Jan Josef Liefers im Interview "Ich weine der DDR keine Träne nach"


Er ist bekannt als Musiker, Filmschauspieler und als kauziger "Tatort"-Pathologen. Im stern.de-Interview spricht Jan Josef Liefers über den Soundtrack seiner Kindheit und die letzten Tage der DDR.

Herr Liefers, was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an den 9. November 1989 denken?
Dass die ersten, die nach Schabowskis Pressekonferenz über die Grenze nach Westberlin gelassen wurden, einen Stempel in ihren Personalausweis bekamen, quer über das Passfoto. Damit waren sie, ohne es zu wissen, ausgebürgert worden. Ein netter Versuch, der in sich zusammenfiel, wie bald die ganze Mauer.

Wo waren Sie?
Ich stand angezogen zwischen Tür und Angel und sah die berühmte Pressekonferenz im Fernsehen, es war kurz vor 19 Uhr und ich musste dringend ins Theater, war mit zwei Freunden aus Westberlin verabredet. Später dann, als wir so um Mitternacht aus der Theaterkantine kamen und in Richtung Grenzübergang schlendern wollten, wurden wir einfach mit dem Strom der Menschen weggespült.

Am 4. November haben Sie noch bei einer Berliner Großdemo eine Rede gehalten.
Es war die erste und einzige genehmigte Protestdemo in der Geschichte der DDR, und ich wollte etwas sagen, dass klar machte, dass wir dem alten SED-Apparat das Zepter aus der Hand nehmen wollen, und Tschüss, Genossen! Ein paar Vertreter der alten Garde standen nämlich auch auf der Rednerliste. Mehr als eine halbe Million Menschen waren gekommen, die sollten sich nicht verarscht fühlen, wie all die Jahre zuvor.

Wie kam es dazu, dass Sie involviert waren?
Es waren kleine Schritte, für sich genommen nichts Besonderes. Es begann mit einer Unterschrift unter den Gründungsaufruf des Neuen Forums. Den Text konnte man einfach nicht nicht unterschreiben, fand ich. Damit hat man sich zu erkennen gegeben und signalisiert, man war bereit, einen Weg zu gehen, von dem man nicht wusste, wo er hinführen würde. Ich stellte mich zur Verfügung, wollte helfen, wenn es ging. Auf einer Versammlung des Berliner Ensembles saß ich dabei, als beschlossen wurde, die Demo mit oder ohne Genehmigung auf jeden Fall durchzuziehen. Auch über die Rednerliste wurde heftig diskutiert. Ein Auftritt von mir war ursprünglich nicht geplant, erst kurz vor knapp wurde ich gefragt, ob ich nicht doch was sagen könnte.

Hierzulande geraten Künstler, die sich engagieren, oft in die Kritik. Im Sinne von: Was will der denn, der hat doch alles. Wie sah das im Ost-Kontext aus?
Eine ziemlich bedeutungslose Kritik übrigens. Das Schöne an diesen Tagen im Oktober und November war, dass sich in dieser Zeit tatsächlich alle miteinander solidarisierten. Ohne Skepsis oder Neid. Sozialneid war in der DDR eh nicht so ausgeprägt, weil die Einkommen nicht den entscheidenden Unterschied machten und man mit Geld weniger weit kam, als mit guten Beziehungen. Herzchirurgen mussten ausgesprochen freundlich und spendabel zu ihren Automechanikern sein, wenn es um eine neue Auspuffanlage für den Wartburg ging.

Hatten Sie eine Vorstellung davon, wo das ganze hinführt?
Nicht wirklich. Das Ziel in den Tagen vor dem 9. November war ja nicht die Wiedervereinigung. Es hat nur wenige gegeben, die vielleicht geahnt haben, dass sie bald auf der Tagesordnung steht. Und dann ging es ab wie eine Lawine. Ich fand die Frage schon spannend, was aus der DDR hätte werden können, wenn nicht so rasant Fakten geschaffen worden wären. Andererseits ist es müßig, denn aufzuhalten war das damals nicht.

20 Jahre danach sind mit einem klingenden Fotoalbum unterwegs - macht das immer Spaß oder stimmt Sie das im Blick zurück auch traurig?
Mich macht das nicht traurig. Ich will ja keine Feierstunde abhalten. Es hat mit diesem überstrapazierten Begriff von Ostalgie nichts zu tun. "Hach, wie war das damals alles schön, seufz..." - das ist ja überhaupt nicht mein Ding. 1990 besuchte Jane Fonda Berlin und wollte ein paar Kollegen treffen, um zu verstehen, was in der DDR los war. Ich wollte ihr am liebsten alles erklären, aber wusste nicht einmal, wo ich hätte anfangen sollen. Wie kann man jemanden, der aus einer ganz anderen Welt kommt, die DDR erklären? Seitdem hatte ich eine Art Blockade, die erst durch die Konzerte und vor allem das Schreiben des Buches sich löste.

Was finden Sie denn so schlimm an der Ostalgie?
Wer das mag - meinetwegen. Ich mag es nicht. Mir gefallen alte Füllfederhalter und mechanische Uhren. Aber nicht dieses "Ach wie schön mal, die alte DDR-Cola. Und hier mein schönes FDJ-Hemd!" - das ist nicht wirklich meine Sache.

Gibt es heute eine Zweiklassen-Gesellschaft der Ostalgiker? Hier Puhdys und Karat, dort Jan Josef Liefers und Bernd Michael-Lade?
Ich würde mir den Schuh nicht anziehen. Ich habe keine wehmütigen Gefühle, wenn ich an die DDR denke. Ich war kein Fan dieses Staates und weine ihm keine Träne nach. Klar ist aber auch - ich wäre nicht der, der ich heute bin, wenn ich - sagen wir - in Hamburg aufgewachsen wäre. Der Untergang der DDR kam zu einem Zeitpunkt, der für mich gerade richtig war. Ich war noch jung genug, um keine Angst vor einem Neustart zu haben und ich war trotzdem alt genug, um zu reflektieren, was da eigentlich geschehen war. In meinem Leben kam der Mauerfall goldrichtig.

Wieso heißt Ihre Band dann ausgerechnet "Oblivion", also "Vergessen", wo es doch um die Erinnerung geht?
Irgendeinen Namen braucht eine Band nun mal. Das Wort bedeutet "Vergessenheit", ich denke dabei an Selbstvergessenheit. Ein glücklicher Zustand, den Musik auslösen kann, wenn man sich ihr überlässt. Ich habe das immer sehr geliebt.

Die Band besteht aus Westlern, verstehen die überhaupt, was in Ihnen und diesen Liedern vorgeht?
Selbstverständlich. Das sind ja keine müden Leihmucker sondern begeisterte Musiker. Wir tauschen uns aus, haben das alles zusammen erarbeitet. Das sind alles schlaue Jungs, die haben Spaß an den Texten und an der Beschäftigung mit dieser Musik gehabt. Die guten Ostrock-Songs haben durch die Zwänge der DDR-Zensur eine ganz eigene Poetik entwickelt. Eine Bildsprache, die manchmal über die Zeit hinaus wirkt.

Ist in Sachen Publikum zusammengewachsen, was zusammen gehört? Oder gibt es unterschiedliche Reaktionen in West und Ost?
Ich merke zunehmend, dass es die eine DDR gar nicht gab. So gleichgeschaltet war das letztlich überhaupt nicht. Ich habe "Der Turm" von Uwe Tellkamp gelesen. Ein Dresdner wie ich. Selbe Stadt, ähnliches Alter, aber eine völlig andere Geschichte. Eigentlich gab es die DDR dreimal: Die, in der man jeden Tag lebte; dann eine, die in der Zeitung stand; und schließlich eine dritte, die so war, wie man sie sich vielleicht gewünscht hätte.

Wie werden Sie den 9. November 2009 verbringen?
Ich muss mal in den Kalender schauen. Ich habe zu arbeiten! Es gab jede Menge Einladungen zu irgendwelchen Veranstaltungen, aber ich habe es nicht so mit Jahrestagen. Das ist ja auch ein gutes Zeichen, wenn dieses Datum immer alltäglicher wird.

Ingo Scheel

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