen. Der Empfänger habe jedoch stattdessen verstanden, er solle sich zurückziehen. Bereitschaftspolizeiabteilungen mit vier Einsatzhundertschaften seien komplett ohne Abteilungsführung eingesetzt worden.

"Es ging ums nackte Überleben"

Kompetenzwirrwar, das nach Aussage der Gewerkschaft der Polizei (GdP) auch dazu führte, dass die Berliner 2. Bereitschaftspolizeiabteilung den Anordnungen Baden-Württembergs unterstellt war, die Polizei Baden-Württembergs wiederum hatte auf das Kommando von Bayern zu hören.

Mehrfach hätten Zugführer nur über private Handys Aufträge erfragen können. Ein Zugführer erzählt, er sei mit Berufsanfängern in den Einsatz geschickt worden. Aus seiner Sicht ein unkalkulierbares Risiko. "Die hatten soviel Schiss, es ist ein Wunder, dass die nicht vor Angst durchgedreht sind." Bernhard Schmidt ist ein erfahrener Polizist. WM, Castor-Transporte, Kreuzberger Nächte. "Ich hab alles schon mitgemacht und bin kein Weichei." Bei der Demo am 2. Juni in Rostock habe selbst er Angst gehabt. "So ein Einsatzfiasko wie da habe ich in meiner ganzen Dienstzeit noch nicht erlebt. Es ging ums nackte Überleben. Wir wurden regelrecht verheizt."

In der Pressemitteilung der Polizei Nr. 091 ist davon nichts zu lesen. Da steht, die Polizei ziehe nach dem G8-Gipfel eine positive Bilanz. Rüdiger Holecek vom Bundesvorstand der Polizeigewerkschaft fasst nüchtern zusammen, wovon seine Kollegen längst überzeugt sind: "Unsere Einsatzbilanzen decken sich nicht immer mit den Bilanzen der Leitung." In die Feier der "erfolgreichen Deeskalationsstrategie" passen offenbar auch die verletzten Beamten nicht, vermutet die GdP. Kurz nach dem Einsatz meldete Kavala noch, es habe in Rostock über 400 verletzte Polizisten gegeben. Mehr als 30 von ihnen seien schwer verletzt worden.

Inzwischen weitere Verletzungen gemeldet

Wenig später wird das Ganze revidiert. Man habe die Verletzungen zunächst für schlimmer gehalten, als sie tatsächlich waren, sagt Kavala-Sprecher Axel Falkenberg. Das Problem sei, dass es keine einheitliche Definition der Zuordnung von Verletzungen gibt. Ob schwerverletzt oder erheblich verletzt, sei eine Interpretation, die in allen Bundesländern unterschiedlich anders gehandhabt wird. Eine interne Statistik von Kavala, die sich auf den 2. Juni bezieht, bezieht sich auf Notarztkriterien und nennt 237 leicht verletzte Beamte sowie 32 schwerverletzte Polizisten. Dazu zählen dutzende Knochenbrüche, Risswunden, Schnittwunden, Brustwirbelsäulentraumata, Sprunggelenksverletzungen, Bänderrisse, Kopfverletzungen.

Doch es scheint sicher zu sein, dass es weit mehr Verletzte während des gesamten G8-Gipfels gab. Denn inzwischen haben sich Beamte aus den verschiedenen Bundesländern gemeldet und von weiteren schweren Verletzungen berichtet. Im Juli hat Jörg Radek vom GdP-Bundesvorstand deshalb begonnen, Listen zu erstellen. "Uns geht es dabei nicht um billige Aufrechnung. Wir wollen, dass Planungsfehler konsequent analysiert und künftig abgestellt werden." Dazu gehöre auch das Eingeständnis, dass die Kollegen mehr Dresche bezogen haben, als bei guter Einsatzplanung üblich gewesen wäre.

Untersuchungsausschuss gefordert

In einem Bericht der Berliner GdP an den Berliner Polizeipräsidenten heißt es: "Die über Monate andauernde politische Diskussion im Vorfeld des Einsatzes hat sich aus unserer Sicht negativ auf die Einsatzgestaltung der Polizei ausgewirkt. Es ist zwar nicht beweisbar, aber es hat mit großer Wahrscheinlichkeit eine politische Einflussnahme auf die Polizei gegeben." Weder Kavala-Chef Knut Abramowski noch der für den Gesamteinsatz zuständige Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, Lorenz Caffier (CDU) wollen sich öffentlich zu den Vorwürfen äußern. Dem Innenausschuss des Landtages hat Caffier vor der Sommerpause einen geheimen, 300 Seiten starken Bericht vorgelegt. Ausschussmitglieder erklärten nach der Sitzung: "Nur laue Luft."

Die Linksfraktion im Landtag fordert seitdem einen Untersuchungsausschuss. Jan G. glaubt nicht, dass etwas dabei herauskommen würde. Kavala hat die Arbeit inzwischen eingestellt. Die polizeilichen Zuständigkeiten sind wieder auf die Länder übergegangen. Was also hätte der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns zu befürchten? Nach dem Gipfel hat der Polizist überlegt, den Dienst zu quittieren. "Kannst du mir sagen, wovon wir dann leben sollen", hat seine Frau ihn gefragt. Seitdem hofft er, dass seine G8-Albträume irgendwann verschwinden, wie das Kribbeln, das langsam den Nacken hochkriecht.