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Lafontaine: Auf Honeckers Spuren

Neunkirchen ist der Geburtsort Erich Honeckers, ein idealer Platz für den Parteitag der saarländischen Linkspartei. Und so wird Oskar Lafontaine mit beinahe sozialistischem Ergebnis zum Spitzenkandidaten gewählt: 92,4 Prozent.

Von Lutz Kinkel, Neunkirchen

Neunkirchen? Wo verdammt liegt Neunkirchen? Eine 4000-Euro-Frage, mindestens. Neunkirchen ist die zweitgrößte Stadt des Saarlandes, knapp 49.000 Einwohner. Sie lag mal in einem prosperierenden Industriegebiet. Bergbau, Kohle, Eisenwerk, es stank zwar in Neunkirchen, aber die Menschen hatten ein sicheres Auskommen. Mehr als 20 Jahre ist das her.

Inzwischen sind die Gruben dicht, das Eisenwerk auch, Neunkirchen kämpft mit Arbeitslosigkeit. "Ich weiß nicht, ob die Linke das vollbringen kann, was wir brauchen: ein Wunder", sagt die Taxifahrerin. Ihr Wagen hält vor dem Bürgerhaus. Hier versammelt sich die Linkspartei des Saarlands zum Parteitag. Es gibt viele Tagesordnungspunkte. Aber nur einen, der wirklich Bedeutung hat: Die Nominierung des sozialpolitischen Wunderheilers Oskar Lafontaine zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2009.

Kraftstrotzende Linke

Kraftstrotzend, geradezu euphorisch tritt die Linke im kleinen, stickigen Bürgerhaus von Neunkirchen auf. Nach der Gründung vor rund einem Jahr hat sie täglich politisches Gewicht zugelegt, in den Umfragen liegt sie inzwischen weit über 20 Prozent, sie könnte, wenn es so weiter geht, die SPD bei den Landtagswahlen 2009 locker schlagen. "Wir wollen die zweitstärkste Kraft werden, und wir werden das erreichen", brüllt der Landesvorsitzende Rolf Linsler vom Podium. "Wir wollen, dass Oskar Lafontaine Ministerpräsident wird, und wir werden das erreichen. Weil er es am besten kann." Jubel im Saal. Jeder weiß, dass Lafontaine das beste Zugpferd der Linken ist. Hart, erfahren, polemisch. Er bindet die Enttäuschten. Und erschreckt die Etablierten. Nach seiner Rede werden sie ihn mit 92,4 Prozent zum Spitzenkandidaten wählen. Und ein Plakat entrollen, auf dem in großen Lettern steht: "Er kann's".

Eine Bewerbungsrede

Lafontaine tritt ans Mikro, es ist seine Bewerbungsrede. Er ist braungebrannt, das helle Hemd zwei Knopf offen, mehr Toskana als Kohlegrube. "Dieser Parteitag und die vor uns liegende Landtagswahl haben bundespolitische Bedeutung", pumpt sich Lafontaine auf. Es gehe um einen Richtungswechsel in der Politik. "Wir haben den Richtungswechsel bereits eingeleitet. Wir sind die treibende Kraft." Höhnisch wird er der CSU später vorwerfen, sie könnte überhaupt keinen Wahlkampf führen, wenn sie nicht bei der Linkspartei abschreiben würde.

Im bundespolitischen Teil seiner Rede geißelt Lafontaine die angebliche "Entstaatlichung" Deutschlands. Die öffentlichen Hände hätten immer weniger Geld zur Verfügung, um in Bildung und Infrastruktur zu investieren. Er wolle die Steuern und Abgaben wieder auf ein mittleres europäisches Niveau führen, 120 Milliarden Euro Zusatzeinnahmen wären möglich, dabei sollen insbesondere die Reichen zur Kasse gebeten werden. Ein starker Staat, der den Robin Hood gibt - dieser Klassiker aus dem Theaterfundus der Linken kommt im Publikum gut an.

Er muss Antworten geben

Doch Lafontaine weiß, dass er im Saarland nicht nur auf Staatsphilosoph und Weltökonom machen kann. Er muss Antworten geben auf die Fragen hier vor Ort. Also widmet er sich intensiv der Landespolitik. Ministerpräsident Peter Müller wirft er "Totalversagen" vor und überzieht ihn mit ätzendem Spott. "Wie ist die Bilanz der Saar-CDU?", fragt Lafontaine. "Landtag renoviert - toll. Wirtschaftsministerium gebaut - toll." Ansonsten liege das Land am Boden, insbesondere die Kohleförderung. "Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass sich ein saarländischer Ministerpräsident an die Spitze der Bergbau-Gegner gesetzt hat", sagt Lafontaine.

Müller hatte jüngst eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach das Saarland 2012 endgültig aus der Kohlesubventionierung aussteigen soll. "Das ist ein Verstoß gegen die Kultur, gegen die Tradition dieses Landes. Allein deshalb muss dieser Mensch abgewählt werden." Die Kohle sei der wichtigste Energieträger der Welt, sagt Lafontaine. Müller habe keine wichtige Strukturentscheidung für das Land zustande gebracht. Er setze eine goldene Uhr für denjenigen aus, der ihm das Gegenteil beweise, juxt Lafontaine. Härter kann man einen politischen Gegner nicht schmähen.

Schluss mit lustig

Weniger ironisch, dafür umso ernster knöpft sich Lafontaine die saarländische SPD vor. Einer seiner Vorredner, der zu Beginn des Parteitages aufgetreten war, ist ein SPD-Mann, ein nicht unwichtiger sogar: Eugen Roth ist stellvertretender Vorsitzender der Saar-SPD, er ist eingeladen worden, weil er zugleich Chef des DGB im Saarland ist. Roth ergeht sich in flammenden Appellen nach mehr Sozialpolitik, in Koalitionsfragen bleibt er undeutlich. Die Linkspartei sei eine "demokratische Partei", sagt Roth. "Wir lassen uns, egal von wem, nicht auseinanderdividieren." Wer will, kann das als tKoalitionsangebot verstehen.

Lafontaine will es genauer wissen. Er biete der SPD eine Koalition für die Zeit nach der Landtagswahl 2009 an. Die Parteien müssten aber auf Augenhöhe verhandeln können. "Derjenige, der die meisten Stimmen hat, stellt den Ministerpräsidenten", fordert Lafontaine. Nach Lage der Umfragedinge hieße dieser Ministerpräsident dann Lafontaine. Heiko Maas, der Vorsitzende der Saar-SPD hat indes schon öffentlich beteuert, er würde nicht als Juniorpartner in ein Linksbündnis gehen. Eben weil er dann gezwungen wäre, Lafontaine zum Ministerpräsidenten zu machen.

Eine solche Demütigung wäre auch für Maas zu viel. Zudem würde er damit stellvertretend eine Kapitulationsurkunde der Bundes-SPD ausstellen. Lafontaine kennt diese Vorbehalte natürlich. Und versucht deshalb, Maas den Fluchtweg in die große Koalition abzuschneiden. "Wer mit der CDU jetzt schon Gespräche führt, macht sich völlig unglaubwürdig", ruft er Maas zu. "Ich erwarte eine klare Erklärung" - gemeint ist eine Koalitionsaussage zugunsten der Linkspartei. "Sollte diese Erklärung nicht kommen, dann freue ich mich auf die Auseinandersetzung. Ich kann dann auch nickelig werden." Der Saal tobt vor Vergnügen.

Während seiner Rede hat Lafontaine das Jackett ausgezogen, sein Hemd ist durchgeschwitzt. Als er endet, spendieren ihm die Deligierten vier Minuten Standing Ovations. Sie wissen alle, dass die Kameras der TV-Sender laufen und dieser Parteitag ein Signal sein soll. Ein Signal, dass Oskar nun ein zweites Mal das Saarland erobern wird. Aber warum geht er gerade in Neunkirchen an die Startlinie? "Immer dieselben Fragen", stöhnt die Pressesprecherin. "Hier war der Saal einfach günstiger als in Saarbrücken. Dass hier der Geburtsort Erich Honneckers ist - das hat damit nichts zu tun."