Landtagswahl Hessen Als Frau Ypsilanti schluchzte


Andrea Ypsilanti hat an diesem Wahlabend sämtliche Höhen und Tiefen durchlebt: Zu Beginn schien sie als sichere Siegerin, als Koch-Bezwingerin. Als der dann kurz vor Mitternacht in letzter Sekunde noch an ihr vorbeikroch, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. Ein Porträt einer tragischen Gewinnerin.
Von Sebastian Christ

Wenn der Abend vorbei ist, und der Sieg, was bleibt dann noch von der Freude übrig? Eine halbe Stunde vor Mitternacht dringt ein dröhnender Beifall aus dem Raum des SPD-Fraktionsvorstandes im fünften Stock des hessischen Landtages. Die Tür steht offen, und die aufeinander klatschenden Handflächen machen in dem kleinen Zimmer einen Lärm, der sich anhört wie ein Hagelsturm unter Wellblechdächern. Man hört das Schluchzen von Andrea Ypsilanti kaum, aber sie weint. Drei Minuten zuvor hatte sie erfahren, dass die SPD entgegen aller anderen Prognosen des Abends nur zweitstärkste Kraft in Hessen wird. Ihr Blick ist gesenkt, jetzt will sie nur noch weg. Ihre Leibwächter drängen die Fotografen zurück. Sie verschwindet im Fahrstuhl, fährt ins Untergeschoss und flüchtet in die Tiefgarage.

Die sozialdemokratische Spitzenkandidatin ist die große Gewinnerin der Hessenwahl, und trotzdem ist die SPD entgegen aller anderen Hochrechnungen des Abends nur zweitstärkste Kraft geworden. Es ist die bittere Ironie dieser Wahlnacht: Ausgerechnet in Ypsilantis Frankfurter Wahlkreis gingen die entscheidenden Stimmen für das Parteiergebnis verloren. Es war das letzte Ergebnis, das nach 23 Uhr noch fehlte, der Landeswahlleiter hatte etwa eine halbe Stunde gezögert, bevor er es frei gab: Ypsilanti gewinnt das Direktmandat, doch die CDU liegt bei den Zweitstimmen drei Prozentpunkte vor der SPD. So löste sich in den letzten Sekunden ein Teil des Triumphs in Rauch auf.

Große Freude über die ersten Zahlen

Um viertel vor sieben war die Stimmung bei der SPD noch euphorischer. Andrea Ypsilanti möchte nach der zweiten Hochrechnung zu ihren Parteigenossen sprechen. Doch der Vorraum des Fraktionssaals ist verstopft mit Kamerateams und Fotografen. Ein Blitzlichtinferno flackert auf, als sie zum ersten Mal den kleinen Nebenraum verlässt. Yspilanti wirkt ein wenig verunsichert, doch die Freude über die ersten Zahlen ist ihr anzumerken. "Andreaaaaaa", ruft eine Frau von der Seite. Sie umarmen sich. SPD plus acht und stärkste Kraft, CDU minus zwölf und nur noch zweitgrößte Fraktion im Landtag. Als Ypsilanti in den großen Saal eintritt, strahlt ihr eine Halogen-Wand aus Kamerascheinwerfern entgegen. Weiß, blendend, undurchdringlich. Und es wird nicht besser.

Vor dem Podium stehen Dutzende Kameras, die sich wie der Ring einer Kuchenform um das Pult gelegt haben. Andrea Ypsilanti ist eine zierliche Frau. Sie sieht nichts außer blank polierte Linsen. Langsam geht ihr das Medieninteresse auf den Keks. "Ich kann sie immer noch nicht alle sehen", sagt sie zu ihren Parteikollegen. Und in Richtung der Kameraleute: "Hier sind Genossinnen und Genossen, und mit denen möchte ich reden." Kaum jemand reagiert. Nun gut. Sie beginnt mit ihrer kurzen Dankesrede. "Die Sozialdemokratie ist wieder da", ruft sie voller Stolz. "Wir haben für eine andere politische Kultur gekämpft und gewonnen." Dann sagt sie einen verhängnisvollen Satz: "Wir werden die stärkste Partei bleiben, und das ist schon ein Erfolg." Sie konnte kaum ahnen, was noch kommt.

In den Städten konnte die SPD nicht überzeugen

Am frühen Abend lagen vor allem Ergebnisse aus den ländlichen Regionen vor. Dort hat Koch krachend verloren - im Kreis Fulda zum Beispiel bis zu 20 Prozent. Doch in den Städten schnitt die SPD verhältnismäßig schwach ab. Mit jeder neuen Hochrechnung wurde das deutlicher. Hatte die SPD anfangs bis zu 1,7 Prozent Vorsprung, so näherte sich die CDU mit fortschreitenden Auszählungsständen immer weiter von unten an. Zwei Stunden später, die Euphorie kippt in Ratlosigkeit um. Was soll man mit diesem Ergebnis bloß anfangen? Andrea Ypsilanti hat in ihrem kleinen Hinterzimmer ein Beruhigungsbier getrunken. Jetzt kämpft sie sich wieder durch die Gänge, sie muss Fernsehinterviews geben. Im ARD-Studio findet sie einige Minuten lang Ruhe.

"Zwischendurch habe ich ja schon Panik bekommen", sagt sie, mit Hinweis auf das Fotografenrudel um sie herum. Man merkt, dass sie heute Abend Probleme mit dem öffentlichen Interesse um sie herum hat. Sie fühlt sich beobachtet, als sie auf die Live-Schaltung wartet, spielt mit dem Mikrofon, lässt es hin und her wippen. Immer wieder klicken die Fotokameras. Sie sucht nach dem richtigen Gesicht dafür. Freude? Klar, könnte sie schon zeigen. Aber so lange sie nicht die stärkste Fraktion im Landtag führt, obliegt ihr auch nicht die Regierungsbildung. Also doch Skepsis? Dafür ist das Wahlergebnis einfach zu gut. Im Interview äußert sie sich zurückhaltend optimistisch. Freude über das Wahlergebnis, linke Mehrheit aus eigener Kraft. Ihre Mimik passt schon jetzt nicht mehr zu ihren Worten.

Mehr als ein Dutzend Live-Interviews

Das ZDF will mit ihr reden, ein Assistent treibt sie vor sich her. "Schnell rüber, und dann wieder hier hin." Sie gibt heute Abend mehr als ein Dutzend Live-Interviews. Ihr Haaransatz wirkt zerklüftet, sie schwitzt. Zurück zur ARD, Mikrofon angesteckt. Was von der Partei gesagt, ihrer Partei, die eigentliche Gewinnerin der Wahl. Ypsilanti ist müde. Auf dem Rückweg zu ihrem Büro laufen vier Mitglieder der Jungen Union im Wichtelmarsch an ihr vorbei und pfeifen die Internationale. "Andrea, hast Du das gehört?", ruft ihr ein Genosse amüsiert zu. Zum ersten Mal seit Stunden lacht Ypsilanti wieder. Dann verschwindet sie hinter der weißen Holztür.

Es ist nach 23 Uhr, das amtliche Endergebnis sollte schon seit etwa einer Stunde vorliegen. Beide Parteien sind laut der letzten Hochrechnung gleich auf. Die wenigen SPD-Wahlkampfhelfer, die es noch so lange ausgehalten haben, starren gespannt auf die Flachbildschirme an der Stirnseite des Saals. Es sind müde, nachdenkliche Gesichter. Überall stehen leere Sektgläser herum, das Buffet sieht aus wie ein abgefeierter Zirkusplatz. An der Theke wird jetzt vor allem Wasser und Cola light ausgeschenkt. Die Fernsehreporter stellen noch einmal ihre Kameras ein. Dann gibt das Hessenfernsehen die letzten Wahlkreisergebnisse bekannt.


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