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Merkel-Debatte: Mehr arbeiten? - Mehr diskutieren!

Der Vorstoß der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel, auch im Westen Deutschlands solle so lange gearbeitet werden wie im Osten statt andersrum, sorgt für reichlich Gesprächsstoff.

Eine Frau, die sich im Rahmen einer offiziell noch gar nicht existierenden Debatte um die Kanzlerkandidatur profilieren will, muss auch einmal ein wenig Wirbel wagen. Und den hat die CDU- Vorsitzende Angela Merkel auch prompt bekommen, nachdem sie in der 'Bild am Sonntag' die Westdeutschen zu höheren Wochenarbeitszeiten aufforderte.

"Es ist nach meiner Auffassung falsch, die längeren Arbeitszeiten im Osten den kürzeren im Westen anzupassen. Richtig wäre es, die West-Arbeitszeiten denen im Osten anzupassen", so ihre Aufsehen erregenden Worte. Dies würden inzwischen sogar einige Gewerkschafter so sehen. Die Westdeutschen sollten sich darauf einstellen, künftig "ein oder zwei Stunden pro Woche mehr zu arbeiten".

Offensichtlich gehört der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) nicht zu denen, die das "auch so" sehen. DGB-Chef Michael Sommer sagte: "Würde die Arbeitszeit um eine Stunde verlängert, würden hunderttausende Arbeitsplätze vernichtet." Die CDU-Chefin "reiht sich leider in den Klub der Miesmacher ein, die den Standort Deutschland schlecht reden". Nicht die Stundenlöhne seien das Problem des Export-Vizeweltmeisters, sondern die seit drei Jahren anhaltende Konjunkturschwäche.

Es folgte das Rauschen im politischen Wald

Der sächsische Arbeitsminister Martin Gillo war der erste, der sich hinter die Merkel-Forderung stellte. Auch im Sinne der Zusammenführung von Ost und West, wünsche er sich, "dass wir darüber nachdenken, wie deutschlandweit 38 Stunden pro Woche als Arbeitszeit gelten", sagte der CDU-Politiker am Montag im ZDF-'Morgenmagazin'. "In Richtung mehr Arbeitsplätze brauchen wir mehr Stunden in der Woche."

Zustimmung gab es ebenso ...

Auch der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle sagt 'Ja' zur einer höheren Wochenarbeitszeit. "Besser in der Woche eine Stunde länger arbeiten als erst mit 67 oder gar 70 Jahren in die Rente", sagte Westerwelle laut 'Bild'-Zeitung. Der Wohlstand lasse sich nicht mit weniger Arbeit halten, sondern nur mit mehr Fleiß.

Zustimmung gabs auch vom CDU-Wirtschaftsexperten im Bundestag, Michael Fuchs. Die Wochenarbeitszeit müsse "in ganz Deutschland auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich verlängert werden". Nur so werde die deutsche Wirtschaft international wieder wettbewerbsfähig.

... wie Kritik

Doch auch Kritik war zu hören. Überhaupt nicht überzeugt zeigte sich ein weiterer Gewerkschafter. Der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, sagte: "Längere Arbeitszeiten sind nichts anderes als Lohnkürzungen." Das schaffe keine Jobs, sondern vernichte Arbeitsplätze.

Und auch aus den eigenen Reihen blies Angela Merkel scharfer Wind entgegen. Die Äußerungen seien "völlig daneben", es handele sich dabei um ein Thema der Tarifparteien und nicht der Politik, kritisierte Hermann-Josef Arentz, Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) und CDU-Präsidiumsmitglied, in einem Interview der 'Kölnischen/Bonner Rundschau'. Eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich sei nichts anderes als der ungerechte Griff in die Taschen der Arbeitnehmer, sagte Arentz. Eine solche pauschale Regelung beträfe auch Betriebe mit "goldgeränderten Bilanzen", wo sie absolut keinen Sinn hätte. Wenn ein Betrieb in seiner Existenz gefährdet sei, könne man jedoch im Einzelfall über längere Arbeitszeiten reden.

Stewens will überall Arbeitszeit erhöhen

Auch Bayerns Sozialministerin Christa Stewens (CSU) hat der Forderung von CDU-Chefin Angela Merkel nach längeren Arbeitszeiten in Westdeutschland widersprochen - sie möchte die Arbeitszeit in ganz Deutschland ausdehnen. Mit der längeren Arbeitszeit im Osten werde die geringere Produktivität ausgeglichen, sagte Stewens am Dienstag im Bayerischen Rundfunk. Stattdessen solle die Wochenarbeitszeit sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland verlängert werden. Die Lohnnebenkosten müssten verringert werden, um die Arbeitsplätze in Deutschland zu halten. Schließlich liege die Jahresarbeitszeit in Deutschland im internationalen Vergleich am unteren Ende der Skala, so Stewens. Kritik übte sie am Vorgehen Merkels: "Das halte ich vom Grundsatz her für nicht richtig aufgezogen in der öffentlichen Diskussion."