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Stephan B. geständig: Was die Staatsanwaltschaft dem Halle-Attentäter vorwirft

Eine "antisemitische, rassistische und fremdenfeindlichen Gesinnung" attestiert der Generalbundesanwalt dem geständigen Rechtsterroristen von Halle in seiner Anklage. In Kürze muss Stephan B. sich wegen vollendeten Mordes an zwei und versuchten Mordes an 68 Menschen vor Gericht verantworten.

Halle-Attentäter Stephan B. wird am 10. Oktober 2019 zum Bundesgerichtshof gebracht

Halle-Attentäter Stephan B. wurde am 10. Oktober 2019 einem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof vorgeführt

DPA

Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof klagt den geständigen Halle-Attentäter Stephan B. wegen zweifachen Mordes sowie versuchten Mordes an insgesamt 68 Menschen an. Außerdem wird B. besonders schwere räuberischee Erpressung, Volksverhetzung, fahrlässige Körperverletzung sowie gefährliche Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung mit Todesfolge vorgeworfen.

Das gab die Behörde am Dienstag bekannt, nachdem am vergangenen Freitag das Oberlandesgericht Naumburg bereits den Eingang der Anklageschrift bestätigte, ohne jedoch Details zu nennen.

Monatelange Ermittlungen zu Anschlag von Halle

Nach monatelangen Ermittlungen der "Besonderen Aufbauorganisation 'Concordia'" des Bundeskriminalamtes (BKA) geht der Generalbundesanwalt davon aus, dass der zum Tatzeitpunkt 27 Jahre alte Stephan B. aus einer "antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens" verüben wollte.

B. hatte nach stern-Informationen in mehrere Vernehmungen gestanden, am 9. Oktober 2019 in die Synagoge von Halle eindringen zu wollen, um dort möglichst viele Gläubige zu töten. In dem Gotteshaus befanden sich seinerzeit mehr als 50 Menschen, um den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur zu begehen.

Nachdem ihm das Eindringen in die Synagoge misslang, erschoss der inzwischen 28-Jährige die zufällig vorbeikommende Passantin Jana L., 40, und wenig später in einem Döner-Imbiss in der Altstadt von Halle den Malergehilfen Kevin S., 20. Stephan B. lieferte sich in der Folge ein Feuergefecht mit der Polizei und schoss zudem mehrfach auf weitere Menschen, verfehlte sie jedoch. Die Taten übertrug B. per Livestream direkt ins Internet. So habe er "seinen Anschlag einer breiten Öffentlichkeit präsentieren und Nachahmer für vergleichbare Taten gewinnen" wollen, hieß es in der Mitteilung des Generalbundesanwalts. Der Anschlag hatte über Deutschland hinaus für Entsetzen gesorgt.

Auf seiner Flucht schoss B. in der Ortschaft Wiedersdorf nach Überzeugung der Ermittler auf zwei Anwohner, um von ihnen die Herausgabe eines Autos zu erpressen. Die beiden Opfer wurden schwer verletzt.

Minuten später kaperte der Attentäter an einer Autowerkstatt unter Vorhalt einer Waffe ein Taxi und flüchtete über die Autobahn 9 in Richtung Süden. Auf einer Landstraße bei Zeitz im Süden Sachsen-Anhalts stieß er während der Verfolgungsjagd mit der Polizei mit einem Lastwagen zusammen und ließ sich rund anderthalb Stunden nach den ersten Schüssen widerstandslos festnehmen.

Die Ermittlungen des BKA ergaben, dass sich Einzelgänger Stephan B. im Kinderzimmer bei seiner Mutter, bei der er immer noch wohnte, radikalisiert hat. Über das Internet baute er demnach sein antisemitisches, rassistisches und verschwörungstheoretisches Weltbild in den Jahren und Monaten vor der Tat immer weiter auf. Er selbst nannte als Motiv für seinen Anschlag Hass auf Juden und Muslime.

Die bei seiner Tat verwendeten Schusswaffen und Sprengsätze baute B. den Ermittlungen zufolge selbst, unter anderem mit einem 3D-Drucker und in der Metallwerkstatt seines Vaters. Hinweise zu möglichen Mitwissern, Hintermännern oder anderen Komplizen ergaben sich nicht.

Der Prozess gegen Stephan B. wird vom Oberlandesgericht Naumburg geführt, allerdings aus Platz- und Sicherheitsgründen in einem Saal des Landgerichts Magdeburg. Das Verfahren beginnt voraussichtlich im Mai oder Juni.

Quellen: Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, Nachrichtenagenturen DPA und AFP

wue