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Kultusminister beschließen Aufgabenpool: Das Abi wird komplizierter, nicht einfacher

Das gleiche Abitur in ganz Deutschland - so fordern es Eltern, Lehrer und Forscher. Jetzt machen die Kultusminister einen Schritt dahin. Aber vergleichbare Abschlüsse gibt es noch lange nicht.

Von Lutz Meier

Es ist, für Deutschland, eine Revolution. Zum ersten Mal können von Flensburg bis Konstanz die gleichen Abitur-Aufgaben gestellt werden. Die Revolution kommt aus dem Luther-Hotel in Wittenberg, wo noch bis Freitag die Kultusminister der 16 Bundesländer tagen. In der Stadt des Reformators beschlossen sie am Donnerstag den neuen "Aufgabenpool", nach dem künftig die deutschen Schüler in allen Ländern geprüft werden sollen. Details wollen die Minister erst am Freitag bekanntgeben.

Fast 80 Prozent sind für zentrale Prüfungen

Druck in diese Richtung gibt es schon seit über zehn Jahren. Damals hatte der Pisa-Schock den Blick darauf gelenkt, dass es beim Abitur in den verschiedenen Bundesländern extreme Leistungsunterschiede gibt. Auch wenn es in der OECD-Bildungsstudie ein bisschen anders stand, setzte sich die Wahrnehmung durch, dass das Abi etwa in Bayern besonders streng ist, anderswo im Land dagegen ein "Abi light" vergeben wird.

Lehrer, Eltern, Universitäten, Arbeitgeber und Experten wünschen sich deshalb schon seit langem ein Einheitsabitur - oder doch zumindest, dass vergleichbarer wird, was die Schüler in den verschiedenen Bundesländern lernen. 2011 etwa sprachen sich fast 80 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Emnid-Umfrage für zentrale Prüfungen aus. In Ländern wie Frankreich bekommen traditionell alle Schüler im Land am gleichen Tag zur selben Stunde die gleichen Prüfungsaufgaben. Das Modell hat auch in Deutschland viele Anhänger. Vergleichbarkeit wird nicht nur der Gerechtigkeit wegen verlangt, sondern auch, weil immer mehr Schüler zwischen Bundesländern umziehen müssen und auf dem deutschen Bildungsflickenteppich Probleme bekommen.

Ab 2017 ein paar gemeinsame Prüfungsfragen

Die Minister freilich nennen das stolz "Bildungsföderalismus" und wollen im Prinzip daran festhalten. Deshalb ist ihr Beschluss auch nur in dem Sinne revolutionär, als es in der deutschen Bildungspolitik schon als überraschend gelten kann, wenn sich nach zehn Jahren Debatte überhaupt etwas bewegt. Der Idee, das Abi zwischen den Bundesländern vergleichbarer zu machen, nähern sich die Verantwortlichen aber nur millimeterweise.

Um zu beschreiben, was die Minister tatsächlich entschieden haben, braucht man einen langen Satz: Ab 2017 werden den Schülern in allen Ländern in vier Schulfächern Aufgaben gestellt, die aus einem Pool von Aufgaben kommen können, der von den 16 Bundesländern gemeinsam beschlossen wird. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, der sachsen-anhaltinische Ressortchef Stephan Dorgerloh von der SPD, hat es vor der Tagung selbst gesagt: "Das ist ein Prozess, der über viele Jahre geht". Der neue Pool soll zunächst für die Fächer Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch gelten. Naturwissenschaften sollen später folgen.

Angst vor zu viel Vergleichbarkeit

"Mir ist nicht klar, wie der Aufgabenpool die Abiture tatsächlich vergleichbarer machen soll", sagte der Bildungsforscher Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung schon im vergangenen Jahr, als die Minister das Pool-Modell entwickelten. Der Verdacht vieler Bildungsexperten: Die Bundesländer wollten in Wahrheit Vergleichbarkeit vermeiden, weil sie Angst haben, dass sie beim Vergleich schlecht abschneiden.

Gegner von Einheitsfragen argumentieren derweil, dass Einheitsfragen auch einen einheitlichen Unterricht im ganzen Land voraussetzen, und das sei nicht gegeben. Einheitlicher aber wird das Abitur schon aus einem anderen Grund nicht: Durch das Hin und Her um die Frage, ob das Abitur in acht oder neun Jahren abgelegt wird, herrschen selbst innerhalb einzelner Bundesländer verschiedene Standards - und zwischen den Ländern erst recht.

Einige Länder wollen es schneller

Jedenfalls bleibt es den Ländern auch künftig freigestellt, welche Fragen sie aus dem Pool nehmen. Dieser muss jetzt wiederum erst zwischen den Ländervertretern festgezurrt werden. "Aus den Ländern werden Abituraufgaben für den gemeinsamen Pool zugearbeitet", sagte Dorgerloh. "Diese Aufgaben sollen dann nach einheitlichen Kriterien in einer AG aus Ländervertretern und Wissenschaftlern bewertet werden".

Immerhin haben einige Länder deutlich gemacht, dass es ihnen nicht schnell genug geht. Sie beschlossen schon im vergangenen Jahr, bereits 2014 gemeinsame Prüfungen abzunehmen. Demnach soll es in Bayern, Hamburg, Sachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen in einigen Fächern die gleichen Abi-Fragen geben. Wirklich vergleichbar wäre das Abitur freilich nicht einmal, wenn alle Fragen gleich gestellt und gleich bewertet würden. Denn die Prüfungen gehen nur zu einem begrenzten Anteil in die Abi-Note ein. Wie groß dieser Anteil ist, das variiert von Bundesland zu Bundesland ebenfalls stark.

Schon die einfachsten Regeln variieren

Ein bisschen Hoffnung gibt es aber: Das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität in Berlin soll nicht nur bei der Erstellung des Aufgabenpools helfen, es arbeitet für die Länder auch einen einheitlichen Katalog aus, der besagt, was Abiturienten in Deutschland in den einzelnen Fächern können müssen. Wie aber eine Abi-Prüfung in Deutschland aussieht, bleibt stark vom Wohnort abhängig. Das fängt bei den einfachsten Fragen an: Ob Schüler Wörterbücher oder bestimmte Rechner benutzen dürfen - selbst das unterscheidet sich von Land zu Land.

Lutz Meier