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Kommentar: Im Zweifel entscheidet Fischers Form

Am 25. April sagt Joschka Fischer vor dem Visa-Ausschuss aus, vor laufender Kamera, live. Demokratietheoretisch ist das gut, über das Ergebnis entscheiden wird der Unterhaltungswert des Ministers. Zweifel an dessen Form sind angebracht.

Von Florian Güßgen

Keine Frage: Er war und ist ein Meister-Entertainer. "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch", beleidigte Joschka Fischer 1984 den damaligen Bundestagspräsidenten Richard Stücklen. Es war grandios. Ein Spektakel, eine Sensation, ein frecher, erfrischender Skandal, der dem Verursacher eher nutzte als schadete. Seither stach Fischer immer wieder zu, im Bundestag und außerhalb des Parlaments, rhetorisch flink, gewitzt, oft gehässig, aber meist gewinnend treffsicher - Joschka Fischer ist der Harald Schmidt der Politik-Show. Ist er gut drauf, kann er alles verkaufen: seine Person, seine Position, seine Partei. Ist er gut drauf, macht er seine Gegner platt, führt sie vor.

Eine politische Sensation mit hohem Unterhaltungswert

Bei der Anhörung im Visa-Untersuchungsausschuss am 25. April wird alles darauf ankommen, wie gut Fischer drauf ist. Seit Freitagmorgen steht fest, dass die Anhörung live im Fernsehen zu sehen sein wird. Das Interesse an dem TV-Spektakel ist dabei riesig. Es geht um große Politik, einen hochtrabenden Minister, einen Superstar der deutschen Politik, der vor die Inquisition treten muss. Das ist eine Sensation - und so eine Sensation findet immer Zuschauer. Beide, Regierung und Opposition, erhöhen dabei den politischen Einsatz, sie gehen ein immenses Risiko ein, denn an diesem Tag wird es nun nicht mehr nur um Fakten gehen, sondern auch um die Darstellungskünste einzelner Protagonisten. Die sind nur schwer steuerbar.

Unbehagen auch bei den Grünen

Showeffekt statt Aufklärung in der Sache? Nicht allen Mitgliedern des Untersuchungsausschusses war der Vorschlag mit dem Fernsehen ganz geheuer. Im Gegenteil. Sowohl Unionisten als auch Grünen war mulmig zumute, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Die Grünen, allen voran Jerzy Montag, der Obmann im Untersuchungsausschuss, waren von der SPD mit dem Vorschlag, die Anhörung live zu übertragen, überrumpelt worden. "Wir wollen Wahrheit statt Wirkung", wurde noch in dieser Woche in seinem Umfeld gewarnt. Die Union trug sich freilich mit einer Sorge ganz anderer Art. Was nämlich, wenn das Showtalent Fischer die Unionisten im Ausschuss einfach platt walzt, was, wenn er zu Hochform aufläuft und vor allem die da draußen mit einem fulminanten Auftritt überzeugt?

Vertrauen in den mündigen Bürger

Am Ende hatten die Bedenkenträger jedoch keine Chance gegen die Dynamik des TV-Vorschlags, den SPD-Abgeordnete geschickt lanciert hatten - mit dem Einverständnis des Außenministers natürlich. Das Publikum war heiß auf die Übertragung, ein Rückzug wäre für alle Beteiligten politisch schwer zu verkaufen gewesen. Gerade für den Grünen-Mann Montag war diese Erfahrung etwas bitter, nicht nur wegen der Sache mit der Wahrheit, sondern vor allem auch deshalb, weil Beobachter nun klar erkennen konnten, dass nicht er es ist, der im Ausschuss den besten Draht zu Fischer hat, sondern eher Olaf Scholz, der Kollege von der SPD.

Für die Bürger ist die TV-Übertragung in jedem Fall ein Gewinn. Ihnen wird nun zugetraut, selbst zu unterscheiden zwischen Schein und Sein, zwischen Show und Sache. Die Wähler müssen nicht auf die hoheitlichen Interpretationen der Spin-Doktoren der Parteien warten, sondern können sich selbst ein Urteil des Gesagten bilden. Für Machtpolitiker ist die Sache schon ein wenig schwieriger. Demokratietheoretisch klingt das mit der Transparenz und den mündigen Bürgern zwar toll, in Wahrheit dürfte es den meisten Zuschauern dennoch kaum darauf ankommen, was Fischer zu dem kniffligen Visa-Thema en detail zu sagen hat, sondern eher darauf, wie er es sagt. Für Fischer besteht die Herausforderung darin, den Ton genau zu treffen, ein Gleichgewicht zu finden zwischen Aktenlage und Entertainment.

Comeback-Kid Fischer

Eigentlich ist der Außenminister für diese Herausforderung bestens gewappnet. Eigentlich - denn tatsächlich ist Fischers Form derzeit schwer vorhersagbar. In der Bundestagsdebatte über das Waffenembargo an diesem Donnerstag machte er keine allzu gute Figur. Zwar lieferte er sich wie ehedem ein Wortgefecht mit Guido Westerwelle, zwar stieß er die politischen Gegner wie ehedem mit launigen Worten zurecht, aber irgendwie wirkte das alles wie ein blasses Zitat ehemals kämpferischer Auftritte, wie ein Aufraffen eines doch sehr alten, müden Ritters, der sich jetzt doch noch mal in die zerschundene Kampfesrüstung quetschen muss. Für die Live-Übertragung aus dem Untersuchungsausschuss könnte das zu wenig sein. Unterschätzen darf die Opposition Fischer dennoch keinesfalls. Der Außenminister gehört zu jenen politischen Geschöpfen, die noch in der aussichtslosesten Situation instinktsicher das Richtige machen oder sagen können. Auf diese Auferstehung hofft die Regierung, davor zittert die Opposition - und auf die Dramatik freut sich nun das Fernsehpublikum.