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Roland Kochs Abgang: Brutalstmöglich sympathisch

Roland Koch war demonstrativ souverän, entspannt, gelassen. In Wiesbaden hat die CDU-Reizfigur verkündet, warum sie künftig ohne politische Machtspiele leben will. Fraglich nur, ob die Story stimmt.

Von Florian Güßgen

Den Haien entrann ich/Die Tiger erlegte ich/Aufgefressen wurde ich/Von den Wanzen", heißt es bei Brecht. Und so ähnlich scheint es nun auch Roland Koch zu ergehen, der letzten echten Reizfigur der CDU: Den peinlichen Skandal um die schwarzen Kassen der Hessen-CDU hat er überstanden, Andrea Ypsilanti hat er als hessische Ministerpräsidentin verhindert. Aber jetzt tritt er ab, weil ihn das kleine Klein-Klein in Hessen zermürbt und das große Klein-Klein in Berlin nervt - und weil ihn die Kanzlerin nicht zum Minister küren will. So die eine Lesart der Knallermeldung vom Dienstag.

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Koch selbst gibt seinem Rückzug einen völlig anderen Dreh. Unendlich ruhig ist er, als er am Dienstag um halb eins in Wiesbaden vor die Presse tritt, gelassen. Ihr habt mich alle unterschätzt, lautet die Botschaft. Ich bin nicht der fiese Ehrgeizling, für den ihr mich haltet. Ich kann loslassen, kann ohne Politik und Macht und das ganze Gedöns. Ganz locker. Ganz prima. Und damit Tschühüss. Koch, der Freund des Dalai Lamas, hat sich zu einer Wiedergeburt ohne Politik entschlossen.

"Politik ist nicht mein Leben"

"Politik ist ein faszinierender Teil meines Lebens, aber Politik ist nicht mein Leben", sagt Koch - und dieses Zitat wird in allen Rückblenden auf dieses Jahr auftauchen. Er wolle etwas Neues machen, jung genug sei er, sagt der 52-Jährige. Und, ja klar, es werde irgendetwas mit Wirtschaft sein, wenn er auch noch nicht exakt entschieden habe, was, sagt der Anwalt. Im Juni soll die hessische CDU nun einen neuen Vorsitzenden wählen, da tritt Koch nicht mehr an. Ende August hört er als hessischer Regierungschef und Landtagsabgeordneter auf, auf dem CDU-Parteitag im November will er sich nicht als Vize der Bundespartei wiederwählen lassen.

Böse, wer Koch unterstellt, seine Entscheidung entspringe einer immer größeren Distanz zur Parteichefin, zu Angela Merkel. Der hatte er noch in der vergangenen Woche lautstark empfohlen, doch bitte bei der Bildung zu sparen. In Wiesbaden sagt Koch nun, er habe seine Entscheidung schon lange im Herzen getragen und mit seiner Familie und, das ist interessant, mit CDU-Chefin Merkel schon vor einem Jahr darüber gesprochen. Dabei wäre der Konflikt mit Merkel durchaus eine plausible Erklärung für Frust gewesen, denn de facto war Kochs Karriere blockiert: In Hessen war er schon alles, was man werden konnte, und im Bund, in Berlin, konnte er nach jüngster Einschätzung aller Auguren nichts mehr werden. Immer wieder war er in der Vergangenheit als möglicher Nachfolger des maladen Finanzministers Wolfgang Schäuble gehandelt worden. Koch selbst schien sich mit finanzpolitischen Interviews zu bewerben. Nach Schäubles Ausfall bei den wichtigen Verhandlungen zur Eurokrise in Brüssel hatte Merkel hinter den Kulissen jedoch klar signalisiert, dass Koch für sie keine Alternative darstelle. Berlin war, das war damit klar geworden, für ihn keine Option.

Ein herber Schlag für die Konservativen

Für Koch ist das an diesem Tag alles kein Thema. Ehrgeiz? Machtspiele? Enttäuschung? Pah, liederliche Winzlinge, die ihr glaubt, derart niedere Motive könnten ihn treiben, scheint er sagen zu wollen. Auch gesundheitliche Gründe schließt er aus. Nein, sagt Koch. Er übergebe ein gut bestelltes Haus, mit dem politischen Kurs der schwarz-gelben Regierung in Hessen sei er rundum zufrieden, und einen Nachfolger könne er der hessischen CDU auch ans Herz legen. Den Namen will er nicht offen nennen. Aber es ist kein Geheimnis, dass Kochs Innenminister Volker Bouffier ein aussichtsreicher Kandidat wäre.

Trotz aller Lockerheit. Für den konservativen Flügel in der Union ist Kochs angekündigter Rückzug ein herber Schlag. Bislang ist er einer der Speerspitzen der Wertkonservativen in der CDU, mithin auch ein Brückenkopf hin zu den Wirtschaftsliberalen in der Union. Friedrich Merz ist schon länger weg. Demnächst nun auch Koch. Die Konservativen werden es nach Kochs Abgang künftig noch schwerer haben, in der CDU der Weichspülerin Angela Merkel Gehör zu finden. Der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus käme als neue Speerspitze in Frage, wortgewaltig ist er und unverfroren dazu. Aber er braucht Zeit zur Profilierung. Noch ist Mappus zu frisch im Amt, um ein mit Koch vergleichbares Gewicht in die Waagschale werfen zu können.

Ein fast sympathischer Abgang

Koch selbst schließt bei der Pressekonferenz aus, sich weiter prominent in die Debatte mit einbringen zu wollen. Er sei ein politischer Mensch, sagt der Mann, der im vergangenen Jahrzehnt so regelmäßig politisch provoziert hat wie kaum ein zweiter. Deshalb werde er auch künftig politisch denken, aber eben von der Seitenlinie aus, als einfaches Parteimitglied - auch wenn ihm das Disziplin abfordern werde. Dass er dabei Störfeuer abschießen werde, solle jedoch keiner erwarten. Eine Weisheit schreibt Koch seinen Nachfolgern und bisherigen Mitstreitern dennoch ins Stammbuch: Es sei keine Zeit, in der man sich vor unangenehmen Wahrheiten drücken dürfe, nur weil man das Echo in der Öffentlichkeit fürchte, sagt er.

Was Koch tatsächlich zu seinem Rückzug bewogen hat, ob man ihm die Geschichte von der Suche nach einer neuen Balance im Leben glaubt oder nicht - darüber kann man in den kommenden Tagen trefflich streiten. Unabhängig von der Frage, ob es die Wanzen waren, die Kochs politische Karriere am Schluss aufgefressen haben, muss man ihm eines lassen: Anlässlich seines Rückzugs hat er noch einmal einen beeindruckenden Auftritt hingelegt. Für einen, der jahrzehntelang als größter Unsympath der Republik galt, war der Abgang schon fast sympathisch.