Joschka Fischers Abschied Klingelingeling, ciao ragazzi!


Eigentlich muss es noch einen großen Knall geben, eine Show, irgendwas. Heute will Politik-Rocker Joschka Fischer im Bundestag seinen Abschied verkünden. Seinen geliebt-gehassten Grünen hat er eine klitzekleine Rede versprochen.

Pong. Pong. Pong. Eigentlich müsste es einem Paukenschlag gleich kommen, wenn der selbst empfundene größte Außenminister aller Zeiten (GrAaZ), der grüne Silberrücken, der scharfe Rhetor, dieses lustvolle political animal, wenn also Joschka Fischer, dieses Monument der bundesdeutschen Historie, endgültig seinen Abschied von der aktiven Politik erkärt, wenn er quasi seinen Rentenbescheid abholt. Pong. Pong. Pong.

Klingelingeling, Klingelingeling

Klingelingeling. Klingelingeling - tatsächlich dürfte das, was heute vermutlich im Bundestag geschehen wird, viel bescheidener ablaufen. Es wird eher etwas vollzogen, das sich schon lange angedeutet hat: Joseph Fischer, 58, Außenminister a.D., wird in der Grünen-Fraktion im dritten Stock des Reichstags den Verzicht auf sein Bundestagsmandat ankündigen. Spätestens nach der Sommerpause, so der Plan, soll für ihn der Deutsch-Iraner Omid Nouripour von der hessischen Landesliste nachrücken. Nouripour, das trifft sich gut, ist auch Mitglied des Bundesvorstandes der Partei.

Ciao Ragazzi!

Im Wahlkampf 2005 hatte Fischer noch einmal das alte Schlachtross gegeben, war dampfend und schwitzend im Bus durch die Lande gefahren, hatte für sich und seinen Gerhard geworben, für ihr rot-grünes Projekt, hatte noch einmal auf Joschka gemacht. Anders aber als der Alphamännchen-Kollege Schröder - und für viele überraschend - vollzog er bereits kurz nach der verlorenen Bundestagswahl den innerlichen Abschied von der Politik, ließ los und machte sich auf die Suche nach Neuem. "Ciao ragazzi!", sagte er nach der ersten Sitzung der neuen Grünen-Fraktion im Reichstag. Er wolle nicht mehr Ober-Grüner sein, ließ es alle wissen, und im Januar gab er sein letztes Parteiamt auf, an Sitzungen der Grünen-Fraktionen nahm er kaum noch teil. Von September an will Fischer nun an der amerikanischen Elite-Universität Princeton eine einjährige Gastprofessur übernehmen. Er, der ohnehin vermeint, die Weltengeläufte intellektuell und intuitiv zu beherrschen, soll dort gepflegte Vorlesungen über Internationale Krisendiplomatie halten. Das passt zu Fischer, der sich, in vielen schillernd-faszinierenden Metamorphosen, aufgeschwungen hat vom aggressiven Sponti-Lenker zum besorgt-griesgrämigen Welten-Lenker.

Turnschuhe, Jeans, Sportsakko

Fischers politische Biografie ist ohnehin ein Exkurs in bundesdeutscher Geschichte. Über Jahre hinweg war er die dominierende Führungsfigur der Grünen, ohne dass er jemals Parteichef gewesen wäre. Für die Pazifisten und Atomkraftgegner zog er erstmals 1983 in den Bundestag ein. Als bundesweit erstes Kabinettsmitglied der Grünen legte er zwei Jahre später als Umweltminister der rot-grünen Koalition in Hessen den Eid ab - in weißen Turnschuhen, Jeans und Sportsakko. 1994 kehrte er als Fraktionschef in den Bundestag zurück. Als Außenminister der rot-grünen Bundesregierung von 1998 bis 2005 war Fischer über Jahre beliebtester Politiker der Bundesrepublik - der beständige, radikale Wechsel seiner Leibesfülle, gepaart mit exzessiven sportlichen Exerzitien, machte ihn nahbar, der beständige, radikale Wechsel seiner Gattinnen schadete ihm zumindest nicht.

Fischers Popularität litt erst unter der Affäre um den Missbrauch von Einreisevisa an deutschen Botschaften in Osteuropa, mit der sich bis weit ins Jahr 2005 hinein ein Untersuchungsausschuss des Bundestags befaßte. Ein Untersuchungssausschuss könnte für Fischer nun auch bedeuten, dass er nochmals in die Räume des Bundestages zurückkehren muss: Die Opposition will ihn als Zeugen vor den Untersuchungsausschuss laden, der sich mit den Aktivitäten des Bundesnachrichtendienstes (BND) im Irak-Krieg befasst.

An diesem Dienstag, so heißt es, wolle Fischer alles ganz bescheiden ablaufen lassen. Eine kleine Rede wolle er vor seiner Fraktion halten, eine klitzekleine Erklärung abgeben. Mehr nicht. Klingelingeling, ciao ragazzi!

Ciao Joschka! Take care.

stern.de/Reuters Reuters

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