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Horst Köhler: Offen und unbequem

100 Tage ist Horst Köhler jetzt als Bundespräsident im Amt. Nach Startschwierigkeiten verstummen seine Kritiker zusehends. Durch seine offene Art hat sich Köhler mittlerweile viel Respekt verschafft.

Bundespräsident Horst Köhler hat seinen Platz gefunden. Wenn auch nicht so wortgewaltig wie sein Vorgänger Johannes Rau, machte das Staatsoberhaupt schon kurz nach seinem Amtsantritt im Juli mit unbequemen Aussagen auf sich aufmerksam. So verteidigte er die Reformpolitik der rot-grünen Bundesregierung, verlangte von Managern die Offenlegung ihrer Gehälter und löste mit umstrittenen Äußerungen eine Grundsatzdebatte zum Aufbau Ost aus. 100 Tage nach Amtsantritt sind die Kritiker Köhlers leiser und seine Zuhörer aufmerksamer geworden.

Schwieriger Start für Köhler

Der Start von Köhler vor der Wahl zum höchsten Staatsamt am 23. Mai war alles andere als gelungen. In einem bisher beispiellosen Gerangel hatten sich Union und FDP auf den Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) festgelegt. Vorher waren mindestens ein Dutzend Namen von potenziellen Kandidaten durch die Medien gegangen. Köhlers Wahlergebnis in der Bundesversammlung war knapp, und so musste sich das Staatsoberhaupt in den ersten Wochen gegen das Vorurteil der zweiten Wahl behaupten.

Doch die Querelen über die Amtseinführung scheinen nach knapp 100 Tagen vergessen. Köhler absolvierte in dieser Zeit ein umfangreiches Besuchsprogramm. Bei seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit sprach er nicht nur den Ostdeutschen aus dem Herzen.

Schon mit seiner ersten Auslandsreise nach Polen setzte Köhler ein ganz besonderes Zeichen. Der Besuch des östlichen Nachbarn und neuen EU-Mitglieds lag dem Staatsoberhaupt besonders am Herzen. "Polen hat einen besonderen Platz in meiner Biografie", hatte er stets betont.

Köhler stellt sich Bürgern vor

Köhlers deutschstämmige Familie war aus Rumänien vertrieben und in dem von Deutschen besetzten polnischen Dorf Skierbieszow angesiedelt worden. Auch in Polen, dessen Beziehung zu Deutschland durch die Forderung nach Entschädigungszahlungen überschattet ist, wurde diese Geste dankbar aufgenommen. Erst als zweite Station machte sich Köhler wie sonst üblich nach Frankreich auf.

Überhaupt hatte Köhler die ersten Monate seiner Amtszeit für Begegnungen mit Bürgern reserviert. Er wollte sich selbst ein Bild von dem Land machen, dem er vor sechs Jahren den Rücken gekehrt hatte, um zuerst nach London und dann nach Washington zu gehen. Fast alle Bundesländer hat der Bundespräsident, meist begleitet von seiner Ehefrau Eva, inzwischen besucht.

Einen Sturm der Entrüstung hatte das Staatsoberhaupt allerdings mit seiner Äußerung über die unterschiedlichen Lebensbedingungen in Ost und West ausgelöst. Köhler hatte gesagt, wer die großen Unterschiede in den Lebensverhältnissen einebnen wolle, zementiere den Subventionsstaat. Besonders bei ostdeutschen Politikern stieß diese Aussage auf Ablehnung und Empörung. Nach anfänglichen Irritationen nahm aber sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder das Staatsoberhaupt gegen den Vorwurf mangelnder Sensibilität in Schutz, ohne allerdings darauf zu verweisen, dass die Bundesregierung an einer Angleichung der Lebensverhältnisse festhält.

"Offen will ich sein und notfalls unbequem"

So wurden dann auch manche Besuche in den neuen Ländern zu einer Art Spießrutenlauf. Bei einer Begegnung mit Bürgern in Rostock wurde der Bundespräsident mit "Hau ab"-Rufen begrüßt. Berührungsängste kennt Köhler aber auch bei schwierigen Auftritten nicht. Zum Leidwesen seiner Sicherheitsbeamten mischt sich das Staatsoberhaupt gern unters Volk und konnte damit auch aufgebrachte Stimmungen beruhigen.

"Offen will ich sein und notfalls unbequem". So hatte Köhler sein Motto für die Amtszeit als Bundespräsident beschrieben. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, kritisierte er mangelnde Transparenz in deutschen Vorstandsetagen und forderte eine Offenlegung der Bezüge, trat für eine behutsame Anwendung der Arbeitsmarktreform Hartz IV ein und sprach sich gegen eine Abschaffung des Kündigungsschutzes aus.

"Diese Einheit trägt uns"

In einer bemerkenswerten Rede zum Tag der Deutschen Einheit in Erfurt rief das Staatsoberhaupt zu einer konsequenten Erneuerung des Landes auf. Doch auch Dankbarkeit über den Prozess der Wiedervereinigung schwang in Köhlers Rede mit. "Diese Einheit trägt uns", betonte er. Als wichtigste Schritte für die Zukunft nannte er ein besseres Bildungswesen, weniger staatliche Regulierung und eine moderne bundesstaatliche Ordnung.

Susann Kreutzmann/AP / AP