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Kampf gegen den Missbrauch: Das Recht gilt auch für die Kirche

Die Katholische Kirche reagiert gereizt auf Forderungen der Politik nach mehr Aufkärungsarbeit bei sexuellem Missbrauch. Das ist nicht hinnehmbar: Über die Gesetze darf sich auch die Kirche nicht hinwegsetzen.

Ein Kommentar von Hans-Peter Schütz

Wenn sie ohne Sünde wäre, man könnte der katholischen Kirche und ihrem Erzbischof Robert Zollitsch vielleicht gnädige Billigung gewähren. Dann ließe sich ertragen - erdulden? - wie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz über Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verbal hergefallen ist. Ein 24-stündiges Ultimatum hat er ihr gestellt, um ihren Vorwurf zurückzuziehen, die katholische Kirche bemühe sich nicht intensiv genug um die Aufklärung von sexuellem Missbrauch von Schülern durch Geistliche. Nicht genug damit. Jetzt schob Zollitsch auch noch die trotzige Bemerkung nach, die katholische Kirche lehne es ab, bei jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch unverzüglich die Staatsanwaltschaft einzuschalten.

Ein Glück, dass der neue Sonderbeauftragte der Kirche für den Kampf gegen den sexuellen Missbrauch, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, jetzt noch die Bemerkung nachgeschoben hat, man werde den Dingen offensiv nachgehen, da die Opfer ein Recht darauf hätten, dass jeder Hinweis geprüft werde. Was das in der Praxis bedeutet, bleibt abzuwarten. Zollitsch ist schließlich der Vorgesetzte von Ackermann.

Kein Einzelfall

Jedenfalls ist die Aggressivität, mit der Zollitsch dem Rechtsstaat und seiner politischen Repräsentanz begegnet wird, weder hinnehmbar noch entschuldbar. Die Faktenlage beantwortet die Schuldfrage schließlich eindeutig. Am Tage der bischöflichen Kraftworte musste der Abt des Klosters Ettal, Barnabas Bögle, der oberste Benediktiner in Bayern, zurücktreten. Er hatte einen massiven Verdachtsfall sexuellen Missbrauchs durch einen Mitbruder nicht gemeldet. Dabei sind die Priester von der Bischofskonferenz per Richtlinie verpflichtet worden, jeden Verdachtsfall zu melden. Nachhaltiger als durch diesen jüngsten Fall der Verschleierung sexuellen Missbrauchs von Kindern hätte das Versagen der Kirche nicht dokumentiert werden können.

Es handelt sich bei dieser eine Straftat verschleiernden Aktion schließlich nicht um einen raren Einzelfall. Priesterliche Sexualstraftäter sind vielfach schlicht in andere kirchliche Gemeinden verschoben worden oder in andere Klöster. Dort ging der Missbrauch dann häufig weiter. Die Kirche hat nie ernsthaft akzeptiert, dass auch ihren Pädophilen eine Veranlagung zu eigen ist, die sie immer wieder zur Wiederholung treibt. Allein schon diese krankhafte Zwanghaftigkeit verbietet den fahrlässigen Umgang mit den betroffenen Menschen, wie ihn die katholische Kirche sehr oft praktiziert hat. Man stelle sich nur einmal vor, was in jenen Beichtstühlen gedanklich und seelisch geschah, in denen Gläubige ihre sexuellen Sünden und Gedanken Priestern gestanden haben, die selbst in diesem Bereich Schuld auf sich geladen hatten. Ihre Mitschuld sollte der Kirche daher einen respektvolleren Umgang mit ihren Kritikern nahe legen, als Zollitsch ihn pflegt. Die Kirche hat hier vielfach Schuld auf sich geladen, indem sie unangenehme Wahrheiten hinter die Mauern ihrer Klöster geschoben hat.

Al gusto geht hier gar nichts

Wie die Bischofskonferenz jetzt die Debatte führt, ist aber auch noch aus ganz anderem Grund nicht hinnehmbar. Die Strafgesetze des Staates gelten auch für die Kirche. Das verlangt zwingend die lückenlose Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden. Al gusto, wie sich das Zollitsch offenbar vorstellt, geht hier gar nichts. Die Trennung von Kirche und Staat, bei uns ohnehin nur sehr bedingt durchgesetzt, erlaubt nirgendwo, sich außerhalb des Rechtssystems zu stellen. Das war einmal so, leider. So gesehen ist es ein Akt der Großzügigkeit, dass die Justizministerin das Angebot des Gesprächs am runden Tisch aufrecht erhält.

Vor dem Hintergrund, dass die von der Kirche angebotene Kooperation im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in ihren Reihen keineswegs so "rückhaltlos" ist, wie die Bischöfe behaupten, muss man sich auch über die politischen Reaktionen auf den Vorgang wundern. Die CSU beschimpft durch ihren innenpolitischen Sprecher Stephan Mayer die Justizministerin als Politikerin, der es radikal an Respekt gegenüber der Kirche fehle. Ein unsinniger Vorwurf. Der Respekt vor dem Rechtsstaat und ihr Amtseid fordern ihr diese Kritik an der Kirche als Pflicht ab.

Bemerkenswert ist allerdings auch, dass die FDP sich nur sehr dezent zu dieser Position ihrer Ministerin bekennt. Wir möchten daher daran erinnern, was die Liberalen vor der Bundestagswahl außer Steuersenkungen ebenfalls versprochen haben: Rückkehr zu einer klaren rechtsstaatlich konsequenten Linie, die ihnen erkennbar in vielen Bereichen abhanden gekommen ist. Dafür sollte die Person Leutheusser-Schnarrenberger stehen. Die FDP müsste daher auch zu ihr aufrecht stehen, wenn sie von der Kirche derart angegriffen wird.