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Guttenberg und die Universität Bayreuth: Stillgehalten, ihr Professoren!

Karl-Theodor zu Guttenberg will der Universität Bayreuth einen Maulkorb umhängen, damit sie seine Täuschung nicht öffentlich Täuschung nennt. Mit aller Kraft verteidigt er so die Mär vom Märtyrer.

Von Florian Güßgen

Warum tut Karl-Theodor zu Guttenberg sich das nur an? Die öffentliche Aufregung über sein Plagiat, seine Affäre, seinen Aufstieg und seinen Fall, all das war doch längst ausgereizt und verebbt. Selbst die Guttenberg-Fans - in der analogen und der digitalen Welt - waren des Kampfes müde geworden. Die Demos waren vorbei, die Einträge auf den Facebook-Seiten "Wir wollen Guttenberg zurück" oder "Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg" wurden spärlicher. Guttenbergs jüngster Eintrag auf seiner eigenen Facebook-Seite stammt vom 22. März. Ein Video hatte er damals eingestellt, auf dem er sich bündig bei seinen Unterstützern bedankte und am Ende sagte: "Wir werden voneinander hören. Und ich werde mich melden."

Jetzt hat er sich schneller gemeldet als gedacht. Oder besser: Seine Anwälte haben sich gemeldet. Mit Verweis auf die Persönlichkeitsrechte des CSU-Politikers wehren sie sich dagegen, dass das akademische Verdikt über Guttenbergs Dissertation veröffentlicht wird, der Bericht der "Kommission Selbstkontrolle in der Wissenschaft" der Universität Bayreuth. Die Kommission ist mit ihrer Arbeit so weit, dass das Dokument Ende April vorgestellt werden könnte. Universitätspräsident Rüdiger Bormann hat deutlich gemacht, dass er die Veröffentlichung für angebracht hielte - ebenso der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Matthias Kleiner. Für die Universität, aber auch für die akademische Landschaft wäre die Veröffentlichung eine Art Selbstreinigung nach dem unappetitlichen und ehrabschneidenden Guttenberg-Kuddelmuddel. Nun aber hängen Guttenbergs Anwälte der Universität einen Maulkorb um. Zwar ist es laut Universitätsstatuten Guttenbergs gutes Recht, gegenüber einer Veröffentlichung ein Veto einzulegen, aber bei seinem Rücktritt im März hatte er es zum "aufrichtigen Anliegen" erklärt, bei der Aufarbeitung der Vorwürfe gegen ihn mitzuarbeiten. Die Universität hat nun wiederum die Anwälte Guttenbergs aufgefordert, ihr Veto doch bitte zu überdenken - und zwar bis zum 26. April.

Das Untersuchungsergebnis war und ist vorhersehbar

Auf den ersten Blick scheint Guttenbergs Verhalten absurd. Allein dadurch, dass er seine Anwälte losgelassen hat, ist das öffentliche Interesse an den Ergebnissen der Arbeit der Selbstkontrollkommission exponentiell gewachsen. Möglicherweise hat seine Gegenwehr auch kaum Auswirkungen. Es ist wahrscheinlich, dass der Bericht früher oder später öffentlich bekannt wird, die Hofer Staatsanwaltschaft will unabhängig von dem Kommissionsbericht ermitteln. Zudem wird das Dokument kaum etwas enthalten, was nicht jetzt schon bekannt ist. Das Urteil über die Guttenbergsche Arbeit ist im Grunde gefällt, der Pranger ist mit GuttenPlag Wiki von Anbeginn der Affäre an öffentlich einsehbar gewesen. Dass hier getäuscht worden ist, ist ebenso offensichtlich wie die Erkenntnis, dass Guttenbergs Unterscheidung in "unbewusste" oder "bewusste" Täuschung eine hanebüchene rhetorische Nebelkerze ist. Insofern war und ist auch das Ergebnis der Untersuchung der Bayreuther Kommission vorhersehbar - nicht wegen der Voreingenommenheit ihrer Mitglieder, sondern wegen der erdrückenden Last der Beweise. Die Kommission muss zu dem Schluss kommen, dass Guttenberg massiv abgeschrieben hat, dass er akademische Regeln verletzt hat - und, auch das, dass er getäuscht hat. Alles andere wäre eine Farce.

Warum also dann dieses letzte, scheinbar sinnlose Gefecht Guttenbergs zur Rettung seiner Ehre? Zur Erklärung kann es eigentlich nur eine Antwort geben: Mit aller Kraft und entgegen jede Vernunft will der gefallene Politstar den Mythos vom ehrenhaften Rücktritt verteidigen, den Mythos vom Rücktritt eines Ehrenmannes, der nur deshalb gegangen ist, weil ihn die bösen anderen hetzten und er Schaden von jenen abwenden wollte, für die er Verantwortung trug. Für diese Märtyrerlegende hatte Guttenberg den Grundstein schon in seiner Rücktrittsrede gelegt, als er zwar auch von eigenen "Fehlern, Schwächen und Versäumnissen" sprach, vor allem aber von der Rücksicht auf die Bundeswehr, die Wissenschaft, das Amt, die er nehmen müsse. Natürlich sprach er auch nicht davon, dass er der Welt ganz billig etwas vorgemacht hatte. Solange die Täuschung nicht von einer Autorität, die selbst Guttenberg anerkennen muss, quasi offiziell bestätigt ist, kann er so mit viel, viel Selbstbetrug eine Geschichte von Edelmut und Haltung aufrechterhalten - für sich und seine Jünger.

Der Kaiser ist immer noch nackt

Die Bayreuther Kommission ist nun so eine Autorität. Wenn sie sagt, Guttenberg hat beim Verfassen seiner Dissertation getäuscht, dann hat er getäuscht. Wenn die Kommission verkündet, der Kaiser sei nackt, dann ist er nackt. Dann wird auch Guttenbergs allerletzte Schutzbehauptung fallen. Und das will er offenbar keinesfalls zulassen. Mutmaßlich deshalb behauptet sein Anwalt in der "Bild", sein Mandat habe "schlüssig belegt, dass er nicht bewusst getäuscht" habe, mutmaßlich deshalb nutzt Guttenberg auch noch die letzte juristische Möglichkeit, um eine Veröffentlichung zu verhindern.

Schön ist diese Haltung nicht. Guttenberg verärgert so nicht nur die Universität Bayreuth, sondern er zerstört auch noch den Rest seines Ansehens, seiner Glaubwürdigkeit. Selbst der Kanzlerin geht er offenbar zu weit. Über ihren Regierungssprecher ließ Angela Merkel am Montag ausrichten, sie erwarte von Guttenberg, dass er "weiterhin zur Aufklärung voll beiträgt". Pfeiffen Sie ihre Juristen zurück!, sollte das heißen. Mit seinem Verhalten nimmt Guttenberg sich die Chance, dass endlich reiner Tisch gemacht wird und er selbst neu anfangen kann - wie und wo auch immer. Guttenbergs Anwälte sollten sich bis zum 26. April gut überlegen, ob sich ein Umdenken beim Umgang mit der Universität Bayreuth nicht doch lohnen würde. Zumindest sein allerletztes Gefecht in der Plagiatsaffäre könnte Guttenberg so mit Anstand beenden.