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Zum Tod von Bettina Gaus Eine furchtlose Journalistin, immer treffsicher und schlagfertig

Die Journalistin Bettina Gaus
Die renommierte Journalistin Bettina Gaus schrieb zuletzt für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", zuvor für die "Tageszeitung" ("taz"). Am vergangenen Mittwoch starb sie nach "kurzer schwerer Krankheit". Gaus wurde 64 Jahre alt.
© Horst Galuschka / DPA
Die renommierte Journalistin und Autorin Bettina Gaus ist gestorben. Sie war stets auf Suche nach festen Standpunkten und konnte polarisieren – auch an der Henri-Nannen-Journalistenschule. Ein Nachruf des früheren Schulleiters.
Von Andreas Wolfers

Eine Woche vor ihrem Tod hat Bettina Gaus noch an der Henri-Nannen-Journalistenschule unterrichtet. Die 18 jungen Frauen und Männer blickten in Hamburg auf die Bildschirme ihrer Bürorechner, dort war Bettina zu sehen. Sie saß auf dem Sofa ihrer Wohnung in Berlin und erläuterte das journalistische Format, das ihr das liebste war: der Kommentar.

In Wirklichkeit ging es an diesem Tag um etwas anderes, etwas viel Größeres: Was bedeutet Haltung im Journalismus? Bettina hat diesen abgenutzten, häufig missverstandenen Begriff allerdings nicht verwendet, sie hätte sich wahrscheinlich auch dagegen verwahrt, ihre Lehreinheit derart zu überhöhen. Geht's nicht auch ein paar Gramm leichter? Außerdem: Über Haltung spricht man nicht, man lebt sie vor.

Und so konzentrierte sich Bettina lieber auf die Frage, wie zugespitzt ein Meinungstext sein kann und soll, wie erklärend, wie abgewogen, wie sachlich oder heißblütig. Sie zitierte aktuelle Texte aus unterschiedlichen Medien, sie freute sich hörbar über gelungene Formulierungen, und die misslungenen strafte sie schon durch die Art des Betonens beim Vorlesen. Sollte bloß niemand vermuten, ihre Krankheit hätte es geschafft, sie irgendwie milder zu stimmen gegen schlampige Formulierungen, wirre Argumente oder gegen ein als Gedankengang getarntes Gefühl. So etwas hasste sie. Dann zerlegte sie die Sätze, ließ die heiße Luft raus und gab sie so der Lächerlichkeit preis. Drei Stunden dauerte die Video-Konferenz. Bettina redete so schnell wie immer, sie debattierte, sie lobte und teilte aus, sie fragte und konterte. Und zwischendurch rauchte sie. Eigentlich alles wie immer.

Schlagfertig und furchtlos

Bettina Gaus, geboren 1956, war das einzige Kind von Erika Gaus und Günter Gaus, einem bekannten Journalisten und Diplomaten. "Beim Abendessen haben wir immer über Politik diskutiert, über was auch sonst?", sagte sie einmal. Günter Gaus war Chefredakteur des "Spiegel", dann wechselte er in die Politik und wurde 1974, als wortgewaltiger Fürsprecher von Willy Brandts Ostpolitik, der erste Ständige Vertreter der Bundesrepublik bei der DDR. 1981 kehrte er in den Journalismus zurück, als TV-Moderator und Autor. Seine Bücher über deutsch-deutsche Themen wurden zu Standardwerken. Der Schriftsteller Christoph Hein charakterisierte Günter Gaus als "unbequem, unbeirrbar und integer".

Hein hätte das Gleiche auch über dessen Tochter Bettina sagen können. Das politisierte Elternhaus hatte sie geprägt, sie hatte von Kind an gelernt, es sich keinesfalls leicht zu machen auf der Suche nach einem Standpunkt – und sie hatte gelernt, ihre Positionen zu verteidigen, schlüssig und schlagfertig, selbst wenn sie nicht ins politische Lagerdenken passten oder Beifall auf der falschen Seite auslösten. Diese Unabhängigkeit im Denken, die Lust an der buchstäblich rücksichtslosen Argumentation, verpflichtet nur der Logik und Faktentreue: Für diese journalistische Urtugend wollte sie die jungen Leute an der Henri-Nannen-Schule begeistern, sie lag ihr am Herzen – und sie zu vermitteln machte ihr zudem unbändigen Spaß.

Bei ihrer Suche nach festen Standpunkten ist die Journalistin Bettina Gaus weit herumgekommen. Sechs Jahre Redakteurin der Deutschen Welle, sieben Jahre Ostafrika-Korrespondentin mit Sitz in Nairobi, von 1996 bis 2021 bei der "taz", als Leiterin des Parlamentsbüros in Bonn, dann als politische Korrespondentin in Berlin, seit April 2021 Kolumnistin beim "Spiegel". Zwischendurch reiste sie drei Monate durch die USA und schrieb ein Buch darüber, das Psychogramm einer widersprüchlichen Nation. Drei Jahre später durchquerte sie mit Rucksack, Bussen und Sammeltaxis 16 afrikanische Staaten, ihr Buch nannte sie "Der unterschätzte Kontinent".

Bettina Gaus war eine furchtlose Journalistin. In vielen Ländern ist damit die Unerschrockenheit gemeint, die Journalisten brauchen, wenn sie Mächtigen die Meinung sagen. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen es deutlich riskanter sein kann, die eigenen Leute zu brüskieren, die normalerweise Gleichgesinnten. Bettina Gaus war es egal, wen sie verprellte, wenn sie sich ihrer Haltung sicher war. Als 2020 eine "taz"-Kolumnistin Polizisten mit Abfall verglich, der auf eine Mülldeponie gehöre, kritisierte Bettina sie im selben Blatt scharf: "Die Achtung der Menschenwürde ist nicht verhandelbar, egal, wer sie verletzt. Deshalb werde ich die Kolumne, um die es hier geht, auch nicht brav nach außen hin verteidigen und nur intern kritisierten. Das wäre falsch verstandene Solidarität."

Als in Thüringen einmal ein Beamter des Umweltministeriums degradiert wurde, weil er in Botswana auf (legale) Elefantenjagd gegangen war, sprang Bettina Gaus ihm zur Seite. "Mir ist es unbegreiflich, wie jemand Spaß daran haben kann, einen Elefanten zu erschießen", schrieb sie in ihrer "taz"-Kolumne "Macht". Der Beamte aus Thüringen wecke keine Sympathien. Doch er habe sich korrekt an die Gesetze gehalten, in beiden Ländern. Seine Versetzung sei nicht in Ordnung, auch er verfüge über Grundrechte. "Das Rechtssystem ist nicht nur für nette Leute erfunden wurden", schloss sie.

Vor zwei Wochen schrieb sie ihre letzte Kolumne beim Spiegel. Darin kritisierte sie, wie über die Büro-Affären des gefeuerten "Bild"-Chefredakteurs Julian Reichelt berichtet werde. "Wenn einvernehmliche sexuelle Beziehungen pauschal als 'Machtmissbrauch' eingestuft werden, dann entmündigt das diejenigen, die in der beruflichen Rangordnung unten stehen." Hinter einer solchen Sicht stecke "ein Weltbild, in dem Frauen nicht imstande sind, selbstbestimmt die Entscheidung darüber zu treffen, mit wem sie ins Bett gehen wollen". 

"Ihre Haltung ist mir egal, die werde ich nicht beurteilen"

Bettina Gaus konnte polarisieren, auch an der Henri-Nannen-Schule. Seit 2009 hat sie alle Lehrgänge der Journalistenschule im Kommentar-Schreiben trainiert. Nach der Einführung erhielten die Schülerinnen und Schüler drei Stunden Zeit, einen griffigen Meinungstext zu einem vorgegebenen Thema zu schreiben. "Ihre Haltung ist mir egal, die werde ich nicht beurteilen – aber die Art und Weise, wie Sie sie begründen", sagte sie.

Ein paar Tage später kehrte sie mit den redigierten Texten zurück. Jeden Kommentar besprach sie, jedes Wort untersuchte sie auf seine Treffsicherheit. Einmal sollte kommentiert werden, ob und wann Medien die sexuelle Orientierung von Politikern outen dürften. Ein Schüler schrieb, Journalisten müssten abwägen, ob das öffentliche Interesse daran wirklich groß genug sei. Bettina Gaus notierte neben den Satz: "Schreiben Sie nicht 'groß', wenn Sie 'berechtigt' meinen. Und dann verraten Sie bitteschön noch, nach welchen Kriterien wir das beurteilen sollen."

Bettina genoss die Feedback-Runden. Dann saß sie vorne am Dozenten-Tisch, meist den rechten Arm aufgestützt, ihren Kopf schräg in die Handfläche gelegt und lauschte einer Debatte, die sie vergnügt selbst befeuerte, mit spitzen Fragen und präziser, ungeschönter Kritik. Sie verhehlte nicht, wie sie Denkfaulheit verachtete, plumpes Nachplappern und Ressentiments. Sie schätzte originelle Thesen – wenn man sie denn begründen konnte. Und sie mochte Schlagfertigkeit, die kluge Replik; darüber konnte sie vergnügt kichern.

Sie hatte es nicht nötig, zu erklären, dass auch ihre schärfste Kritik keinesfalls persönlich genommen werden sollte. Man merkte ihr die herzliche Zuneigung sowieso an. Bettina fand jede junge Frau und jeden jungen Mann, die sich für den Journalismus entschieden hatten, erst einmal ganz großartig. Wenn am Ende eines Seminars die Klasse alle Dozenten mit Punkten bewertete, landete Bettina immer in der Spitzengruppe.

Bettina Gaus hat für die Nannen-Schule auch ein neues Unterrichtsformat erfunden: den Nachruf auf einen Lebenden. Wer eine prominente Person porträtieren will, kann das tun, indem er sich Informationen aus dem Netz holt und mehr oder weniger klug kombiniert. Stellen wir uns aber vor, die Person sei gerade gestorben, ist deutlich mehr gedankliche Leistung für den Text nötig. Denn für die Beurteilung, was dieser Mensch für sein Land, seine Generation oder seine Branche bedeutet hat, gibt es eben keine Vorlage im Internet. Die Herausforderung, diese Einschätzung auf zwei Blatt zusammenzufassen, muss allein bestanden werden.

Für jede Nachruf-Übung haben wir vier Prominente ausgesucht, Männer und Frauen, gute und schlechte Menschen, und bei der Vorbereitung des Kurses traf Bettina die Auswahl immer in übermütiger Stimmung. Es durften nur keine Deutschen sein, das hätte sie unangenehm gefunden. Sie oder eine Schülerin hätten der Person ja begegnen können. Wir haben Madonna, Elisabeth II. und Papst Franziskus aus dem Leben gerufen, Silvio Berlusconi, Salman Rushdie, Marine Le Pen, Jane Fonda, Julian Assange und viele andere.

Lagen die Nachrufe ihr vor, war Schluss mit Übermut. Hatte da jemand nicht wirklich alles für den Versuch getan, das Leben eines Menschen zu durchdenken und sein Wirken zu verstehen, dann sah Bettina sich geradezu persönlich verletzt. Dann konnte sie austeilen. Ihr vernichtendes Fazit unter einem Text über Michelle Obama sei hier, weil exemplarisch für Bettina, in voller Länge zitiert: "Finden Sie es wirklich akzeptabel, einen Nachruf auf Michelle Obama zu verfassen, in dem keine der folgenden Fragen auch nur auftaucht: Wen hat sie provoziert und womit? Hat sie ein modernes oder ein konventionelles Rollenbild verkörpert? Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass sie schwarz war? Hat sie die Nation eher gespalten oder versöhnt – und was wollte sie eigentlich erreichen? Steht sie eher in der Tradition von Angela Davis oder in der von Susan Sonntag oder in der von Jaqueline Kennedy? Oder gehen wir davon aus, dass unsere Leser keine der drei Frauen näher kennen? Tut mir leid, wenn die Fragen aggressiv klingen. Aber ich lese inzwischen den vierten Nachruf. Und irgendwann mal wäre eine politische Einordnung ganz schön…"

Auf Bettina Gaus war Verlass. Auch darauf, dass sie nach jeder Stunde zehn Minuten Pause machte. Dann musste sie auf den Balkon der Nannen-Schule, zum Rauchen. Meist nutzte sie die Zeit da draußen auch dafür, sich nach dem neuesten Klatsch zu erkundigen. Bettina Gaus liebte Klatsch: aus dem Lehrgang, dem Verlag, unserer Branche. Sie hielt sich dabei an die Devise "Ohren auf, Mund zu", und weil sie so viele Menschen kannte und jeder um ihre Verschwiegenheit wusste, hat sie bestimmt auch unfassbar viel Privatkram erfahren.

Sieben Jahre lang saß Bettina Gaus in der Vorjury des Henri-Nannen-Preises, zwei Jahre davon engagierte sie sich als deren Sprecherin in der Hauptjury. In der Vorjury "Reportage und Dokumentation" konnte die finale Beurteilungsrunde schon mal fünf Stunden dauern. Bettinas Enthusiasmus hätte auch noch länger angehalten. Sie liebte es, Texte zu filetieren, unterschwellige Absichten freizulegen, Recherchelücken und offene Fragen zu benennen. Die Preisverleihung selber fand sie amüsant. Solange sie nahe einer Tür saß, um zwischendurch zum Rauchen hinauszuschlüpfen.  

Der aktuelle Lehrgang wird seine Kommentartexte nun nicht handschriftlich redigiert von Bettina zurückbekommen. Die Schülerinnen und Schüler werden auch nicht erleben, wie sie auf ihrem Sofa sitzt und gut gelaunt die Luft aus aufgeplusterten Sätzen lässt, wie sie die Haare entschieden zurückwirft, wenn sie eine Nachlässigkeit aufspürt oder das Urteil über einen Gedankengang fällt. Die Haltung aber, was zählt im Journalismus, die hat Bettina Gaus auch ihrem letzten Lehrgang noch vermitteln können.

Der Journalist und Autor Andreas Wolfers hat die Henri-Nannen-Journalistenschule von 2007 bis 2019 geleitet. 

fs

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