HOME

Johannes Rau: Erdnüsse, Dutschke und Post von Kaiser Wilhelm

Wenn Johannes Rau im Sommer aus Schloss Bellevue auszieht, ist es gleichzeitig ein Abschied von mehr als 46 Jahren in der aktiven Politik. Sein wechselvolles Leben führte ihn über viele Stationen bis ins höchste Amt.

"Und plötzlich sind keine Erdnüsse mehr da." So beschreibt Johannes Rau seinen nahenden Abschied von der aktuellen Politik. Wenn der 73-Jährige am 1. Juli aus Schloss Bellevue auszieht, ist es gleichzeitig ein Abschied von mehr als 46 Jahren in der aktiven Politik, davon 28 Jahre in Regierungsverantwortung. Die Stationen des wechselvollen Lebens vom Verleger evangelischer Bücher bis zum Bundespräsidenten zeichnet der sehr persönliche Interviewband Johannes Rau im Gespräch mit der Journalistin Evelyn Roll nach.

Ganz offen spricht Rau von einem Experiment, wenn er an die nahe Zukunft denkt. "Ich weiß ja überhaupt noch nicht, wie sich das anfühlt, wie das ist, wenn man kein Amt mehr hat." Seiner großen Leidenschaft, dem Schreiben, will er aber dennoch weiter nachgehen. Ob es allerdings Briefe, Memoiren oder Reflexionen sein werden, sei noch nicht klar.

Ein eifriger Briefeschreiber

Auch als Bundespräsident galt Rau als eifriger Briefeschreiber. Seine private Geburtstagsliste mit ein paar Hundert Namen und ein Buch mit 2.000 Adressen hatte er immer bei sich, berichtet er. 63.000 Briefe und Petitionen gehen in jedem halben Jahr ins Bundespräsidialamt ein. Wer sein Anliegen direkt an den Bundespräsidenten richtet, bekommt auch eine persönliche Antwort, manchmal auch telefonisch, sehr zur Überraschung der Briefeschreiber. "Aber aufgelegt hat lange keiner mehr", erzählt Rau.

Die Leidenschaft fürs Schreiben hegt Rau schon seit seiner Kindheit. Als Zehnjähriger schrieb er an Kaiser Wilhelm und bekam prompt Antwort. Dieser erkundigte sich allerdings in dem Brief, ob der Junge auch seine Schularbeiten stets zur vollsten Zufriedenheit der Eltern anfertige. "Und das hat mich so geärgert, dass diesem Kaiser nichts anderes einfiel im ersten Satz als meine Schularbeiten", sagt Rau noch heute. Jahrelang habe die kaiserliche Korrespondenz im Vertiko der Familie gelegen, erinnert er sich.

Doch schweift Rau in den Gesprächen nicht nur in die Vergangenheit. Mit seinen Gedanken zur Globalisierung, einer gerechteren Verteilung der Güter oder seinen Erfahrungen aus Begegnungen in Israel und den palästinensischen Gebieten beschreibt er die wichtigen Themen dieser Zeit. Sein Motto "Wer nicht handelt, wird behandelt", gab Rau oftmals seinen Gesprächspartnern mit auf den Weg.

Das Gespräch mit Rudi Dutschke

Rau, in der SPD für eine eigene, auch streitbare Meinung bekannt, suchte beispielsweise in den Hochzeiten der Studentenrevolte das Gespräch mit Rudi Dutschke, wie aus den Interviews zu erfahren ist. Die Schilderung dieser ungewöhnlichen Begegnung gehört zu den beeindruckendsten Bekenntnissen in dem Buch. Fast wäre das Gespräch 1968 daran gescheitert, dass keine Stadt einen Saal bereitstellen wollte. "Kein Saal für Rau-Dutschke" lauteten damals die Schlagzeilen in den Zeitungen und waren gleichzeitig das Streitthema in Nordrhein-Westfalen. "Meine damalige Sekretärin war so nett und hat mir eine rote Strampelhose gestrickt, weil ich ein persönliches Geschenk haben wollte für diesen Rudi Dutschke, der gerade Vater geworden war", erzählt Rau.

Der erste Kontakt mit dem Studentenführer fand dann in der Garderobe in einer Wattenscheider Halle statt. Dort habe er Dutschke das Strampelhöschen für seinen Sohn Hosea Che mit den Worten überreicht: "Und wenn der tüchtig strampelt, darf er mit 18 Mitglied in der SPD werden. Da lachte Dutschke und sagte: Wenn der 18 ist, gibt es keine SPD mehr." Wie zweieinhalb Stunden kontroverse Diskussion an den Nerven zehren können, beschreibt Rau so: "Es war ein Erfolg für mich. Aber ich war um Jahre gealtert."

Die erste Begnung mit Willy Brandt

In den Interviews, geführt im September und Oktober vergangenen Jahres, erzählt Rau auch von den vielen prägenden Begegnungen, egal ob mit Politikern, Überlebenden des Holocaust oder Menschen, mit denen er diskutierte. 1961, kurz nach dem Bau der Berliner Mauer, traf Rau das erste Mal Willy Brandt. Dieser hatte sich verspätet, und so wurde aus dem geplanten Drei-Minuten-Auftritt des Juso-Vorsitzenden Rau eine eineinhalb stündige Rede, immer wieder unterbrochen durch "Willy-Willy-Rufe". Auch 40 Jahre später ist Rau dieser Auftritt noch in lebhafter Erinnerung. Es sei seine bislang schwierigste Rede gewesen, gibt er zu.

Zu einem Treffen, das Rau noch lange in Erinnerung bleiben wird, gehört auch die Begegnung mit George W. Bush. "Es war ein einstündiger Besuch. Er hat dann noch einmal geschrieben. Die Amerikaner sind ja da sehr, sehr unkonventionell. Die geben sich, wenn sie das sind, enorm protokollarisch und schreiben dann eine Weihnachtskarte: Dear Johannes, Dear Christina. Yours George and Laura", erzählt Rau.

Susann Kreutzmann / DPA
Themen in diesem Artikel