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Missbrauch bei Gebirgsjägern: Männer, nehmt diesen Skandal ernst!

Müssen Rekruten gedemütigt und drangsaliert werden, um gute Soldaten werden zu können? Nicht nur bei den Gebirgsjägern scheint man dieser Meinung zu sein. Der Fall ist ein Skandal allererster Güte.

Ein Kommentar von Manuela Pfohl

Sie mussten bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber, Rollmöpse und Frischhefe essen. Sie mussten unbekleidet klettern - und sie mussten ganz offensichtlich lernen, nicht darüber nachzudenken, was da von ihnen verlangt wurde: Rekrutenalltag bei den Gebirgsjägern im Juni 2009 in Mittenwald. Nur ein einziger von ihnen legte Beschwerde beim Wehrbeauftragten des Bundestages ein - und brachte damit den jüngsten Skandal der Bundeswehr ins Rollen.

Elitäres Bewusstsein

Dass die Staatsanwaltschaft München derzeit prüft, ob die Vorfälle strafrechtlich relevant sind, sollte bei der Bundeswehr eigentlich auf breite Unterstützung treffen. Mehr noch: Die Truppe müsste ernsthaft dafür sorgen, dass solche Exzesse endlich unterbunden werden. Denn tatsächlich scheint es seit Jahrzehnten eine gewisse Tradition der Erniedrigung bei der Bundeswehr zu geben. So sorgten 2006 Berichte über obszöne Praktiken in einem pfälzischen Fallschirmjäger-Bataillon für Aufsehen. 2004 erfuhr die Öffentlichkeit von Misshandlungen in einer westfälischen Ausbildungskompanie. 1996 drehten Gebirgsjäger ein Video mit Hinrichtungs- und Vergewaltigungsszenen.

Doch noch immer ist von einer wirklichen Auseinandersetzung mit solchen Skandalen nichts zu merken. Stattdessen bemüht sich der Wehrbeauftragte, Reinhard Robbe, um Verharmlosung und tut das Ganze als einen Fall von "Gruppenzwang" ab, der einem "elitären Bewusstsein" von "Soldaten mit herausragenden Fähigkeiten" geschuldet sei. Nach dem Motto: Wo richtige Männer sind, gibt’s eben auch richtige Schweinereien. Da müssen die Jungens durch! Als ob es sich bei der Bundeswehr um einen privaten Club sadomasochistischer Triebtäter handelt, die in freier Mitgliedschaft entscheiden, wie sie ihre gemeinsame Freizeit gestalten.

Ritualisierte Ersatzbefriedigungen

Dass die Mittenwalder Schikanen innerhalb der Bundeswehr allen Ernstes mit "hierarchischen Ritualen" und einem truppeninternen "Hochzugkult" begründet werden, und dass auch an den Reservisten-Stammtischen augenzwinkernd von männerbündischen Traditionen geschwärmt wird, deren Befolgung einen folkloristischen Höhepunkt im Soldatenleben darstellt, ist für sich genommen schon mehr als absurd. Denn der entscheidende Unterschied zu den ritualisierten Ersatzbefriedigungen, wie sie beispielsweise einige Burschenschaften pflegen, ist, dass die betroffenen Rekruten bei der Bundeswehr nicht freiwillig entscheiden können, ob sie mitspielen wollen oder nicht. Sie sind dem Zwang ausgesetzt, sich dem System unterzuordnen - und sei es auch noch so pervers.

Widerstandslos jeden Befehl ausführen

Dass als Quasi-Rechtfertigung allenthalben die Behauptung herhalten muss, dass es dem "Gemeinschaftsgefüge" und der "Schlagkraft der Truppe" diene, wenn Rekruten so lange gedemütigt, erniedrigt und in ihrer Persönlichkeit gebrochen werden, bis sie willen- und widerstandslos jeden Befehl ausführen, müsste nicht nur dem Verteidigungsminister den Angstschweiß auf die Stirn treiben.

Was bitte ist von Soldaten zu erwarten, die in solcher Weise konditioniert wurden? Taugen sie für das, was die Bundeswehr gern von sich behauptet, nämlich eine demokratische Armee zu sein, die ihre Soldaten zu Verantwortungsbewusstsein und kameradschaftlichem Miteinander erzieht? Eine Armee, die sich in ihren moralischen Ansprüchen nicht gleichmacht mit marodierenden Banden irgendwelcher Dritte-Welt-Milizen?

Gedrillte Menschenverachtung

Der 1983 an der Bundeswehrhochschule in München gegründete Dietrich-Bonhoeffer-Verein rügte mit Blick auf Misshandlungen in der Truppe schon 2004: "Die Verhältnisse im Innern der demokratischen Streitkräfte stehen auf dem Spiel." Wie berechtigt die Kritik war und wie gefährlich das "Spiel" mit der gedrillten Menschenverachtung ist, zeigte sich 2006, als Fotos deutscher Soldaten um die Welt gingen, die grinsend mit den Schädeln getöteter Afghanen vor der Kamera posierten und später erklärten, ihnen sei das Verbrechen, das sie da zelebrierten, überhaupt nicht bewusst gewesen.