Kandidatendebakel in Wiesbaden SPD blamiert sich bis auf die Knochen

Seit Monaten betreibt die SPD in Wiesbaden Wahlkampf für ihren Kandidaten Ernst-Ewald Roth. Doch der darf nun bei der Oberbürgermeisterwahl nicht antreten - die Partei vergaß, ihn fristgerecht anzumelden.

Im SPD-Sitzungssaal im Wiesbadener Rathaus gab es versteinerte Gesichter und kaum verhohlene Verzweiflung. "Wir sind auf Jahre tot. Ich bin traurig", sagte ein langjähriges Parteimitglied am Freitagnachmittag. Ex-SPD-Oberbürgermeister Achim Exner kam mit Tränen in den Augen aus der Sitzung. Die Genossen in der hessischen Landeshauptstadt haben ein politisches Fiasko erlebt: Für den Wiesbadener Oberbürgermeister-Wahlkampf, der kommende Woche so richtig beginnen sollte, haben sie schlicht die Anmeldung ihres Kandidaten Ernst-Ewald Roth vergessen. Noch am Nachmittag trat der Parteivorstand geschlossen zurück.

Die Frist ist abgelaufen, der Fehler wahlrechtlich nicht mehr zu korrigieren. Damit geht die SPD ohne Kandidaten in die Wahl und der CDU-Bewerber, Stadtkämmerer Helmut Müller, dürfte praktisch kampflos zum Zug kommen. "Die Situation ist unfassbar, ich bin tief enttäuscht", sagte der noch vor der Wahl gescheiterte Kandidat Roth. Die SPD verpasst damit im Jahr vor der hessischen Landtagswahl eine wichtige Chance, kommunalpolitisch Zeichen zu setzen. Bei der zweiten Großstadtwahl in diesem Jahr, Ende Januar in Frankfurt, gilt ohnehin die CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth als klare Favoritin.

Seit Monaten plakatiert die SPD

Umso mehr hatte sich die Wiesbadener SPD vorgenommen: Sie plakatiert seit Monaten in der ganzen Stadt für ihren Kandidaten, den ehemaligen katholischen Stadtdekan Roth und wirbt mit öffentlichen Diskussionsveranstaltungen. Wie man trotzdem die Bewerbungsfrist an diesem Donnerstag um 18.00 Uhr versäumen konnte, ist auch Mitgliedern ein Rätsel. "Vielleicht gerade, weil es so offensichtlich war, dass Roth antritt", rätselt der scheidende Wiesbadener SPD-Chef Marco Pighetti.

Der kommunikative, offene Roth galt auch in der CDU als ernst zu nehmender Konkurrent für Müller. Nach vielen Jahren als höchster katholischer Geistlicher und Bischofsstellvertreter in der Stadt ist er in Wiesbaden sehr bekannt. Der parteilose Quereinsteiger hoffte, nicht nur Wiesbadener Katholiken, sondern auch viele mit der Politik Unzufriedene anzusprechen. Bei Roths Nominierung im Mai vergangenen Jahres war nach langer Zeit mal wieder Begeisterung und Aufbruchsstimmung in der Partei entstanden.

Jamaika regiert

Wiesbaden wird von einer schwarz-gelb-grünen Jamaika-Koalition regiert. Nach deutlichen Verlusten bei der Kommunalwahl vom Frühjahr 2006 hatte die SPD der Landeshauptstadt sich für die Oppositionsrolle entschieden. Nun hatte sie darauf gesetzt, dass sie mit einem Sieg bei der Oberbürgermeisterwahl wenigstens an der Stadtspitze ein Gegengewicht zum Jamaika-Lager bilden könnte.

Jetzt sieht sich nicht nur die Wiesbadener SPD, sondern auch ihr Spitzenkandidat auf Jahre der Perspektive beraubt: "Der Kandidat ist das Opfer", brachte es ein Mitglied auf den Punkt. Roth galt vor seinem Wechsel in die Politik als zweiter oder dritter Mann hinter dem Bischof und mit Anfang 50 durchaus als hoffnungsvoller Kandidat auch für eine weitere kirchliche Karriere. Über ein Jahr lang sei er von der SPD zum Wechsel gedrängt worden, bevor er den Entschluss fasste, erzählt er. Jetzt hat Roth noch vor der Wahl verloren, weil ein Bewerbungsformular nicht rechtzeitig abgeschickt wurde.

Rolf Schraa/DPA


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