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Ein lauter Kommentar zu einem schlimmen Vorwurf Wir sind die Lügenpresse

Das Bild des Journalisten hat sich gewandelt - vom Helden zur Schmeißfliegen.
Das Bild des Journalisten hat sich gewandelt - vom Helden zur Schmeißfliegen. Das ist gefährlich - dabei ist die Presse heute der beste Beweis für Meinungsfreiheit.
© Michael Kappeler/DPA
44 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass die Presse geschönt berichtet und dass Journalisten von oben gesteuert werden. Journalisten sind in der öffentlichen Meinung ganz unten durch. Kollegen, macht Euch gerade!
Von Chefredakteur Philipp Jessen

Mit meiner Großmutter musste ich früher oft Heimatfilme schauen. Kam ein Journalist in diesen Streifen vor, war er immer der Held. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen korrupten Bürgermeister, der einer alten Bäuerin den Hof wegnehmen wollte. Verhindert hat die Sache schließlich ein wackerer Lokalreporter, der die Machenschaft aufdeckte. Das Dorf feierte ihn – und natürlich verliebte sich die schöne Tochter der Bäuerin in ihn. Happy End.

Entdeckt man heute Journalisten im TV, sind es zumeist schmierige Typen, die im "Tatort" versuchen, sich an der Polizeiabsperrung vorbei zu mogeln, um ein Foto einer Kinderleiche zu machen. Ein cooler Kommissar in Lederjacke erwischt dann einen von ihnen. Packt sich den Typen, gibt ihm eine Tritt und ruft: "Verpiss dich hier, du Schmeißfliege!"

Es ist etwas verrutscht in der Wahrnehmung von Journalisten in der Öffentlichkeit. Oder wie ein Kollege mir heute sagte: "Das Sozialprestige von Journalisten liegt derzeit unter dem von Drogendealern."

(Zu) viele glauben, die Medien sind von oben gesteuert

Fast jeder zweite Deutsche (44 Prozent) ist offenbar der Meinung, dass die hiesigen Medien von oben gesteuert sind und gezielt die Unwahrheit verbreiten. Das ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage für den stern.

Das ist erschreckend.

Und falsch. Denn wäre dem so, gäbe es solch eine Umfrage gar nicht erst. Und dass Wladimir Putin das Vorbild für souveräne Staatsführung von vielen ist, die jetzt auf ihren Abendspaziergängen "Lügenpresse" skandieren, macht die Situation so bizarr, dass man fast lachen würde, wäre es nicht gleichzeitig so dramatisch.

Aus der Politikverdrossenheit ist eine Systemverdrossenheit geworden. Wut- und die sogenannten "besorgten" Bürger gegen "die da oben". Die Journalisten trifft diese Ablehnung mit besonderer Härte. Wir stehen noch unter den Politikern. Wir sind ihre Handlanger. Die willfährigen Steigbügelhalter für die Versager in Berlin. Käuflich und dumm. Wir sind alle "Nato-Lohnschreiber" oder "vom dicken Sigmar gleichgeschaltet und gekauft", wie ich zwei Leserbriefen entnehmen konnte. Wir sind die Lügenpresse.

Unmündig, unfrei, von oben gelenkt: Das, wofür der Begriff Lügenpresse steht, offenbart allerdings über diejenigen, die ihn benutzen mehr, als über die Presse selbst. Denn wer von Lügenpresse faselt und brüllt, der hat nicht verstanden, worum es in Artikel 5 des Grundgesetzes geht. Nur, weil jemand etwas anderes schreibt, als ich selbst denke, lügt er nicht. Er hat einfach nur eine andere Meinung. Und das Recht, jene zu äußern. Dieses Recht tritt Pegida mit Füßen. Sogar buchstäblich, wenn Kollegen auf Demos angegangen und verprügelt werden. Das ist nicht zu tolerieren. Dagegen müssen wir kämpfen.

Wie wir wieder zueinander kommen

Wie kommen wir wieder zueinander? Und damit meine ich nicht die Pegida Schreihälse. Für die ist es zu spät. Die wollen wir nicht. Sondern den Teil der 44 Prozent, um deren Köpfe und Herzen sich der Kampf noch lohnt.

Durch guten Journalismus, das Aufdecken von Missständen, wasserdichte Recherchen.

Wir müssen von Verteidigung auf Angriff schalten. Für unseren guten Ruf kämpfen. Auch laut werden, und wenn es Not tut: zurückbrüllen. Wir müssen uns nicht jeden hirnverbrannten Vorwurf gefallen lassen. Das sollten wir auch laut und deutlich artikulieren.

Selbstkritischer sein. Natürlich machen wir Fehler. Diese müssen transparent gemacht werden. Und sofort sichtbar aufgearbeitet werden. Auch wenn es weh tut. Das schafft Vertrauen.

Und durch das Aufzeigen der Alternative - ein Land ohne freie, pluralistische Presse. Ohne Artikel 5 im Grundgesetz. Vielleicht müssen wir dieses Schreckensszenario deutlicher machen. Ganz nah an uns heranlassen. Denn sollte es uns nicht gelingen, den Schrecken der Abwesenheit von gutem Journalismus in einer Gesellschaft aufzuzeigen, dann verlieren wir alle. Dann vielleicht sogar zu recht.

P.S. Dieser Text wurde weder von der Nato noch von Sigmar Gabriel in Auftrag gegeben.


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