Horst Seehofer "Manchmal bäumt sich in mir alles auf"


Jeden Tag Streit, jeden Tag neue Schlagzeilen. Ist Horst Seehofer für die normale Politik verloren? Der CSU-Gesundheitsexperte über seinen Rücktritt, Intrigen und die Sehnsucht nach neuer Macht.

Herr Seehofer, nach Ihrem Rücktritt als Fraktionsvize haben Sie im Bundestag keinen Platz mehr in der ersten Reihe. Wie fühlt man sich als Hinterbänkler?

Hinten sitzt es sich gar nicht schlecht. Man hat die Kollegen nicht im Rücken, das ist ganz angenehm. Man bekommt mehr Informationen, und es ist alles ein wenig lockerer.

Was sagen Ihre Fraktionskollegen denn?

Die fragen mich: Wer hat denn nun dich aufs Kreuz gelegt - Merkel oder Stoiber?

Und was antworten Sie?

Ich stelle zurzeit immer nur Gegenfragen. Ich frage: Wie siehst du die ganze Geschichte? Meine Kollegen sagen dann: Unser Gesundheitskonzept wird in dieser Form sowieso nie umgesetzt. Das war deinen Rücktritt nicht wert, du hast einen viel zu hohen Preis bezahlt.

Aber Sie haben den Preis trotzdem bezahlt.

Es ging um eine Richtungsentscheidung für die Union, die ich nicht mittragen konnte. Und um meine persönliche Integrität.

Hat einer Ihrer Kollegen auch gefragt: Warum zerstörst du dich selbst?

Ja; aber ich zerstöre mich nicht selbst. Ich bin mit mir im Reinen. Was im Moment hängen bleibt, ist einfach Erschöpfung nach so vielen Tagen höchster Konzentration, wo man nicht einen Fehler machen darf. Ich bin sehr müde jetzt.

Aber politisch leben Sie weiter über Ihre Kräfte. Ihr Verhältnis zu Edmund Stoiber und Angela Merkel ist zerrüttet ...

Ich habe eine unglaubliche Rückendeckung in der Bevölkerung. Wenn ich auf der Straße bin, kommen die Leute und sagen: "Recht so!" Für wen machen wir eigentlich Politik? Für die Parteivorsitzenden und für die Medien? Oder für die Bevölkerung?

Das heißt, die Menschen auf der Straße sind wichtiger als Stoiber oder Merkel?

Ich habe Loyalität in der Politik immer gedrittelt. Die Loyalität zur Bevölkerung ist die wichtigste. Die Loyalität zur politischen Grundüberzeugung kommt an zweiter Stelle und die Loyalität zu den Verantwortlichen in Parteien an dritter Stelle.

Muss Stoiber jetzt damit leben, dass er von Ihnen nur ein Drittel Loyalität bekommt?

Das ist eine sehr mathematische Betrachtung. Wenn ich meine Grundüberzeugung verraten würde und mit meinen Vorsitzenden blendend auskäme - dann wäre ich mit mir jedenfalls nicht im Reinen.

Monatelang hat Stoiber Sie an die Front geschickt, um Merkels Gesundheitsprämie kaputtzuschießen. Dann knickt er im letzten Moment ein. Werden Sie ihm jemals wieder richtig vertrauen können?

Wir werden vernünftig zusammenarbeiten. Natürlich werde ich solche Erlebnisse immer im Hinterkopf haben. Das ist doch wohl klar.

Sie haben einmal gesagt, ich muss nicht ständig unter den Tisch kriechen, wenn Stoiber den Raum betritt. Kann es sein, dass er das ganz gern gehabt hätte?

Ja, das kann schon sein. Das tue ich aber nicht, jedenfalls nicht, wenn es um wichtige Fragen geht.

Sie haben großen Rückhalt bei den einfachen CSU-Mitgliedern, Sie können berauschende Reden halten. Hat der Kopfmensch Stoiber vielleicht auch ein wenig Angst vor Ihnen?

Also Angst hat er mit Sicherheit nicht. Aber dass ich Verankerung in der Bevölkerung und in der Parteibasis habe, das wird man in diesen Tagen wahrscheinlich weder in der CSU-Landesleitung noch in der Münchner Staatskanzlei übersehen.

Das ist eine Drohung.

Nein, das ist keine Drohung. Aber das ist nicht unwichtig.

Hat Edmund Stoiber schlechtere Nerven als Angela Merkel?

Ich kann nur sagen, wie ich das jetzt erlebt habe. Wer Frau Merkel unterschätzt, hat schon verloren.

In der CSU heißt es, wenn Sie weiter querschießen, müssen Sie auch noch Ihr Amt als stellvertretender CSU-Chef aufgeben. Stoiber lässt über seine Büchsenspanner verbreiten, dass Sie jetzt eine Bewährungsfrist haben ...

Ja, wo sind wir denn? Noch werden die Co-Vorsitzenden in der CSU nicht wie im Beamtenrecht vom Chef der Behörde in einem hoheitlichen Akt ernannt, sondern sie werden gewählt, und zwar von der Parteibasis. Wenn man mich weghaben will vom Parteivorsitz, können wir das gerne auf dem nächsten Parteitag austragen. Ich werde um mein Amt kämpfen.

Gibt es in der Union und speziell in der CSU ein Demokratie-Defizit?

Vielleicht im Denken derer, die mir jetzt androhen, was noch so alles passieren kann.

Stoiber hat gedroht, die Einheit der Union stände auf dem Spiel, wenn die Parteibasis dem Gesundheitskompromiss nicht zustimme. War das Erpressung?

Das ist so in der Politik. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob es klug war, das Gesundheitsthema mit dieser Tiefe jetzt zu diskutieren, wo wir nicht regieren und auf diesem Feld gar nichts in Kraft setzen können. Das war sicher überflüssig.

Von ganz hoher Stelle in der Union hört man: Der Seehofer hat was am Kopf, der muss sich mal am Gehirn operieren lassen. Kriegen Sie das mit? Das muss Sie doch anwidern!

Ja, ich kriege das mit. Aber das ist ein Erfahrungswert in der Politik. Wenn Sie unbeirrt an einer abweichenden Meinung festhalten, gibt es so eine Stufenfolge. Zunächst zieht man den Gesundheitszustand und die Glaubwürdigkeit des Abweichlers in Zweifel. In der zweiten Stufe werden Drucksituationen aufgebaut, plötzlich kommt von allen möglichen Seiten der diskrete Hinweis, man sollte jetzt möglichst nicht mehr öffentlich auftreten, man sollte sich zurückhalten in seinem eigenen Interesse. Die dritte Stufe ist dann brutale Ausgrenzung.

Was sagt eigentlich Ihre Familie dazu?

Meine Familie ist schon lange der Meinung, dass ich Konsequenzen ziehen sollte. Die sagt: Hände weg davon, das darfst du dir nicht zumuten.

Haben Sie manchmal Ekel vor Politik?

Ekel ist ein überzogener Begriff. Aber es gibt Situationen, wo sich in mir alles aufbäumt.

Dann tauchen Sie ab. Sie haben sich mal tagelang in Ihrer Berliner Abgeordnetenwohnung verschanzt und waren für niemanden zu sprechen ...

Das war beim Streit um die Ausgliederung des Zahnersatzes aus der gesetzlichen Krankenversicherung, wo Edmund Stoiber, ähnlich wie jetzt, mit mir der Meinung war, das können wir nicht machen. Um mir einen Tag später mitzuteilen, dass man im Interesse der Geschlossenheit der Union das doch tun müsste.

Was machen Sie eigentlich in solchen Abtauchphasen?

Beim Zahn-Streit bin ich nicht mehr vor die Tür gegangen. Ich habe umgestellt auf Selbstverpflegung.

Haben Sie nicht die Fernsehnachrichten geguckt?

Nein. Ich habe erst später diese ganzen Bilder inhaliert. Es gibt so schöne Dinge, man kann Bücher lesen, man kann gute Musik hören.

Es gibt Leute in der Union, die sagen, der Seehofer ist ein begnadeter Politiker. Aber er ist unfähig zum Spiel im Team. Er ist ein Einzelgänger. Er verschleudert sein Talent.

Das sagen häufig Leute unter dem Schutz der Anonymität.

Ja

Was ja schon wieder etwas über den Charakter der Informanten sagt. Ich habe viele Freunde in der Politik, vor allem in meiner CSU-Landesgruppe. Darunter waren übrigens nicht wenige, die auf dem Parteitag gegen die Gesundheitsprämie gestimmt haben.

Aber Sie haben ein Problem damit, gewählte Autoritäten anzuerkennen?

Was heißt anerkennen? Wenn jemand gewählt wird, heißt das noch nicht, dass er eine Autorität ist. Die Autorität muss ja aus dem Tun, aus der Person erwachsen, und da möchte ich aufschauen können und nicht nach dem Grundsatz Befehl und Gehorsam Politik machen.

Können Sie zu Angela Merkel aufschauen?

Ja.

Ist Merkel die Kanzlerkandidatin der Union 2006?

Was Angela Merkel für die CDU geleistet hat, ist äußerst beachtlich. Sie hat die Partei aus dem Tal geführt, Wahlen gewonnen, äußerst konsequent ihre Ziele verfolgt.

Aber Merkel hat die Union zusammen mit Stoiber auf Reformfähigkeit und Wirtschaftsnähe ausgerichtet. Ist das noch Ihre Partei? Die Partei der sozialen Wärme, der Kolpinghäuser und Caritas-Büros?

Ich hoffe nicht, dass durch diese Erneuerungen meine politische Heimat verloren geht. Dafür werde ich jedenfalls kämpfen. Wir haben ja, zum Beispiel beim Kündigungsschutz, Beschlüsse auch wieder in eine arbeitnehmerfreundliche Richtung korrigiert. Die Union muss eine soziale Partei bleiben, sie muss die Partei der kleinen Leute bleiben. Die Partei des Taxifahrers, der Verkäuferin, auch die Partei der Maskenbildnerin im ZDF-Studio. Sonst sind wir verloren. Hier geht es um eine Weichenstellung, die spätestens Anfang 2006, wenn wir unser Wahlprogramm verabschieden, klar sein muss.

Auf den Hinterbänken der Unionsfraktion gibt es jetzt eine stattliche Versammlung erfahrener Politiker, die alle ihre schmerzhaften Erlebnisse mit Angela Merkel hatten: Schäuble, Merz, Seehofer. Kann das für Merkel irgendwann gefährlich werden?

Nein, das glaube ich nicht. Obwohl es den schönen Satz von Helmut Kohl gibt, dass man sich immer zweimal begegnet im Leben ...

Richtig.

Mindestens zweimal. Aber ich glaube, wir haben ein gemeinsames Ziel, und das drängt vieles auf die Seite, das ist die Rückeroberung der Regierung. Und dem wird alles andere untergeordnet.

Ihr Lebenstraum ist es, noch einmal Gesundheitsminister zu werden. Das ist ja nun wohl erledigt, oder?

Na, schauen wir einmal.

Glauben Sie allen Ernstes, dass eine Kanzlerin Merkel Sie noch einmal zum Gesundheitsminister macht?

Im Moment schaut es nicht so aus. Aber vor uns liegt jetzt die zweite Halbzeit dieser Legislaturperiode. Eine ganze Halbzeit noch! Wir wissen aus dem Fußball, was da alles passieren kann. Aber jetzt kommen ja erst einmal ein paar bewegte Monate für mich, weil ich auf Schritt und Tritt beobachtet werde, begleitet werde. Fallensteller werden da und dort stehen, und da muss man erst mal durch.

Welche Fallensteller?

Das sind die Leute, die Sie vorhin als Büchsenspanner bezeichnet haben. Die wollen noch ein Stück mehr erreichen, nämlich, dass der Seehofer ganz verschwindet.

Glauben Sie, dass Sie wirklich loslassen könnten, wenn es mit Ihrer Karriere zu Ende wäre?

Den Weg würde ich schon finden. Als ich zu Stoiber fuhr und ihm meinen Rücktritt anbot, hatte ich schon losgelassen. In dem Moment war es für mich eigentlich vorbei. Aber ich sehe es Ihnen jetzt direkt an, dass Sie mir das nicht glauben.

Sie sind 55. Sie sind noch nicht fertig mit sich. Sie könnten unmöglich den Rest Ihres Lebens mit Ihrer Modelleisenbahn zubringen.

Ja, da war nach der Wahlniederlage 1998 die Motivation, zu sagen: Das erobere ich mir noch mal alles zurück. Aber wir müssen hier jetzt nicht gemeinsam an meiner Begräbnisrede arbeiten. Ich werde mich weiter einmischen in die Themen, die mich bewegen. Ich will nicht provozieren, aber auch nicht kuschen.

Vor drei Jahren wären Sie an einer schweren Herzmuskelentzündung fast gestorben. Sie haben danach gesagt, dass Sie im Angesicht des Todes gespürt hätten, dass Ihr Leben so nicht weitergehen kann, dass es Wichtigeres gibt als Politik.

Richtig.

Aber Ihre Vorzimmerdame sagt jetzt: Laden Sie doch den Herrn Seehofer endlich mal wieder zum Essen ein. Der nimmt sich nie die Zeit zum Essen. Das klingt nicht gerade nach innerer Umkehr.

Ich habe ja selbst oft von der Sucht nach Politik gesprochen, über Macht philosophiert ...

Sind Sie wieder süchtig?

Natürlich bin ich auch süchtig nach dieser Art zu leben. Aber ich leide nicht. Ich bin mit mir im Reinen. Ich habe keine psychischen Probleme, falls Sie das meinen. Ich würde es so formulieren: Es ist eine angenehme Sucht.

Es gibt in der Politik ja auch einen verdrehten Stolz auf die eigene Abhängigkeit vom Betrieb. So eine Art Fixerstolz.

(Seehofer lacht.) Das mag so sein, es ist ja auch ein Stück Stolz dabei, dass man so etwas durchhält. Man ist Person des öffentlichen Lebens, man steht total in der Diskussion. In meinem Feld gab es überhaupt nichts, was nicht zu Kontroversen führte. Von der Rente über die Pflege, über die Gesundheit und die Energiepolitik ...

Spüren Sie sich nur, wenn es um alles oder nichts geht? Brauchen Sie diesen Zustand permanenter innerer Mobilisierung?

Jedenfalls muss was los sein.

Haben Sie sonst das Gefühl von Leere?

Von Langeweile.

Das ist doch schon wesensverwandt mit Leere, oder?

Doch, das stimmt.

Wenn Menschen in so einer Situation sind, in der es um Leben und Tod geht, ist es oft das erste Mal seit Jahren, dass sie sich mit sich selbst beschäftigen müssen. Sie gucken gleichsam von oben auf ihr Leben. War das bei Ihnen auch so?

Ja, da ziehen Sie so etwas wie eine Schnellbilanz Ihres Lebens. Für wen hatten Sie Zeit, für was hatten Sie Zeit, wo haben Sie Fehler gemacht? Wo haben Sie etwas unterlassen, wo hätten Sie sich mehr hinorientieren sollen?

Kann es sein, dass Sie in dem Moment, als Sie sich vom Krankenbett erhoben, für den normalen Politikbetrieb mit seinem Gremiengekungel und seiner Kompromisshuberei für immer verloren waren?

Bewusst habe ich das nicht so gesehen, aber es kann sein, dass das irgendwie eine Mischung aus Gelassenheit und Distanz entwickelt hat.

Solche Politiker sind gefährlich, oder?

Ja, das mag sein.

Wissen Sie eigentlich, dass viele, auch in Ihrer eigenen Partei, Angst vor Ihnen haben?

Vor mir? Wieso denn? Was sagen die?

Sie sagen: Der Seehofer ist ein Selbstmordattentäter. Der läuft mit dem Sprenggürtel rum. Irgendwann kommt der Tag, da stellt er sich noch mal ganz nah an Merkel oder Stoiber. Und dann zieht er an der Schnur. Und alles fliegt mit einem letzten, lauten Knall in die Luft.

Das ist sehr martialisch gedacht. Nein, Amok steht nicht an. Machen Sie sich keine Sorgen.

Es gibt die tragische Figur des Ausgesteuerten, Versprengten in der Politik. Lafontaine und Gysi sind gute Beispiele dafür - Polit-Pensionäre auf Abruf, die immer noch darauf warten, dass sie jemand ruft. Müssen Sie nicht Angst haben, dass Sie irgendwann auch so enden?

Nein, habe ich nicht. Wenn ich mal aufhöre, dann richtig: harter Schnitt, Cut, aus, Ende, vorbei. Ich werde nicht der Oskar Lafontaine der CSU. Da müssen Sie nichts befürchten.

Jetzt wollen Sie ins Kloster gehen. Was machen Sie da?

Nichts.

Nichts? Sie sitzen in Ihrer Zelle und halten stille Zwiesprache mit sich selbst?

Nein, spazieren gehen, am Klosterleben teilnehmen, nette Gespräche führen, etwas Vernünftiges lesen. Ich war da schon öfter. Es ist ein Benediktinerkloster in der Oberpfalz.

Beten Sie dann auch?

Natürlich, natürlich.

Wie oft betet man da?

Ach, das geht in aller Früh los, einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal. Ich bin aber nicht immer dabei.

Sie müssen sich also nicht völlig unterordnen?

Das wird vom Abt sehr tolerant gehandhabt, deshalb gehe ich besonders gern in dieses Kloster, weil die totale Absolutheit nicht gefordert wird von mir. Da bin ich ja bekanntlich nicht so gut drin, in der Unterwerfung unter eine totale Absolutheit.

Ihr alter Freund Theo Waigel sagt: Ich hoffe, dass es ihm gelingt, irgendwann noch einmal ein Comeback hinzukriegen.

Sagt Theo Waigel?

Ja, sagt Theo Waigel.

Wenn jemand in der Politik so etwas sagt, dann muss er ein echter Freund sein.

Interview: Tilman Gerwien print

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