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Gesellschaft: Durch Kinderarbeit zum Haushaltsgeld

Im Prinzip regelt das Gesetz die Kinderarbeit, doch die Vorschriften stehen oft nur auf dem Papier. Freiwilligkeit ist die Grundbedingung, manche Kinder werden aber gar nicht gefragt. Andere finden das Geldverdienen attraktiv.

Kinderarbeit in Deutschland hat viele Gesichter: hübsche und hässliche, pädagogisch wertvolle und kriminelle. Kinderarbeit ist Ausbeutung und Selbstverwirklichung, macht Spaß und ruiniert die Knochen. Deutschland ist nicht Dritte Welt - hier müssen kleine Hände weder Teppiche knüpfen noch Fußbälle nähen. Aber auch hier ist Kinderarbeit oft genug Schinderei, auf dem Bau oder auf dem Acker. Kinderarbeit in Deutschland ist getrieben von Gier nach Geld und Anerkennung, aber auch von blanker Not und bitterer Armut.

"Ich finde es gut"

Geld verdienen wollen alle, und manche müssen. "Ich finde es gut", sagt die Mutter eines 14-Jährigen in Hamburg, der regelmäßig Zeitungen austrägt. "So lernt er, dass das Geld nicht einfach aus dem Automaten kommt." Zwischen 50 und 80 Euro pro Monat können Jugendliche mit dem Verteilen von Prospekten und Anzeigenblättern verdienen - das ist die mit Abstand beliebteste Art von Schülerarbeit. Auch 25 Euro für einen Samstagabend als Babysitter sind attraktiv. Mit dem Geld lässt sich mehr als ein Kinobesuch finanzieren, ein Abend in der Disco und ein neues Spiel für die Konsole. "Klamotten, Zigaretten, Kosmetik, was man eben so braucht", sagt eine 13-Jährige.

Etwa 700.000 Kinder in Deutschland arbeiten nach der Schule, schätzt der Deutsche Kinderschutzbund. Andere Angaben sprechen von jedem dritten Schüler, der jobbt. Allerdings ist die Tendenz durch die hohe Arbeitslosigkeit rückläufig. Auch für Kinder gibt es immer weniger Jobs. Die wenigen guten bekommen die, die Kontakte über die ohnehin gut situierte Familie haben. Die schlecht bezahlten Jobs bleiben für die Kinder der Unterschicht.

Im Büro des Kinderschutzbundes im Berliner Stadtteil Wedding kennt die Diplom-Psychologin Sabine Walther die unterschiedlichsten Biografien der jungen Arbeitnehmer. "Das geht von den Wohlhabenden aus gutem Hause, die ihr ohnehin reichliches Taschengeld aufbessern, bis zu denen, die vom Verdienten noch was abgeben müssen." Kinderarbeit als Stütze für das Haushaltsgeld? "Das ist in Städten wie Berlin keine Seltenheit", sagt Walther. Mit der Arbeitsmarktreform zum Januar werde dieser Druck noch zunehmen.

Gesetz regelt Kinderarbeit

Im Prinzip regelt das Gesetz die Kinderarbeit, und schränkt sie erheblich ein. Doch die Vorschriften des Jugendarbeitsschutzgesetzes stehen oft nur auf dem Papier: Für Kinder unter 13 ist ohne Ausnahmegenehmigungen etwa für Film- und Fernsehdarsteller gar nichts erlaubt. Die älteren dürfen nicht mehr als zwei Stunden pro Tag, in der Landwirtschaft drei, nicht nach 18 Uhr und nicht vor oder während der Schulzeit und nicht mehr als fünf Tage die Woche arbeiten. In den Ferien sind vier Wochen pro Jahr zulässig.

"Eigentlich ist das Gesetz zu lasch", meint Walther. Aber sie weiß auch: "Wir sind schon froh, wenn es nicht noch weiter aufgeweicht wird." Ihre Bedenken: "Gesundheitsschäden durch schwere körperliche Arbeit sind keine Seltenheit." Außerdem leide die Schule unter dem Nebenerwerb, die nervliche Belastung sei hoch. Die Kinder sehen das oft anders: Während viele Schule und Hausaufgaben als lästige und anstrengende "Arbeit" empfinden, ist Geldverdienen für sie attraktiv.

Auch der Soziologe Manfred Liebel von der TU Berlin kann der Kinderarbeit eine Menge positive Seiten abgewinnen. Kinder machen neue Erfahrungen, erwerben Wissen und Kompetenzen, gewinnen Selbstachtung und Unabhängigkeit, Stolz und Anerkennung, schreibt er in seinem Buch "Kindheit und Arbeit" (Frankfurt 2001). Eine Arbeit, die körperliche, geistige und soziale Entwicklung nicht beeinträchtigt, sollte auch nicht verdammt werden.

Familienleben im Ladengeschäft

Freiwilligkeit müsste wohl Grundbedingung sein, doch manche Kinder werden gar nicht gefragt: Die Berliner Behörden etwa beobachten seit einiger Zeit vietnamesische Lebensmittelgeschäfte in Lichterfelde, wo Kinder ihre Eltern wie selbstverständlich viele Stunden in der Woche im Laden unterstützen. Das gilt auch für türkische und andere Ausländerfamilien. Oft findet das komplette Familienleben in den kleinen Ladengeschäften statt.

Anderen geht es noch schlechter: Das Kinderhilfswerk Terre Des Hommes spricht von mindestens 9000 Straßenkindern, die jährlich in Deutschland betreut werden. Die Gesamtzahl dürfte erheblich höher liegen. Betteln, Rauschgifthandel, Prostitution sind die Einnahmequellen, mit denen diese Kinder ums Überleben kämpfen. In Statistiken über Kinderarbeit kommen sie gar nicht vor.

Thomas Lanig/DPA / DPA