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Milliardenprojekt Stuttgart 21 Nur kein Stress


Die Bahn und die Gegner des Projekts Stuttgart 21 warten auf die Ergebnisse des Stresstests. Heute erhalten sie das Gutachten. Bis zur Präsentation wird weiter gestritten.
Von Mathias Rittgerott, Stuttgart

Sie zittern. Kommt der blaue Brief? Das Urteil: Ab auf die Ehrenrunde! Oder versetzt? Mit Belobigung! Baden-Württembergs Lehrer brüten in diesen Tagen darüber, welche Zensuren sie ihren Schülern verpassen. Notenkonferenz. Die Schüler zittern der Zeugnisvergabe entgegen.

Nun ist es eine groteske Vorstellung, die Bahn AG könne wortwörtlich eine "Ehrenrunde" drehen, doch die Szenerie ist ähnlich: Auch die Bahn schaut einer Art Zeugnisvergabe entgegen.

Warten auf den Stresstest

Das Zeugnis, auf das der Konzern und mit ihm die Stuttgarter Widersacher gegen das Bahnhofsprojekt S 21 warten, heißt Stresstest. Computersimulationen sollen zeigen, ob der geplante Untergrundbahnhof mehr leisten würde als der alte Kopfbahnhof. Bestanden? Versetzungsgefährdet? Durchgefallen? Alles ist denkbar - nur nicht für jeden.

Bahnsicht wird sein, dass der Test, vielleicht mit kleinen Einschränkungen, bestanden wird. Alles andere wäre verwunderlich. Vergrätzte der Staatskonzern doch erst vor drei Wochen die S-21-Gegner mit der vorlauten Kunde, der Tiefbahnhof habe den Test sowieso bestanden.

Die Kritiker des Projekts zogen Parallelen zum Verhalten hochnäsiger Pennäler: Attestiere die Bahn ihrem Projekt ein "Bestanden", sei das als entwerfe ein Abiturient Prüfungsfragen, korrigiere seine eigenen Antworten, um festzustellen: 1+.

Eine Schlichtung scheint kaum noch möglich

Die S21-Gegner - oder "Freunde des Kopfbahnhofs", wie sie sich lieber nennen - werden am Testergebnis kaum ein gutes Haar lassen. Seit Wochen bemängeln sie, bei der Konzeption des Tests übergangen worden zu sein. Entscheidend sei er eh nicht; schließlich seien die Kosten des Baus offen, mehrere Pläne noch nicht fix, unklar, wie die Gäubahn ins S21-Konzept passen soll. Bahn und Kritiker werfen sich gegenseitig vor, den "Geist der Schlichtung" vertrieben zu haben, bei dem im Herbst 2010 unter Heiner Geißlers Anleitung "alle Fakten auf dem Tisch" lagen.

Der jüngste und sicherlich nicht letzte Höhepunkt des Gezänks war erreicht, als die Bahn dieser Tage drohte, das Verkehrsministerium des Landes zu verklagen. Dort gebe es eine "Kampfgruppe" gegen den Bahnhofsneubau, mehrere ehemalige "Parkschützer" agitierten im Ministerium, wusste der "Focus" zum Hintergrund. Die "Projektförderpflicht" sei verletzt. Die Bahn müsse wegen "arglistiger Täuschung" verklagt werden, wettern dagegen Vertreter des Aktionsbündnisses. Schuldig des "Kostenverschleierns und Leistungsverschleierns". Bei der jüngsten Montagsdemo, der 83., schalle wieder der Schlachtruf "Lügenpack" durch die Stadt.

Keine guten Voraussetzungen also, um die Fakten des Stresstest für sich sprechen zu lassen. So sie denn endlich an die Öffentlichkeit gelangen.

Schweizer Gutachterbüro unterstützt Kritiker

Ursprünglich wollte die Bahn die Prüfungsergebnisse vergangenen Donnerstag präsentieren. Doch das Aktionsbündnis forderte Zeit, das Konvolut an Daten selbst durchzurechnen. Eine "Schauveranstaltung" werde man schwänzen. Unerwartet erhielten die Kritiker das Schweizer Gutachterbüro SMA zum Verbündeten. Die Zeit reiche nicht, mit dieser Begründung zogen sie die Notbremse und baten um Aufschub.

Nun hat Alt-Schlichter Heiner Geißler mehrfach mit den Streithähnen getagt. Diese diskutierten die Grundannahmen des Tests. Wie viele Züge müssen durch die Tunnel passen, damit S21 wie versprochen 30 Prozent mehr leistet als der alte Bahnhof? Dazu müsste man einig sein, wie viele Züge heutzutage gezählt werden. Selbst hierüber wird gestritten.

Bahn will den Stresstest offiziell am 26. Juli vorstellen

Nun mag erstaunen, dass gegen Ende einer Prüfung überlegt wird, was unter "sehr gut" und was unter "gut" zu verstehen ist. "Premium-Qualität" verlangen die Kritiker, "gute Betriebsqualität" verspricht die Bahn.

Auch der Fahrplan für die Debatte um den Stresstest ist weiter offen. An diesem Donnerstag wird die Expertise Bahn und Aktionsbündnis übermittelt. Und dann? Möglich, dass Details an die Öffentlichkeit sickern oder gezielt durchgestochen werden.

Die Bahn will den Stresstest offiziell am 26. Juli vorstellen. Den Kritikern ist das zu früh. Einen Termin haben sie noch nicht parat und überlegen, wie viel Zeit sie benötigen, die Testdaten zu analysieren. Drei Wochen? Oder weniger? Schlichter Heiner Geißler will die Präsentation kommende Woche vom Tisch haben, gern mit den Kritikern, notfalls ohne sie. Am 28. Juli beginnen in Baden-Württemberg jedenfalls die Sommerferien. Endlich. Viele Schüler werden die Zeugnisnoten schnell vergessen oder verdrängen. Eine bewährte Strategie. Für die Bahn und ihre Kritiker ist sie allerdings ungeeignet.


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