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Schlichtung zum Bahnprojekt S21 Fachlich, sachlich, zäh


Das war sie also, die erste S21-Schlichtungsrunde im Stuttgarter Rathaus. Es gab keine Annäherung, kaum Schlagabtausch, dafür aber jede Menge Fachliches - ab und an zuviel davon.
Von Dirk Benninghoff

Es war zäh, es war sachlich - und es war vor allem sehr fachlich. Über sieben Stunden lief der Auftakt der Schlichtungsgespräche zu Stuttgart 21 - und er hat Teilnehmer wie Zuschauer arg strapaziert. Höhepunkte und Emotionen waren die Ausnahme. Dass außer dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) und Baden-Württembergs Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) kein Spitzenpolitiker auftrat, merkte man der Debatte klar an: Es wurde höchst sachlich, extrem detailliert und teilweise fachlich abgehoben diskutiert. Es wurden Standpunkte klar gemacht - ohne, dass sich die Parteien näher kamen. Bis zum 3. Dezember haben sie dazu jetzt jeden Freitag in der Schlichtungsrunde Gelegenheit.

So zog Schlichter Heiner Geißler ein Fazit, dass einer Note 3- glich. "Wir haben's einigermaßen überstanden", lautete seine nüchterne Bilanz. "Ganz gut" habe man es gemacht, aber es gebe doch einiges zu verbessern. Vor allem die teilweise zu fachspezifische Diskussionsweise monierte Geißler. Schon während der Sitzung grätschte er stets dazwischen - vor allem, wenn Fachtermini die Runde machten. Manchmal redete er Tacheles ("Das versteht außer den Fachleuten kein Mensch") oder gestand: "Das macht mich ganz wirr".

Ingesamt hatte jede Seite sieben Diskutanten in die erste Schlichtungsrunde geschickt. Während sich Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) am Vormittag überhaupt nicht zu Wort meldete, das Feld Gönner überließ und am Nachmittag gar nicht mehr dabei war, trumpfte sein grüner Gegenspieler zeitweise auf. Er war der einzige, der zeitweise Leben in die graue Expertenrunde brachte. "Wenn ein Parlament einen ICE bestellt und dann zum doppelten Preis eine Dampflok geliefert bekommt, dann darf man noch mal fragen, ob man die Bestellung rückgängig machen darf", spottete der 38-Jährige im besten Politikerstil. Er vertrat nach eigenen Worten hunderttausende Demonstranten.

Die gute Wahl der Deutschen Bahn

Mappus wird sich Palmers Auftritt genau angeschaut haben, jedenfalls so lange er da war. Schließlich gilt der Tübinger als Anwärter auf Spitzenämter, sollten die Grünen bei der Landtagswahl am 27. März 2011 stärkste Partei werden. Auch als potenzieller Nachfolger von Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), der mit am Tisch saß, wird er immer wieder gehandelt. Bei der Schlichtungsrunde vertrat Palmer den grünen Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann, weil er sich als Verkehrsexperte seit zehn Jahren mit dem Projekt beschäftigt hatte.

Für die Befürworter sprach in erster Linie Bahn-Vorstand Volker Kefer - ein guter Schachzug. Kefer blieb stets sachlich, bedächtig, cool. Die wichtigen Fragestellungen der Runde sind sein Metier: Wieviel Weichen braucht Stuttgart? Kopf- oder Durchgangsbahnhof - was ist besser? Wieviel Zeitersparnis bringt die Neubaustrecke? Wie lange ist der Halt im neuen Tiefbahnhof? Wie wirkt sich Stuttgart 21 auf den Güterverkehr aus? Um diese Punkte ging es in der ersten Runde. Das war sicher nicht besonders aufregend - aber wer genau zugehört hat, weiß jetzt, worum es geht in Stuttgart. Auch dank Heiner Geißler.

mit DPA

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