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Integration von Muslimen in Deutschland: "Es gibt noch zu viele Gutmenschen"

Mit dem "Anti-Islamisierungs-Kongress" in Köln versuchen Rechtsradikale, Angst vor einer muslimischen Parallelgesellschaft in Deutschland zu schüren. Auch die Autorin Seyran Ates stellt eine Re-Islamisierung fest. Im stern.de-Interview warnt sie davor, das Thema "Multi-Kulti-Gutmenschen" und Rechten zu überlassen. Sie verlangt drastische Maßnahmen.

Die rechtsradikale Gruppe "Pro Köln" hat für Freitag und Samstag einen "Anti-Islamisierungs-Kongress" in Köln organisiert, es wird ein Stelldichein der europäischen Rechten erwartet. Auch Sie warnen vor einer schleichenden Islamisierung der Muslime in Deutschland. Unterstützen Sie den Kongress?

Unter dem Dach von "Pro Köln' hat sich eine rechte Bewegung zusammengeschlossen, die ich keinesfalls unterstütze. Diese Leute fordern eine Abschaffung des Islam, beziehungsweise eine Ausweisung der Muslime in Deutschland. Deshalb: Ja, wir erleben eine Islamisierungswelle der Muslime in Deutschland, aber nein: die vermeintlichen Lösungsansätze von "Pro Köln" sind denkbar falsch und gefährlich. Als säkulare Muslimin will ich den Islam in Deutschland nicht abschaffen, sondern integrieren.

Der Kongress findet in Köln statt, weil hier eine umstrittene, große Moschee gebaut werden soll. Ist dieses Bauwerk eine Provokation?

Es war keine gute Idee, eine so große Moschee zu bauen. Sie hätte viel kleiner ausfallen müssen, und die Moscheegemeinde hätte die ansässige Bevölkerung viel früher über die Planung und deren Dimensionen informieren müssen. So hätten Ängste abgebaut werden können. Ansonsten ist der Bau einer Moschee in einem demokratischen Rechtsstaat wie Deutschland, wo sehr viele Muslime leben, jedoch eine Selbstverständlichkeit.

Sie bemängeln die Größe der Moschee. Sollen sich die Muslime in Deutschland verstecken - oder gar in Hinterhöfe zurückziehen?

Im Gegenteil. Sie sollen repräsentative Moscheen bauen - und aus den Hinterhöfen müssen sie ja gerade herauskommen. Denn Hinterhofmoscheen tragen dazu bei, dass die Islamisierung in Deutschland so schnell, so stark und vor allem so unbemerkt voranschreitet: Ein Teil der Muslime schottet sich von der Mehrheitsgesellschaft ab. Hätte ich die politische Macht, würde ich die Moscheen in Hinterhöfen und Wohnungen verbieten.

Es gibt junge Muslimas, etwa die Autorin Hatice Akyün, die Ihnen vorwerfen, den Muslimas hierzulande zu schaden, weil sie deren Leben übertrieben nur auf Ehrenmord und Zwangsheirat reduzieren und erfolgreiche Integration ausblenden. Übertreiben Sie den Grad der Islamisierung der Muslime in Deutschland?

Das sind Totschlagsargumente, die den Blick auf die Probleme der Integration verdecken. Bestimmte Autorinnen tischen der Öffentlichkeit Märchengeschichten über eine erfolgreiche Integration der Muslime in Deutschland auf. Aber sie können diesen vermeintlichen Erfolg nicht belegen. Mehr noch: Einer Autorin, deren Namen ich nicht nennen will, werfe ich sogar vor, dass sie ihre Biografie mit Absicht nach außen falsch darstellt, um als erfolgreiche und liberale Türkin dazustehen. Der Wirklichkeit entspricht das nicht. Dieser Wirklichkeit entsprechen viel eher besorgniserregende Einzelgeschichten und Dramen. Aber die Märchengeschichte erfreut die Multi-Kulti-Fraktion - und sie verkauft sich gut.

Woran machen Sie die Islamisierung konkret fest?

Auf der Straße laufen immer mehr Frauen und Mädchen mit einem Kopftuch herum. Das ist nicht zu unterschätzen, denn das Kopftuch ist nicht nur ein religiöses Symbol, sondern auch ein politisches: Es steht für einen konservativen Islam. Und gerade jetzt zur Fastenzeit, während des Ramadan, kann man das Problem auch in den Schulen sehen: Eltern halten selbst kleine Kinder zum Fasten an. Sechs- oder siebenjährige Kinder fasten. Das gab es vor zehn Jahren noch nicht. Der größte Teil der muslimischen Gemeinde in Deutschland ist von jeher besonders rückständig - und zementiert diesen Status.

Sie werfen der Politik vor, in der Integrationspolitik auf falsch verstandene Toleranz zu setzen. Sie geißeln vor allem das vermeintliche Multi-Kulti-Gutmenschentum als verantwortungslos. Ist das nicht ein Argument, das vielleicht in den 90er Jahren galt, aber jetzt - mit Islamkonferenz, Integrationsgipfel und Einwanderungstest - veraltet ist? Die Politik geht doch vor gegen die Zementierung der Parallelgesellschaft.

Es wird immer noch nicht hingesehen, was eigentlich innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland los ist. Immer noch wird der Multi-Kulti-Irrtum weiter gelebt. Es gibt nach wie vor zu viele Gutmenschen in politischen Schlüsselpositionen. Sie haben Angst, sich mit dem politischen Islam, dem extremen Islam, kritisch auseinanderzusetzen. Deswegen zaubern sie so gern erfolgreiche Migranten hervor, um sich dahinter zu verstecken, um zu sagen: Seht doch! Es funktioniert! Wir sind aus dem Schneider!

Was kann die Politik, was kann der Staat konkret unternehmen, um die Integration auch wirklich zu fördern?

Ein zentraler Ansatzpunkt ist die Schule. An dieser Schnittstelle zwischen Staat und Familie erreichen wir die Kinder, können sie unterstützen, ohne sie aus ihren Familien herauszureißen. Hier können sie lernen, die Kultur der Mehrheitsgesellschaft auch anzunehmen. Aber auch hier ist noch zu viel falsch verstandene Toleranz am Werke: Viel zu oft werden muslimische Kinder aus vermeintlich religiösen Gründen vom Unterricht befreit oder von Prüfungen oder von Klassenfahrten - gerade jetzt während der Fastenzeit. Viele Lehrer haben Angst, dass ihnen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen wird. Man drückt beide Augen zu und denkt sich: Ok. Ich nehme das hin, bevor es große Konflikte gibt.

Die Trennung zwischen Schule und Religion ist in Deutschland aber doch nicht vollends vollzogen. An vielen christlichen Feiertagen haben die Kinder frei, in Bayern hängen Kruzifixe in Klassenzimmern.

Nun lebe ich nicht in einem islamischen Land. Ich lebe in einem Land das nun einmal mehrheitlich christlich ist. Hier hat der Staat durchaus das Recht, zu seiner christlich-abendländischen Vergangenheit zu stehen. Es kann ja nicht angehen, dass sich ein Staat in seiner Religion danach ausrichtet, wie die Zuwanderer das haben wollen. Bei alledem wird auch unterschlagen, dass Muslime in Deutschland ihre Religion ohne staatliche Verfolgung und in allen Ausrichtungen ausleben können. Außerdem: Ein Kruzifix an der Wand hält ein Kind noch lange nicht vom Unterricht ab. Aber wenn es nicht am Schwimmunterricht, nicht an der Klassenfahrt und auch nicht am Sexualkundeunterricht teilnehmen kann, dann ist das ein massiver Eingriff in die Teilhabe am Unterricht. Darin liegt das Problem und der Unterschied. Wir haben es oft mit einem Vergleich von Äpfeln mit Birnen zu tun.

Sie setzen auf die Schulpflicht als Mittel der Erziehung? Greift der Staat hier nicht viel zu spät ein?

Deshalb finde ich, dass wir eine Kindergartenpflicht für alle Kinder ab dem Alter von drei Jahren brauchen. Es geht nicht, dass die Kinder im Alter von sechs Jahren in die Schule kommen und kein Deutsch können. Das muss schon im Kindergarten gelernt werden. Auch der deutschen Mehrheitsgesellschaft würde das helfen. Sie erlebt eine Bildungsmisere. Wir wissen, dass sich bildungsferne Eltern nicht wirklich um ihre Kinder kümmern. Dieses ehemalige Bildungsland sollte sich seiner Tradition wieder erinnern - und sich darum bemühen, wieder Bildungsland zu werden. Dazu gehört eben auch Kinderbildung.

Sie fahren am Samstag nach Köln. Dort wird der "Anti-Islamisierungs-Kongress" der Rechten für Aufruhr sorgen. Sie kommentieren das Ereignis und die Gegenproteste im Radio. Was werden Sie sagen?

Ich werde sagen, dass wir den Rechten in die Hände spielen, wenn wir das Problem der Integration von Muslimen in Deutschland nicht richtig angehen. Die Mehrheit der Menschen in diesem Land hat Angst davor, Tacheles zu reden, als fremdenfeindlich zu gelten. Das Schweigen und Verharmlosen der Mehrheit, der realitätsfremde Blick, ebnet den Rechten den Weg. Sie fühlen sich im Recht.

Interview: Florian Güßgen und Kerstin Schneider