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Hauptstadt-Schelte: Rambo Sarrazin lästert über Berlin

Thilo Sarrazin is back: In einem bissigen Interview ist der Bundesbank-Vorstand über die Zustände in der Hauptstadt hergezogen. Berlin fehle der Intellekt, es sei eine Stadt für den Plebs - und "türkische Wärmestuben" brächten nichts.

Von Axel Hildebrand

Wer jemals gedacht hat, der neue Job würde ihn besänftigen, würde ihn bändigen, zahmer machen, der hat sich getäuscht. Thilo Sarrazin, Ex-Finanzsenator in Berlin, Ex-SPD-Politiker, berüchtigter Provokateur ist zurück - und zwar mit einer Berlin-Schelte, die sich gewaschen hat. In einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Intellektuellen-Zeitschrift "Lettre International" hat das honorige Bundesband-Vorstandsmitglied über die Hauptstadt vom Leder gezogen. Ein Problem sei, "dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden", sagte Sarrazin Lettre International. Aber "türkische Wärmestuben" könnten die Stadt nicht voranbringen. Sarrazin kann das mittlerweile aus der Distanz beurteilen - er arbeitet nun in Frankfurt, fern der Berliner Problemglocke aus Hartz-IV-Regelsätzen und Wohngeldzuschüssen. Hinsichtlich des Umgangs mit Immigranten rat Sarrazin: "Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen." Die Bundesbank distanzierte sich mittlerweile von "den diskriminierenden Äußerungen".

"Westberliner Schlampfaktor"

Sarrazin spricht unverblümt tatsächliche Probleme der Hauptstadt an. Die Stadt hat, an der Einwohnerzahl gemessen, den höchsten Anteil an Sozialhilfeempfängern in Deutschland. Diese Entwicklung erklärt Sarrazin in dem Interview mit der "68er-Tradition" und dem "Westberliner Schlampfaktor". Die Stadt sei in ihren politischen Strömungen "nicht elitär aufgestellt, sondern in ihrer Gesinnung eher plebejisch und kleinbürgerlich". Der Intellekt aber, den Berlin brauche, müsse noch importiert werden "und er wird auch importiert werden wie im New York der 50er Jahre", sagte der Bundesbanker. Denn Berlin werde "niemals von den Berlinern gerettet werden können". Von der Stadt kann Sarrazin offenbar nicht lassen. Als Finanzsenator hatte sich der SPD-Politiker den Ruf eines sozialpolitischen Rambos erarbeitet, der sich gänzlich tabubefreit mit Sozialhilfeempfängern und Gutmenschen aller Art anlegte. Gleichzeitig brachte er den Berliner Haushalt auf Kurs - auch in dem er radikal die Personalkosten der Hauptstadt reduzierte. Aufsehen erregte er etwa mit seinen Empfehlungen, Empfänger von Arbeitslosengeld sollten, um Heizkosten zu sparen, doch einfach öfter Pullover in der Wohnung tragen.

Sarrazin sieht aber auch Fortschritte

Trotz aller Kritik macht Sarrazin in Berlin auch Fortschritte aus. "Ob es um Anteile am nationalen Diskurs oder an der kulturellen Produktion geht, an Fernsehserien, an Populärkultur bis hin zu dem Umstand, dass auch die Länder als die Vertreter des Föderalismus Berlin als Bühne benutzen." Topanwälte, Wirtschaftsberater, Manager, Ingenieure, Wissenschaftler - "viele möchten gerne in Berlin leben, viele Firmen eröffnen deshalb Dependancen". Sicher ist: Mit seinen Äußerungen hat Sarrazin "Lettre International" einen echten Erfolg beschert. Seit Mitte der 1990er Jahre führt in Berlin die kleine Redaktion der Zeitschrift vier Mal im Jahr einen philosophisch-wissenschaftlichen Diskurs - sie setzt sich mit religiösen Fragen auseinander, mit Literatur, mit Kunst. Bis jetzt wurden die Debatten vor allem von einem sehr kleinen, überschaubaren Fachpublikum zur Kenntnis genommen. Bis jetzt. "Die Telefone stehen überhaupt nicht mehr still", sagt Esther Gallodoro, Projektbeauftragte der Redaktion. Sie schafft es kaum, den Anfragen nach einer Abschrift des Sarrazin-Interviews nachzukommen. Sarrazin sells. Immer noch.