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Türkei Weihnachtsverbot an Schule: CDU-Politiker irritiert mit "Lügenpresse"-Vorwürfen

Ruprecht Polenz hat die Berichte über ein Weihnachtsverbot an einer Schule in Istanbul scharf kritisiert
Ruprecht Polenz hat die Berichte über ein Weihnachtsverbot an einer Schule in Istanbul scharf kritisiert 
© Fredrik von Erichsen/DPA
Das "Weihnachtsverbot" an einer deutsch-türkischen Schule in Istanbul schlug kurzzeitig hohe Welle. Mittlerweile ist der Streit beigelegt. Doch der CDU-Politiker Ruprecht Polenz warf den deutschen Medien vor, ungeprüfte Informationen zu verbreiten und landet damit selbst im Fettnapf.

35 deutsche Lehrer unterrichten an der Istanbul Lisesi Schule. Sie werden nicht nur von der Bundesrepublik in die Türkei entsandt, sondern auch bezahlt. Das Engagement kostet den deutschen Steuerzahler jedes Jahr Millionen Euro. Das Sagen an dem Elite-Gymnasium  hat jedoch das türkische Bildungsministerium, das die Schulleitung besetzt. 

Am vergangenen Dienstag verschickte diese Leitung an das deutsche Kollegium eine Email mit dem folgenden Inhalt: "Es gilt nach Mitteilung der türkischen Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird."

Zahlreiche Medien berichteten über den eklatanten Verstoß gegen das Kulturabkommen mit der Türkei, das auch die Vermittlung der deutschen Kultur zum Ziel hat. Dem CDU-Politiker Ruprecht Polenz passte dies jedoch nicht. Auf Facebook echauffierte er sich über die angeblich miserable Arbeit der Presse. Diese habe eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur (DPA) einfach ungeprüft nachgedruckt, so sein Vorwurf.

Email und Zeugenaussagen bestätigen die DPA-Darstellung

Allerdings hat Polenz offenbar selbst auf eine Recherche verzichtet, bevor er zu poltern beging. Zum einen verschwieg die DPA keineswegs, dass die türkische Schulleitung ein Weihnachtsverbot bestritten hat. Die Nachrichtenagentur zitierte aus der Stellungnahme, die den deutschen Lehrern vorwarf, vor allem in den letzten Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt zu haben, die nicht im Lehrplan vorgesehen sei. 

Während sich die Schulleitung in nebulösen Formulierungen erging, die die Existenz der ursprünglichen Anweisung nicht eindeutig dementierten, lag der DPA und auch anderen Medien die Original-E-Mail vor. 

Darauf machte auch der Spiegel-Reporter Hasnain Kazimden den CDU-Politiker aufmerksam. Darüber hinaus hätten mehrere Lehrer, die Existenz der Anweisung bestätigt. "Wir sprachen auch mit mehreren Lehrern der Schule (einige meldeten sich von sich aus bei uns), die bestätigten, eine entsprechende Anweisung per E-Mail erhalten zu haben", schrieb er auf Facebook. "Es gibt also keinen Grund, an der DPA-Meldung zu zweifeln". Zumal es gerade der "Sinn und Zweck einer Nachrichtenagentur, dass man davon ausgehen kann, dass ihr Material journalistisch korrekt zustande gekommen ist. Dafür verfügt sie über ein großes, hoch professionelles Journalistennetz", stellte Kazim klar. 

Schulleitung bringt "Lügenpresse"-Vorwurf vor

Der Reporter warf Polenz vor, sich einer Argumentation zu bedienen, die auch der AfD nicht fremd ist. " [...] die AKP, allen voran der Abgeordnete Mustafa Yeneroglu, behauptet einfach, das sei alles unrichtig (Er kommt mit der üblichen Beschuldigung, man sei kein Journalist, sondern 'Aktivist', und seinen üblichen Lästereien über 'Qualitätsjournalismus', da ist er den AfD-Leuten Bruder im Geiste), aber das ist, wenn man das unabhängig prüft, nur eine Behauptung, während es für die DPA-Meldung mehrere stichhaltigen Belege gibt."

Doch Polenz will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben. Den Beitrag Kazims kommentierte er mit einer Erklärung der türkischen Schulleitung, die die deutschen Medien weiter als "Lügenpresse" charakterisiert. "Die Nachrichten in der deutschen Presse über ein vermeintliches Weihnachtsverbot für deutsche Lehrer am Istanbuler Jungengymnasium entsprechen nicht der Wahrheit und sind Ausfluss von Bestrebungen, der Öffentlichkeit ein verzerrtes Meinungsbild zu vermitteln und mehr als 100 Jahre türkisch-deutsche Beziehungen und ein halbes Jahrhundert fruchtbare Kooperation im Bereich der Bildung zu überschatten", wird in dem Schreiben behauptet.

Polenz wirbt seit Langem für einen EU-Beitritt der Türkei. Bis Juli 2016 war er der Vorsitzende des Fernsehrates des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF).

ivi

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