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+++Liveticker zur Stuttgart-21-Schlichtung+++: "Wir haben's einigermaßen bestanden"

Die erste Schlichtungsrunde zu Stuttgart 21 ist beendet. Heiner Geißler hat Bilanz gezogen. Das ganze Spektakel chronologisch im Liveticker.

17:00 Uhr: Geißlers Bilanz

Schluss der ersten Schlichtungsrunde zu Stuttgart 21. Heiner Geißlers nüchterne Bilanz: "Wir habens einigermaßen bestanden." Allerdings muss der Schlichter eingestehen: "Nächstes Mal müssen wir ein paar Sachen besser machen." Vor allem dürfe die Runde nicht so tun, "als wenn wir im Expertengespräch wären". Das war dem Schlichter die ganzen sieben Stunden lang ein Anliegen: die Verständlichkeit der Veranstaltung. Schon aufgrund der Materie ist es ein schwieriges Unterfangen, die Abläufe für jedermann verständlich zu machen. So musste auch Geißler häufig nachfragen und erfasste nicht alle Sachverhalte richtig.

16:54 Uhr: Geißler will pünktlich Schluss machen

Geißler macht klar, dass pünktlich Schluss gemacht wird bei der Schlichtung. "Wir wollen ja um 17 Uhr fertig sein." Es seien einige Fragen offen geblieben. Das sehen andere Teilnehmer auch so. Der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen S21, Gangolf Stocker, prangert an, dass auf die von ihm angeprangerten Schwachstellen von der Gegenseite nicht aufgegriffen worden seien. Der grüne Werner Wölfle konstatiert vielsagend: "Wir näheren uns einer Art der Diskussion."

15:38 Uhr: Kleingedrucktes aus Fachkreisen

Dagmar Starke von der Nahverkehrsgesellschaft stellt vor, wie sich der Nahverkehr entwickeln könnte, wenn es einen Tiefbahnhof gäbe. Die Messe und der Flughafen würden besser erreicht werden. Dem Vortrag ist nur schwer zu folgen. Starke wirkt nervös, die Folien, die sie an die Wand wirft, sind kleinteilig. Und Schlichter Heiner Geißler mahnt auch sie zu mehr Verständlichkeit. Verkehrsminsiterin Tanja Gönner beschwert sich, dass einige Fachausdrücke schlichtweg sein müssten, schließlich ginge es ja um eine fachliche Schlichtung.

15:19 Uhr: Butter bei die Fische - fordert Heiner Geißler

Der Moderator und Schlichter mahnt immer wieder zu mehr Verständlichkeit. "Die Leute werden ja ganz wirr", so Geißler. Zu Recht - das Gespräch driftet immer wieder in Fachgespräche ab. Wenn Geißler den Vortragenden nicht folgen kann, unterbricht er auch gern: "Wozu reden Sie denn jetzt?" Der Moderator sortiert die Beiträge zeitlich, vermittelt, bringt Ruhe und Reihenfolge in die Wortmeldung. Er erfüllt seine Aufgabe bravourös.

14:58 Uhr: Das leiseste Public Viewing der Welt

Während die Diskutanten plaudern, verfolgen im Stuttgarter Rathaussaal rund 100 Menschen die Schlichtung auf einer Leinwand. Sie sind so gut wie lautlos.

15:01 Uhr: Eine oder drei Minuten?

Eine neue Frage bewegt die Gemüter: Wieviel Aufenthalt haben die Züge künftig am Stuttgarter Hauptbahnhof. Laut Bahn brauchen sie nur eine Minute zur verweilen. Andere gehen von drei Minuten aus. Geißler, der sich als Dauer-Bahnfahrer outet, mag nicht einer von einer Minute ausgehen. "Wenn die Züge so kurz halten, was glauben Sie, was dann los ist?"

14:47 Uhr: Geißler reicht es

Schlichter Geißler hat genug von der Kopfbahnhof-Diskussion. Die Frage ist für ihn nicht entscheidend. An die Adresse der Bahn, der der Schlichter am Vormittag so viel Freude bereitet hatte, gerichtet: Dass ein Durchgangsbahnhof Vorteile habe, reiche nicht als Argument für Stuttgart 21.

14:45 Uhr. Gönner ist aufgewacht

Minsterin Gönner ergreift das Wort und wirkt etwas sauer. Die CDU-Frau klagt, dass die Runde ständig abkomme, "von dem was wir uns vorgenommen haben". Das, was sich die Runde vorgenommen hat, fasst Gönner aber in etwas schwammige Worte. Das Ziel sei zu schauen, "wie sehen die Dinge aus".

14:36 Uhr: Durchgang oder Kopf?

Geißler bringt Kefer zurück ins Spiel. Der bedächtige Bahnmanager, der auf alle Vorwürfe bislang sehr ruhig reagiert hat, attestiert dem Stuttgarter Kopfbahnhof, dass er gegenüber vergleichbaren Bahnhöfen Vorteile habe. Aber er wiederholt: Der neue Durchgangs- werde ein Drittel mehr Kapazität haben als der alte Kopfbahnhof. Am Ende fordert Kefer die Runde auf, das Thema Kopfbahnhof endlich mal zur Seite zu legen - Geißler will ihm und den Fernsehzuschauern den Gefallen aber nicht tun

14:28 Uhr: Palmer trumpft auf

Tübigens Oberbürgermeister Palmer mischt die Runde auf und sorgt dafür, dass die Dämmerstimmung der Sachverständigen sich verflüchtigt. Keine Stadt in ganz Europa nehme so eine gigantische Investition auf sich, reiße alles ab und verlege es neu quer zum Bestehenden. Der Grüne ist der einzige Politiker in der Runde, der sich häufig einmischt - und das mit Verve. Ministerpräsident Mappus trugt dagegen gar nichts zur Diskussion bei. Er verschwand nach der Mittagspause.

14:07 Uhr: Wieviel Weichen braucht Stuttgart?

War die Stimmung schon zuvor nicht am Kochen, so drohen die Diskutanten jetzt vollends zu entschlummern. "Durchgangsbahnhof ja oder nein?", lautet die Frage. Christian Becker, Sachverständiger der Bahn, versucht sich für den Durchgangsbahnhof ins Zeug zu legen. Der Experte der Bahnhofsgegner, Wolfgang Hesse, gibt ihm Contra. Für einen funktionierenden Durchgangsverkehr biete S21 zu wenig Gleise. Wieviel Weichen braucht Stuttgart? Eine umstrittene Frage unter den Sachverständigen - aber keine, die die Corona mitreißt.

14:19 Uhr: Besuch aus der Schweiz

Ein Gast aus der viel gerühmten Schweiz kommt zu Wort und liefert den Kopfbahnhofsfreunden reichlich Munition. "Kommen Sie mal nach Zürich", rät der Mann vom eidgenössischen Fahrgastverband Pro Bahn den Stuttgart-21-Freunden. Dort habe man schließlich zu einem Bruchteil der Kosten ein funktionierendes System und einen funktionierenden Kopfbahnhof geschaffen. Der alte Bahnhof hat ohnehin viele Freunde. Auch die SPD, eigentlich für Stuttgart 21, verteidigt in Person von Peter Conradi, den guten alten Kopfbahnhof als "wesentlich leistungsfähiger" als die in München oder Frankfurt.

13:49 Uhr: Jetzt spricht der Nostalgiker

Etwas holprig kommt die Runde aus der Mittagspause. Erstes "Highlight" des Nachmittages. Der Appell von Egon Hopfenzitz gegen den neuen Bahnhof. Wer das ist? Der frühere Leiter des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Er will den alten Bahnhof retten, der "kaputtgeredet" werde, was den Mann ärgert. Die Probleme des alten Kopfbahnhofes gebe es genauso im geplanten neuen Stuttgarter Tiefbanhof. Seine Sehnsucht nach dem alten Bahnhof ist verständlich: Hopfenzitz war 14 Jahre lang Chef am Stuttgarter Hauptbahnhof

12:31 Uhr: Ein erstes Fazit

Es geht in die Mittagspause. So richtig Bewegung ist in die verhärteten Fronten noch nicht gekommen. Das wäre nach zweieinhalb Stunden vielleicht etwas zu viel erwartet. Die Gegner um Palmer beharren klar auf ihre Abneigung, die Bahn bewegt sich in Gestalt von Kefer ebenfalls nicht. Sehr zurückhaltend: die Vertreter der Landesregierung. Die Gespräche drehen sich mehr um die Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm als um den Bahnhof selber. An dem Punkt wird der Nutzen von Kopfbahnhöfen generell erörtert. Schlichter Geißler bemüht sich vor allem um Verständlichkeit "für die Leute, die zuschauen". Ein Ziel, dass aufgrund der Komplexität von Bahn-Logistik schwer zu erreichen ist.

12:17 Uhr: Ein Jobangebot

Palmer wird langsam sauer, mischt sich wieder ein, kontert Geißler, wittert Parteinahme Richtung Bahn. Schließlich bietet Kefer Geißler schon schmunzelnd einen Job an - und da könnte ja mehr als ein Witz dahinter stecken. "Ich erkläre mal, worum es geht", wird der grüne Palmer etwas anmaßend - und sagt dem Schlichter dann, worum es nicht geht: "Um den Güterverkehr gehts bei Stuttgart 21 überhaupt nicht." Kefer kontert. Sehr wohl habe die Neubaustrecke positive Auswirkungen auf den Güterverkehr, auch wenn es bei Stuttgart 21 in erster Linie um den Personenverkehr gehe. Es gebe neue Kapazitäten beim Gütertransport, die wir "in Zukunft brauchen".

12:06 Uhr: "Das versteht kein Mensch"

Geißler muss häufig dazwischengrätschen. "Was ist das?" fragt der Schlichter gerne. Auch nach ein paar Wochen Einarbeitung ist das Gleis-Güter-Kauderwelsch von Kefer nicht ganz nachvollziehbar. Auch in andere Richtung mosert Geißler "Das versteht außer den Fachleuten kein Mensch." Die ersten klaren Worte in der mittlerweile zweistündigen Sitzung. Geißler will sich "nicht verheddern in der Güterverkehrstrategie". Die erste Feststellung des Schlichters geht Richtung Pro S21: Die neue Strecke führe offenbar zu einer Entlastung im Personenverkehr auf der alten Strecke, so dass am kritischen Punkt - an der so genannten Geißlinger Steige - mehr Güterzüge fahren können.

11:55 Uhr: Palmers "Gefühlsausbruch"

Es wird diffus, die Diskutanten müssen sich erst noch einspielen. Kefer wird unterbrochen, Geißler fordert Antworten ein, Gönner springt Kefer bei. Der sei ja unterbrochen worden. Allerhand Gegner äußern sich. Viel Stoff für den Bahn-Mann, der Unterstützung einfordert. Die Atmosphäre: nüchtern, kalt, ohne Emotionen. Größte Gefühlsregung: ein Kopfschütteln von Boris Palmer.

11:53 Uhr: Kefer is back

Gönners Antwort reicht Geißler nicht. Folge: Kefer is back. Der Mann mit orangenem Schlips kontert mit einer Litanei über das deutsche und europäische Schienenetz. Es geht um umsteigende Menschen und irre viel Güter, die von Schiffen auf die Schiene kommen und quer durch Deutschland rangiert werden. Und es geht um "Rhein-Main-Rhein-Neckar". Da muss auch Geißler nochmal nachfragen: Es ist die bessere Verbindung von Frankfurt und Mannheim in die Stuttgarter Region. Die ist für Kefer durch Stuttgart 21 allerdings nicht gefährdet, was die Gegner anders sehen. Und zur Wirtschaftlichkeit: Der Güterverkehr bekomme "selbstverständlich" einen Vorteil aus der neuen S21-Schnellfahrstrecke

11:40 Uhr: Geißler will was hören

Ein Herr von der Linken, optisch dem trüben Umfeld angepasst, liefert ein kurzes technisches Intermezzo, dann hat Geißler seinen bislang längsten Auftritt. Er will wissen, ob es richtig sei, was Palmer über die ökonomischen Auswirkungen von Stuttgart 21 behaupte. Dass die nämlich minimal seien. "Kann man da mal was zu hören?", fragt der Schlichter - und kassiert nur ein betretenes Schweigen, bevor Baden-Württembergs Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) eine Antwort am Nachmittag ankündigt.

11:27 Uhr: Ein Loblied auf die Schweizer Bahn

Palmer sieht keinen Nutzen in der neuen Bahnverbindung, aber dafür andere Prioritäten im europäischen Bahnverkehr wie die Rhein-Schiene. Zugfahren in der Schweiz scheint für den Mann in der grünen Krawatte und dem toupierten Haar eine wahre Freude zu sein. 45 Prozent benutzen dort die Bahn, man verzichtet auf Bombast-Projekte und der Züricher Kopfbahnhof ist für Palmer ne Wucht. Der stehende Gegenbeweis für die These des Gegners, dass Kopfbahnhöfe veraltet seien. Kurzum: "Wir wollen das Modell Schweiz."

11:13 Uhr: Eine Sitzung in schwarz-grau-braun

Wer gekommen ist, mutet sich wirklich einiges zu. Die Atmosphäre im Stuttgarter Rathaus: zum Einschlafen. Eine stilistische Katastrophe. Die Präsentationen von entsetzlicher Fuktionalität und Schlichtheit. Die Möbel von grausamer Nüchternheit: schwarze Stuhlpolster graue Tischplatten, hellbraunes Holz.

11:08 Uhr: Palmer spricht

Nachdem sich Heiner Geißler vergewissert hat, dass das "Phoenix"-Publikum die Schautafeln von Herrn Kefer auch sehen konnte - es sei ja alles sehr kleinteilig - tritt jetzt einer der prominenten S21-Gegner ans Mikro: Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer. Er macht gleich als Erstes klar, dass es ungemütlich wird und Kefers Zahlenwerk ihn nicht beindruckt hat: "Wir haben in vielen, vielen Punkten Widerspruch."

10:47 Uhr: Es wird technisch

Volker Kefer, ein Herr aus dem Vorstand der Bahn, beeindruckt die Gäste mit Technischem. Durch den Durchgangsbahnhof würden "300 systemtechnische Kreuzungen im Gleisverlauf" vermieden, so eines seiner teilweise schwer verdaulichen Argumente. Auch geht es um die Erreichbarkeit des Ulmer Bahnhofs von Stuttgart. Die Schilderungen in diesem Punkt hören sich ein wenig nach Edmund Stoibers Transrapid-Sternstunde an. Es geht um Minuten, um 26 oder 27. Kefer ist aber vor allem wichtig, dass "sehr viel mehr Menschen sollen in das System Schiene eingebracht werden". Kefer wartet mit imposantem Zahlenwerk auf: Ein Durchgangsbahnhof biete "ein Drittel mehr Leistungsfähigkeit" gegenüber dem bisherigen Kopfbahnhof. Dadurch könne die Kapazität um 200 Züge pro Tag erhöht werden - bei "gleichzeitiger Halbierung" der Gleiszahl

10:30 Uhr: Es geht gar nicht um den Bahnhof

Wer von den vielen Zuschauern im Stuttgarter Rathaus gedacht hat, man arbeite konstruktiv an einer Lösung für den Bahnhof, sieht sich schon nach wenigen Minuten arg enttäuscht, sollte er auf seinem Smartphone Nachrichten verfolgt haben. Denn der Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann gibt dem SWR ein Interview, in dem er klipp und klar sagt: Einen Mittelweg wird es nicht geben. Entweder der Stuttgarter Hauptbahnhof kommt unter die Erde, "oder man bleibt oben". Aber bei den Gesprächen geht es für Kretschmann gar nicht um den Bahnhof: Der eigentliche Wert bestehe in der Erprobung eines Modells für eine moderne Bürgergesellschaft.

10:05 Uhr: Geißler lehrt selbstständiges Denken

Heiner Geißler erklärt, worum es aber eigentlich geht: "Wir machen was Neues, um die Bevölkerung in die Lage zu versetzen, jederzeit selbstständig zu denken." Er setzt auf Sachlichkeit: "Wir wollen keine Predigten und keine Glaubensbekenntnisse."

10:00 Uhr: Es geht los

Die Schlichtung läuft. Gegner und Befürworter hauen sich sieben Stunden lang Argumente um die Ohren. Thema der ersten Sitzung unt der Regie von Heiner Geißler: die strategische Bedeutung und Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21. Alle Vertreter sitzen nicht am Tisch. Die selbst ernannten Parkschützer hatten ihre Teilnahme an den Verhandlungen aufgekündigt, nachdem die Projektträger keinen vollständigen Baustopp während der Schlichtung verhängten.

Die Teilnehmer der Schlichtung:

Gegner:

Klaus Arnoldi, Verkehrsclub Deutschland, stv. Landesvorsitzender Peter Conradi, Architekt Brigitte Dahlbender, Landeschefin Bund für Umwelt und Naturschutz Boris Palmer (Grüne), Oberbürgermeister Tübingen Hannes Rockenbauch, Stadtrat Stuttgart Ökologisch Sozial Gangolf Stocker, Initiative Leben in Stuttgart - kein Stuttgart 21 Werner Wölfle (Grüne), Landtagsabgeordneter

Befürworter: Bernhard Bauer, Ministerialdirektor, Umwelt- und Verkehrsministerium Thomas Bopp (CDU), Vorsitzender des Verbands Region Stuttgart Johannes Bräuchle, Pfarrer, Initiative Pro Stuttgart 21 Tanja Gönner (CDU), Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Verkehr Volker Kefer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn Stefan Mappus (CDU), Ministerpräsident Wolfgang Schuster (CDU), Oberbürgermeister Stuttgart

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