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Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Hannelore Kraft, die Merkel der SPD

Die Umfragewerte steigen, die SPD in NRW ist wie besoffen, ihre Spitzenkandidatin inszeniert sich bereits als Landesmutter. Ein Roadtrip mit Hannelore Kraft.

Von Lutz Kinkel

Ihre Laune ist unverschämt. Unverschämt gut. Mit voller Wucht tritt sie gegen den roten Fußball, das Ding schnürt in den Himmel, ihr schwarzer Schuh fliegt hinterher, der Ball stürzt in die johlende Menge, der Schuh landet zwei Meter vor ihr. Und da steht sie im strahlenden Sonnenschein auf dem Dorfplatz vor der Kirche im münsterländischen Gronau, der deftige Geruch gebratener Würstchen hängt in der Luft, die roten Sonnenschirme wippen im Wind, und lacht sich scheckig: Hannelore Kraft, 49, Spitzenkandidatin der Sozialdemokraten, auf Wahlkampftour. Jürgen Rüttgers, den amtierenden CDU-Ministerpräsidenten, hatte sie in ihrer Rede auf dem Dorfplatz nur einmal erwähnt. Beiläufig. Am Rande - As if he doesn't even exist.

Es ist ein kleines Wunder geschehen an Rhein und Ruhr. Bis zum Jahresende 2009 hätte niemand einen Cent auf Hannelore Kraft verwettet, auch nicht die Genossen in der Berliner Parteizentrale. Jürgen Rüttgers war die überragende Figur, sie die Oppositionsführerin, die "Zicke", die "Kratzbürste" - Schmähbegriffe, die sie jetzt lächelnd zitiert. Aber dann steckte die Malaise der scharz-gelben Koalition in Berlin auch Rüttgers an. Wie Viren befielen ihn die unpopulären Reizwörter: die Kopfpauschale, die Steuersenkungen, der Klientelismus. Zu allem Unglück hatte er, der allzeit misstrauische Biedermann, eine eigene Affäre am Hals: Seine Partei hatte Sponsoren Gespräche mit dem Ministerpräsidenten feilgeboten, gegen einen stolzen Preis. "Rent a Rüttgers" hieß die beliebteste Schlagzeile. In der CDU roch es plötzlich nach Korruption.

"Sie ist eine sehr ehrliche Haut"

"Sie ist keine Schaumschlägerin", sagt Gesine Schwan zu stern.de. "Sie meint die Dinge ernst, die sie vertritt. Sie ist eine sehr ehrliche Haut. Das ist in der Politik vielleicht ein bisschen verrückt, aber es könnte ja auch erfolgreich sein." Gesine Schwan ist am Donnerstagabend Gast bei einer Diskussionsrunde mit Kraft über Beziehung, Familie und Alter in der Messe Münster. Auch Franziska Drohsel ist da, die Chefin der Jusos. Schwan wollte sich vergangenes Jahr mithilfe der Linken zur Bundespräsidentin wählen lassen und scheiterte. Drohsel ist Mitglied im Frankfurter Institut für "Solidarische Moderne", das die Hessin Andrea Ypsilanti mitbegründet hat. Das Institut denkt über eine rot-rot-güne Allianz nach, entwickelt Kontakte und Konzepte. Frau Drohsel, was ist mit Nordrhein-Westfalen? Klappt dort, was in Hessen, dem Saarland und Thüringen nicht funktioniert hat? "Das muss der Landesverband entscheiden", sagt Drohsel.

Natürlich. Es wäre derzeit ungünstig, sich mit einer eigenen Meinung aus dem Fenster zu hängen. Für Drohsel und für Kraft.

Rüttgers' CDU fährt eine Rote-Socken-Kampagne, so laut, dass dahinter der verzweifelte Versuch spürbar wird, alles zu überdröhnen. Das jüngste Plakat zeigt Hannelore Kraft mit einem Spiegel in der Hand. Im Spiegel ist aber nicht ihr Gesicht zu sehen, sondern das von Andrea Ypsilanti. Die Botschaft der CDU ist klar: Kraft wird in NRW das tun, was Ypsilanti in Hessen getan hat: sich aus schierer Machtgier mit den "Kommunisten" einlassen. Wer Hannelore Kraft auf der Bustour mit diesem Vorwurf konfrontiert, bekommt dreierlei zu hören. Erstens: Es gibt keinen kategorischen Ausschluss eines Linksbündnisses. Zweitens: Die Linken in NRW sind nicht regierungsfähig. Drittens: "Das ist ein Medienthema."

"Darf ich Ihnen ein Röschen da lassen?"

Tatsächlich? In Dülmen auf dem Marktplatz steht am Freitag Thomas Springeneer, Vorstand im CDU-Stadtverband. Halbglatze, braune Lederjacke, klapperdürr, er ist einer der vielen tausend Boten von Ministerpräsident Rüttgers. An seinem Stand stapeln sich die Flyer, die vor der "rot-roten Gefahr" warnen. "Die Leute sind damit zu erreichen, das ist ein Thema", sagt Springeneer. Die Kamerateams jedoch turnen Hannelore Kraft hinterher, die mit dem lokalen Direktkandidaten von Marktstand zu Marktstand spaziert und rote Rosen verteilt. "Woher kommen Sie?", fragt sie die Händler. Kaum nennen sie einen Ort, sagt Kraft einen freundlichen Satz dazu. "Darf ich Ihnen ein Röschen da lassen?" Aber sicher. Und dann bittet sie darum, am 9. Mai zur Wahl zu gehen. Wer sich geschmeidig und freundlich zeigt, dem drückt Kraft ein paar SPD-Broschüren in die Hand. Wer zurückhaltend und reserviert reagiert, dem legt sie die Rose einfach auf den Tresen.

Keine Überforderung. Keine Indoktrination. Schieres "Nosing", wie die angloamerikanischen Spindoktors sagen: Nase zeigen. Menscheln wäre der deutsche Ausdruck. Aber das beschreibt es nur ungenügend. Denn der Begriff verbirgt die Absicht.

Jürgen Rüttgers hat ein Problem: Er gilt als kalt, unnahbar, ein Technokrat. Kraft, die ganz unkompliziert auf Leute zugehen kann, nutzt Rüttgers' Defizit systematisch. In der Gesprächsreihe "Von Mensch zu Mensch" lässt sie sich von dem ehemaligen NDR-Moderator Reinhard Münchhagen interviewen. Nicht über Politik. Sondern über sich, den "Udo", ihren Ehemann, den "Jan", ihren 17-Jährigen Sohn, der jetzt bei den Jusos ist. Sie erzählt vom frühen Krebstod ihres Vaters, von ihrer Idee, in einem Mehrgenerationenhaus alt zu werden, von ihrer Leidenschaft für Fußball, Handball und Basketball, dass sie zu Hause gerne "Activity" spielen, dass dort ein Flipper steht, die Familie immer ins Sauerland in den Urlaub fährt ("Das ist praktisch. Es gab noch keinen Urlaub, in dem wir nicht zurück gefahren wären, um noch etwas zu von zu Hause zu holen") und dass ihr Mann daheim der Chef sei. Klar, die Finanzen, immerhin ist sie ausgebildete Wirtschaftswissenschaftlerin, hat sie unter Kontrolle. Kraft führt eine Haushaltsliste, in der penibel jede Ausgabe verzeichnet ist.

Ungewöhnlich offene private Enthülllungen

Kraft spricht sogar öffentlich davon, dass sie keine Kostverächterin gewesen sei, bevor sie "Udo" kennenlernte. Bei Bedarf erzählt sie auch, wie sie Udo kennenlernte. Soviel Exhibitionismus ist für einen Spitzenpolitiker ungewöhnlich. Aber die Senioren, die ihr an diesem Donnerstagabend zuhören, bevor die Diskussionsrunde mit Schwan und Drohsel beginnt, hängen ihr an den Lippen. Hier spricht ein Mensch, der sich nahbar macht. Verständlich. Der Politik auch aus seiner Biographie ableitet.

Bustouren mit Journalisten sind natürlich nicht darauf angelegt, den Kandidaten aufs Glatteis zu führen. Sie sind eher eine Leistungsschau - so als würde ein Metzger nur bei Schlachthöfen vorbei fahren, aber nie bei der örtlichen Veganer-Initiative. Kraft hat sich für ihre Tour einen Biobauernhof in Rinkerode ausgesucht, eine Debatte mit Studenten in Münster ("Die Studiengebühren müssen weg!") und einen Besuch beim Kohlebergbau der RAG in Ibbenbühren. "Ich bin die Kohletante. Das weiß jeder", sagt Kraft in der großen RAG-Veranstaltungshalle und die Kumpel lieben sie dafür. Kraft setzt sich dafür ein, dass der Kohlebergbau erhalten bleibt; CDU, FDP und Grüne wollen ihn abwickeln. "Wir wissen, wo unsere Freunde sind", sagt der Betriebsratsvorsitzende Burkhard Bruns, dessen Familie nun in der fünften Generation "einfährt", wie er stern.de erzählt. "Hier ist Hannelore Kraft. Sie ist unsere letzte Chance." Das ist die Art von Schulterschluss, die Kraft politisch in den vergangen fünf Jahren in der Opposition gesucht hat: der Schulterschluss mit der klassischen SPD-Klientel. Arbeiter, Gewerkschaften, Sozialhilfeempfänger, Öffentlicher Dienst. Sie ließ ihre Partei für jedes Politikfeld und jede Zielgruppe Programme ausarbeiten. Nun steht sie hier und nennt sich "Kohletante".

Es ist nicht so, als sei Kraft einfach nur eine nöhlige Weltverbesserin. Sie kann mehr, sie ist mehr, sonst hätte sie die geschundene NRW-SPD nie zu neuer Stärke führen können. Wenn Kraft eins hasst, sind es Vergleiche mit Angela Merkel. Und dennoch: Ihre Karriere, ihre Selbstbeschreibung, sogar noch ihre Kleidung weisen auf die Kanzlerin hin. Kraft ist wie Merkel eine Seiteneinsteigerin, Kraft hat wie Merkel die Partei in einem desolaten Zustand übernommen, Kraft sagt "Ich denke in Szenarien", Merkel sagt "Ich denke vom Ende her", Merkel trägt Hosenanzüge mit farbigen Blazern, Kraft auch. "Unverschämtheit", sagt sie zu stern.de, wenn sie auf die äußerlichen Parallelen hingewiesen wird. "Ich weiß nicht, wann die Kanzlerin eine Entscheidung trifft." Was heißen soll: Ich packe an. Die Macht ist für mich kein Selbstzweck.

"Auch Rüttgers hat nur ein befristetes Arbeitsverhältnis"

Es ist Freitagabend, die SPD-Landtagsfraktion in Düsseldorf gibt ihren traditionellen Arbeitnehmer-Empfang vor dem 1. Mai im Restaurant des Landtags. Licht flutet durch die bodentiefen Fenster, dahinter liegen Wiesen und der Rhein. Kraft spricht von ihren Standardthemen, den Kommunalfinanzen, der Bildung. Dann tritt der NRW-DGB-Vorsitzende Guntram Schneider auf, Schattenminister für Arbeit, ein Mann, der bei jedem Satz schier zu explodieren scheint, so dickleibig-angestrengt brüllt er ins Mikro. Aber er sagt gerade Sätze, scheut sich auch nicht davor, Rüttgers zu attackieren. Zum Thema "prekäre Arbeitsverhältnisse" erklärt er: "An dieser Stelle will ich betonen: Auch der Ministerpräsident hat nur ein befristetes Arbeitsverhältnis. Und das wird nicht verlängert." Die Partei applaudiert heftig, Kraft, die in der ersten Reihe sitzt, amüsiert sich. Sie hat schon längst umgeschaltet, von Oppositionsführerin auf Landesmutter. Sie tritt - auch das ist eine Parallele zu Merkel - inzwischen präsidial auf.

Letzter Redner an diesem Abend ist der Vize-Fraktionsvorsitzende Rainer Schmeltzer. Er zitiert die jüngste Umfrage aus einem Institut, dass sich "omniquest" nennt, und nicht zu den großen, etablierten Meinungsforschungsunternehmen gehört. Demnach haben SPD und Grüne eine Mehrheit, die FDP muss um den Einzug bangen, die Linken sind nicht drin. Wie verlässlich diese Zahlen sind, ist zweitrangig: Die zirka 750 SPD-Anhänger schlucken sie wie Amphetamine. In der nordrhein-westfälischen SPD flackert, nach 39 Regierungs- und 5 Oppositionsjahren, wieder eine Flamme. Deren Widerschein ist in jeder Sekunde auf Hannelore Krafts Gesichts zu sehen.

Noch ist nichts entschieden. Noch.