Kandidatenkür "Geheimtreffen" ohne Ergebnis


Wenn drei sich streiten, bleibt ein gemeinsamer Bundespräsidentschafts-Kandidat von CDU, CSU und FDP unklar. Auch beim abendlichen "Geheimtreffen" konnten Merkel, Stoiber und Westerwelle sich nicht einigen.

Die Szene hätte einem Thriller alle Ehre gemacht: Bei Dunkelheit rasen zwei PS-starke Limousinen durch Berlin, hinterher mehrere andere Fahrzeuge. Die beiden Autos vorneweg überfahren zwischen dem vornehmen Stadtteil Grunewald und dem gutbürgerlichen Charlottenburg mehrere rote Ampeln. Die Verfolger werden abgehängt.

Es handelte sich am Dienstagabend jedoch nicht um Szenen für einen Film, sondern um ein "Geheimtreffen" auf der Suche nach einem gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten von Union und FDP. In einem der Fahrzeuge, das durch die Berliner Nacht raste, saß die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Hinter ihr mehrere Journalisten-Autos, die den Ort des Treffens zwischen Merkel, dem CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber und FDP-Chef Guido Westerwelle erkunden wollten. Nach rasender Fahrt durch das nächtliche Berlin stoppte Merkel schließlich vor der Privatwohnung Westerwelles.

"Es gibt das Ergebnis, dass ich jetzt nach Hause möchte"

Nach rund dreistündigen und offenbar ergebnislosen Gesprächen verließen Stoiber und Merkel den Verhandlungsort. Merkel auf die Frage, ob es eine Verständigung gegeben habe: "Es gibt das Ergebnis, dass ich jetzt nach Hause möchte." Den beiden Unions-Granden stand der Ärger ins Gesicht geschrieben. Die Aussichten von Wolfgang Schäuble auf das höchste Staatsamt schienen zu diesem Zeitpunkt schlechter denn je. Wie es weitergehen soll, blieb im Unklaren.

Nach dem Vorpreschen der CSU, die am Dienstagmorgen eine angebliche Einigung auf Schäuble als Unions-Kandidat für das höchste Staatsamt vermeldete, hatte die Geheimniskrämerei um Verhandlungsort und -zeit schon sehr bald begonnen. Der CDU-Parteivize Christian Wulff griff die CSU wegen ihres Vorpreschens scharf an. "Die sind da in Bayern möglicherweise immer in der Pflicht, etwas lauter zu rufen, weil sie sonst hinter den Bergen nicht verstanden werden", sagte er dem Rundfunksender NDR 1. Einige Politiker hätten "nicht das zureichende Verhältnis zu ihrer Verantwortung, die mit ihrem Amt verbunden ist".

FDP hat andere Kandidatin im Sinn

In der FDP sorgte der Vorstoß aus der CSU ebenfalls für Verärgerung. Dort formierte sich umgehend Widerstand gegen einen Kandidaten Schäuble. Westerwelle hatte unterdessen bei SPD und Grünen ausgelotet, ob dort eine FDP-Kandidatin Cornelia Schmalz-Jacobsen am 23. Mai in der Bundesversammlung mitgewählt würde. Nach einer Koalitionsrunde sollen SPD und Grüne signalisiert haben, dass sie Schmalz-Jacobsen mittragen könnten. Bereits zuvor hatte Westerwelle mit Kanzler Gerhard Schröder und SPD-Fraktionschef Franz Müntefering Kontakt aufgenommen.

Geheimer Treffpunkt

Merkel sagte mittags vor ihrer Fraktion, in Kürze werde das lange vereinbarte Dreier-Treffen der Parteichefs stattfinden. Relativ schnell zeichnete sich ab, dass es noch am Abend sein sollte. Zwischen 20.00 Uhr und 21.00 Uhr traf Stoiber mit dem Flugzeug aus München kommend in der Hauptstadt ein. Das Rätselraten über den Ort des Treffens nahm hektische Formen an. Merkel hatte einen Abendtermin in Grunewald. Dort wartete ein Teil der "Jäger".

Als Treffpunkte kamen mehrere Orte in Betracht. In der CDU- Zentrale war Friedhofsruhe. In der nahe gelegenen Landesvertretung von Baden-Württemberg herrschte zwar Trubel - von Stoiber, Merkel und Westerwelle aber keine Spur. Auch im FDP-Hauptquartier in Berlin-Mitte waren die Fenster dunkel, ferner keine Zeichen eines Treffens vor Merkels Privatwohnung nahe der Museumsinsel.

Weiteres Treffen geplant

Hell erleuchtet waren hingegen die Räume in der Bayrischen Landesvertretung, der zunächst heißeste Tipp für die Gesprächsrunde. Aber: Dort fand eine Veranstaltung mit dem Schwerpunkt "Herausforderung Zukunft" statt. Hauptredner war der Landesbischof.

Schließlich hatte sich das Ziel von Merkels wild verwegener Jagd gegen 22.00 Uhr geklärt. Doch auch in Westerwelles Privatwohnung kam man sich ganz offensichtlich nicht näher. Wann genau es ein zweites Treffen in dieser Runde geben wird, war zunächst unklar. Möglicherweise schon an diesem Mittwoch.

Gerd Reuter und Ruppert Mayr, DPA DPA

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