Interview "... dann ist es aus"

In einem seiner letzten Interviews sprach Jürgen Möllemann übers Fallschirmspringen - und wie es ist, wenn sich der Schirm nicht öffnet.

Herr Möllemann, Sie sind seit fast 40 Jahren Fallschirmspringer. Warum haben Sie damit angefangen?

Das Fallschirmspringen habe ich damals bei der Bundeswehr eigentlich nicht als Sport gelernt, sondern einmal, weil mein Vater früher immer behauptet hat, ich würde mich ja doch nicht trauen. Ich bin nicht schwindelfrei, das hat er natürlich gemerkt, als ich als Junge damals in der Erntezeit oben in den Bäumen rumkletterte, um Äpfel und Birnen zu pflücken. Aber beim Fallschirmspringen sind das ja ganz andere Höhen, da ist es nicht mehr so schlimm, fand ich. Außerdem bin ich beim Bund insgesamt auch nur achtmal gesprungen.

Was war der zweite Grund?

Geld! Dass es zum jämmerlichen Wehrsold von 69 Mark eine monatliche Springerzulage von 150 Mark gab. Meine Eltern hatten damals nicht viel Geld. Mein Vater war Sattler und Polsterer, aber die Bauern schafften die Pferde ab, die Leute kauften Sofas aus Kaufhäusern, nicht vom Handwerker. Daher mussten meine zwei jüngeren Brüder und ich in den Ferien eh immer arbeiten, und ich sagte mir, dann musst du eben auch beim Bund Geld verdienen. Vorher habe ich Fußball gespielt. Und geboxt. Auch das Boxen hatte mit meinem Vater zu tun. Der hatte früher selbst geboxt - und immer gesagt, na, das ist für dich wohl nichts, Jürgen? Ich habe dann heimlich trainiert, ein halbes Jahr lang bin ich zwölf Kilometer in die Nachbarstadt geradelt und habe zu Hause gesagt, ich bin bei Freunden. Vor meinem ersten öffentlichen Kampf habe ich meinen Vater gefragt: Hast du morgen schon was vor? Der fiel aus allen Wolken!

Welche Sportart ist für Politiker geeignet?

Ich konnte aus jeder einiges lernen. Beim Boxen gehört dazu, dass man nach einem Niederschlag wieder aufsteht, sich berappelt. Beim Fallschirmspringen geht es darum, den freien Fall zu beherrschen, Ängste zu überwinden. Beim Fußball ist der Teamgedanke wichtig.

Bei welcher Sportart haben Sie am meisten gelernt?

Ich glaube, beim Fallschirmspringen.

Springen Ihre Töchter auch?

Ja, alle drei sind schon gesprungen. Anja, die älteste, und Esther, unsere jüngste, je einmal einen Tandemsprung, dann haben sie gesagt: War schön, aber das reicht uns jetzt auch. Maike dagegen hat nach dem Tandemsprung sofort eine Springerausbildung gemacht. Allerdings hat sie danach ein halbes Jahr pausiert, weil sie auf einer englischen Schule war, und als sie zurückkam, hatte sie plötzlich Angst. Sie hat dann noch einen Sprung gemacht und aufgehört.

Und Ihre Frau Carola?

Nein, die hält uns alle für verrückt! Sie hat schon Angst, dass ein Flugzeug mit ihr abstürzt, und sagt: Ich steig doch nicht in ein intaktes Flugzeug, um dann wieder herauszuspringen. Ich habe schon mit allen Tricks versucht, sie zu überreden, aber auch wenn sie eine Prämie gezahlt bekäme, sie würde es nicht machen. Bei den Töchtern hat sie das Springen geduldet; wenn der Vater es macht, kann es ja so gefährlich nicht sein.

Was fasziniert Sie so daran?

Bei jedem Sprung aus dem Flugzeug kriegt man erst mal einen verplättet, und dann purzelt man in verschiedene Lagen, bis man stabil ist. Dabei erreicht man bis zu 280 Stundenkilometer Fallgeschwindigkeit, ich jedenfalls mit meinem Gewicht. Dann öffnet sich der Schirm, das haut auch ganz schön rein, denn plötzlich bremst man auf moderate Fallgeschwindigkeit ab. Je nachdem, wie der Wind steht, ob Thermik ist oder nicht, kommt man unten mit unterschiedlichem Tempo an. Diese Geschwindigkeit, die man bei der Landung trotzdem hat, setzt man dann in Laufen um, und wenn das nicht funktioniert, gibt es Fallbewegungen, rollt man ab.

Gegenwind ist also gut?

Gegenwind gibt Auftrieb und ist nützlich - nur bei Flaute fällt man ungebremst runter. Auch im übertragenen Sinn: Man behauptet sich bei Gegenwind, man kämpft gegen ihn, man muss ihn überwinden und seine Auftriebskräfte nutzen.

Gilt das auch für ein Comeback nach Ihrem politischen Niedergang?

Meine Karriere war immer eine Achterbahn. Bei der Achterbahn ist ja grundsätzlich das Schöne, dass man weiß: Nach der nächsten Kurve geht es wieder aufwärts. Und bislang ging es bei mir nach einer Abwärtskurve jedes Mal wieder hoch. Man muss nur hochkommen wollen. Momentan ist das allerdings für mich wirklich eine Schussfahrt. Menschlich ist es gut zu merken, dass man ein solches Desaster zusammen mit der Familie überwinden kann. Trotzdem kann es sein, dass ich diesmal konstatieren muss: Das war‘s.

Wie machen Sie nun weiter?

Es gibt für mich drei Optionen, die ich ganz nüchtern abwägen und mit meiner Familie besprechen werde: bis 2006 nur ein sehr freier Abgeordneter sein. Dazu parallel Firma - plus, was mir jetzt Spaß macht, Bücherlesungen und ein neues Buch. Die zweite Option wäre zu sagen, man hört ganz auf, geht ganz raus aus der Politik. Macht nur noch Firma und noch mehr im publizistischen Bereich, da gibt es gerade interessante Gespräche. Das würde mir auch Spaß machen, aber das wäre eben eine völlige Umstellung.

Und Option Nummer drei?

Noch mal den ganz großen Anlauf nehmen und eine neue Partei gründen. Dagegen spricht, dass sie ein Kraftakt ohnegleichen wäre, eine beinharte Macht- und Geldfrage.

Was spräche trotzdem dafür?

Dafür spricht, dass im Moment unglaublich viele Menschen die bisherigen Parteien ziemlich satt haben, von ihnen nicht mehr viel erwarten. Ich habe seit Sommer 2002 über 50 000 positive Zuschriften bekommen, mit Namen und Anschrift, das ist doch ungeheuer, die wollen mitmachen. Dazu eine ganze Menge, die sich auf unserer Homepage outen. Und bei den Lesungen aus meinem Buch "Klartext" macht es mich schon stutzig, wie viele Leute als Erstes fragen: Wie ist das mit der neuen Partei?

Andere Kleinparteigründungen sind nach Ersterfolgen gescheitert. Warum sollte es einer Möllemann-Partei anders ergehen?

Ach, das Runterreden eines solchen Projekts zeigt die Angst der anderen Parteien. Das gehört zum Geschäft, das beeindruckt mich so wenig, als wenn in China ein Sack Reis umfällt. Dieser Politbetrieb, der sich um sich selbst dreht, ob in Berlin oder Düsseldorf, die glauben doch alle, dass das, was sie sagen, die Realität bei den Menschen sei. Ich erlebe da jeden Tag in Gesprächen etwas anderes. Und ich verlasse mich auf demoskopische Untersuchungen: 50 Prozent der Menschen wollen gar nicht mehr wählen - jedenfalls nicht die vorhandenen Parteien. Da liegt sicher viel Potenzial.

Warum ist dann die Parteigründung nur die dritte Option?

Zu schaffen machen mir drei Dinge. Erstens die Machtfrage: Die würde ja durch eine neue Partei in der bestehenden Parteienkonstellation neu aufgeworfen. Zweitens ginge es um sehr viel Geld: Man kann einen Wahlkampf in ganz Deutschland ja nicht so führen wie in einem Stadtstaat. In Bremen oder Hamburg kann man so was schnell hinkriegen - aber bundesweit? Und natürlich würden die Bataillone der Journalisten, von denen sich eine ganze Menge als verlängerter Arm einer vorhandenen Partei versteht, naturgemäß kein Möllemann-Förderprogramm auflegen. Da mache ich mir nicht die geringste Illusion. Ausschlaggebend wird auf jeden Fall sein, was meine Familie meint. Wenn meine Frau das nicht mitträgt, werde ich es nicht machen. Die Familie werde ich diesem Gedanken nicht opfern.

Wie sehen Sie jetzt die Partei, der Sie 33 Jahre lang angehört haben, die FDP?

Da gibt es doch Verzweiflung darüber, dass ich nicht mehr da bin. Ich habe nicht bloß ausgeteilt, sondern programmatisch immer wieder neue Vorschläge gemacht - aber was hört man jetzt von der FDP? Nichts! Doktor Westerwelle fehlt eben sein Antreiber. Er treibt ja nichts, wenn er nicht angetrieben wird. Hätten diese Idioten - Entschuldigung, diese wenig bewusst handelnden Menschen im FDP-Präsidium - nicht in der letzten Woche vor der Bundestagswahl die Nerven verloren, hätten wir zwar keine 18 Prozent bekommen, aber die FDP wäre heute natürlich Regierungspartei. Mit der Ironie der Geschichte, dass Westerwelle heute deutscher Außenminister wäre. Nun wird er das nie mehr werden - seine Zeit ist vorbei, ohne dass er es weiß. War halt ein Brötchen.

Wieso ein Brötchen?

Ein Brötchen nennt man beim Fallschirmspringen, wenn die Fangleinen oben drüberhängen und dadurch der Schirm in der Mitte wie eine Art Brötchen zusammengeht. Dann hat man eine viel geringere Fläche, die den Fall bremst, die reicht dann nicht. In so einem Fall muss man entweder versuchen, die Fangleinen mit einem Kraftakt wieder runterzuziehen, damit der Schirm sich voll entfalten kann. Oder man muss sich von dem Schirm trennen: abwerfen, in den freien Fall gehen, dann den zweiten Schirm ziehen. Das habe ich während des Wahlkampfes mal machen müssen, in Bremen bei einer Landung über einem Werftgelände. Der halbe Hauptschirm war zerfetzt, und zwei oder drei Leinen waren gerissen, trotzdem habe ich erst mal versucht, das alles zu entwirren. Aber das ging nicht. Dann habe ich den Hauptschirm abgeworfen. Das Schwierigste in dieser Situation ist zu warten, bis dieser Schirm wirklich weg ist - und nicht sofort aus Angst den Reserveschirm zu ziehen. Denn wenn man beides gleichzeitig macht, schießt die Reserve raus und wickelt sich um den ersten Schirm rum. Und dann ist es endgültig aus.

Das Interview führte stern-Redakteurin Bettina Schneuer am 8. Mai in Berlin für stern spezial BIOGRAFIE. In dem Heft, das vergangene Woche bereits gedruckt war und am kommenden Montag auf den Markt kommt, erscheint das Gespräch in einer kürzeren Fassung unter der Rubrik "Bin das ich? Lauter Klischees".

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