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Nazis im Auswärtigen Amt: Die Mission der "Mumien"

Darf das Auswärtige Amt verstorbene Diplomaten mit Nazi-Vergangenheit ehren? Außenminister Fischer hat das verneint - und damit intern eine Protest-Lawine ausgelöst. Nun wühlt ein neues Buch den Konflikt auf. Ein Erlebnisbericht aus dem Auswärtigen Amt.

Von Florian Güßgen

Die Nerven liegen blank im Auswärtigen Amt. Immer noch. Kaum hat Hans-Jürgen Döscher seinen Vortrag beendet, da schießt der Arm des grauhaarigen Mannes in der zweiten Reihe in die Höhe. Es ist wie bei einem Duell – er bitte um Chancengleichheit, sagt er mit lauter Stimme, steht auf und eilt nach vorne. Er wolle sich ebenfalls vor das Publikum stellen dürfen - wie der Buchautor, sagt er. Seine Dokumente wolle er zeigen, seine Belege, genau wie der andere, der Gegner. Die Zeit, sich vorzustellen, nimmt der Mann sich erst gar nicht. Das Publikum müsse ihn ohnehin kennen, mag er denken. Ihn, den Botschafter a.D. Dr. Heinz Schneppen, den promovierten Historiker, 36 Jahre im Dienst des Auswärtigen Amtes. Eigentlich müssten ihn alle kennen, denn schließlich, mag er denkenm, ist er es, der für die Ehre der deutschen Nachkriegs-Diplomaten gekämpft hat wie kein anderer, der auch das Andenken des Kollegen Franz Krapf verteidigt hat wie kein anderer - gegen all diese Anschuldigen wegen dessen angeblicher SS-Vergangenheit. Er, Schneppen, war es, der den "Aufstand der Mumien" ("Der Spiegel"), der ehemaligen Diplomaten anzettelte. Gegen den verachteten Außenminister Joschka Fischer. Gegen dessen Politik der Respektlosigkeit. Eigentlich müsste ihn das Publikum kennen, gerade jetzt, da er wieder einmal nach Berlin gefahren ist, um zu kämpfen. Für das Ansehen des toten Krapf, gegen das neue Buch des Osnabrücker Historikers Döscher. Eigentlich, denn Schneppen stellt sich an diesem Dienstabend dann doch vor. Er sei flexibel, sagt er. Trotzdem riecht es nach Muff, wenn er spricht.

Bei den Ehemaligen sitzt der Stachel tief

Schneppen ist einer der Haupt-Akteure in einer Schlacht, die bereits geschlagen schien. Es geht um die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes, um jene Diplomaten, die sowohl dem Diktator Hitler als auch dem Demokraten Adenauer dienten, und vor allem um die knifflige Frage, wie jener verstorbener Diplomaten gedacht werden soll, an denen der Malus des Nazis haftet, die aber die Bundesrepublik dennoch hervorragend vertreten haben. Im Prinzip hat sich Joschka Fischer, der Außenminister, bereits durchgesetzt. Der Praxis des Auswärtigen Amtes, ehemaliger Nazis und SS-Mitglieder ehrend zu gedenken, hat er ein Ende bereitet, eine Kommission renommierter Historiker eingesetzt, die die braune Vergangenheit des bundesdeutschen Diplomaten-Corps endlich ausleuchten soll. Die Entscheidungen sind gefallen, aber vor allem bei Ex-Diplomaten, den Ex-Kollegen der Nazis, sitzt der Stachel dennoch so tief, dass sie es nicht gut sein lassen können, gegen Fischer und dessen Haus-Politik zu wettern. Sie fürchten um das Ansehen ihrer Kollegen - und wohl auch ein wenig um den Glanz der eigenen Biografie. Je heller der Ruhm des Auswärtigen Amtes leuchtet, desto strahlender erscheint schließlich die eigene Karriere. Und so genügt schon der kleinste Anlass, um die Wut wieder aufsteigen zu lassen, den Ärger über die angeblich heuchlerische, moralische Hochmütigkeit derjenigen, die jetzt das Sagen haben im "Amt". Vor allem Schneppen nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die angeblichen Vergehen Fischers geht.

Ein neues, altes Buch als Provokation

An diesem Abend gibt Döscher den Anlass zu erhitztem Widersprüch. Zu sagen hat der Historiker, dessen Aussehen und Rhetorik an den Kabarettisten Dieter Hildebrandt erinnert, zwar nichts im Auswärtigen Amt, aber geschrieben hat er darüber. Akribisch, in biografischer Fiesel-Arbeit, hat er trotz mauer Aktenlage die Lebensläufe und Karrieren deutscher Nachkriegs-Diplomaten nachgezeichnet, gezeigt, dass diese auch unter Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop schon in Amt und Würden waren - nicht nur als Mitläufer des Regimes, sondern auch als deren aktive Unterstützer. Auch um die Vorkriegs-Vita des Botschafters a.D. Franz Krapf hat er sich dabei gekümmert - mit der These, dass der spätere Nato-Botschafter der Bundesrepublik während der NS-Zeit stärker mit der SS verbandelt war, als er es zugegeben hat. Zwei Bücher sind aus Döschers Lebenslauf-Studien in den vergangenen Jahrzehnten entstanden, die auch wegen der dürren Quellenlage zur Standardliteratur über die braune Vergangenheit deutscher Diplomaten geworden sind: "Das Auswärtige Amt im Dritten Reich" von 1987 und "Verschworene Gesellschaft" von 1995. Weil das Thema im Streit um das richtige Gedenken an verstorbene Diplomaten in der ersten Hälfte dieses Jahres wieder aufkochte und weil die beiden anderen Titel vergriffen sind, hat Döscher nun eine Art neue Zusammenfassung geschrieben und unter dem Titel "Seilschaften. Die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amts"“ beim Propyläen Verlag herausgebracht (22,50 Euro).

Visa-Affäre und die Causa Krapf

An diesem Abend stellt Döscher sein neues, altes Buch vor. Ausgerechnet im Auswärtigen Amt am Werderschen Markt in Berlin hat der Verlag einen Saal gemietet, gleich neben dem Eingangs-Foyer. Symbolisch wertvoll ist er nach Fritz Kolbe benannt, einem aktiven NS-Gegner im Auswärtigen Amt, der in der Bundesrepublik nichts mehr geworden ist. Der Verlag hat auf ein volles Haus spekuliert. Vergebens, denn viele Zuhörer sind nicht gekommen. Fünfzig sind es, bei wohlwollender Zählung. Vielleicht denken viele der Diplomaten, die in den oberen Etagen des Hauses arbeiten, das Thema sei durch. Vielleicht haben sie auch einfach genug davon. Schneppen hat nicht genug. Er hat eine Mission. Erneut stellt er sich dem als Provokation empfundenden Buch entgegen. Wie im Frühjahr. Dieses Frühjahr. Die Visa-Affäre ramponierte das Ansehen der Diplomaten, gleichzeitig entzündete sich der Konflikt um die braune Vergangenheit des Auswärtigen Amtes an der Causa Krapf, weil das Hausblatt "Intern-AA" dem im Oktober 2004 verstorbenen Ex-Botschafter die übliche Ehrung verweigerte.

"Unsachlich, unanständig, unehrlich"

Nur langsam wurde klar, dass Außenminister Fischer bereits Ende 2003 verfügt hatte, dass ehemalige Mitglieder von NSDAP und SS in der Hauszeitung nicht mehr postum geehrt werden sollten. Krapf hatte zu beiden NS-Organisationen gehört. Viele Ex-Diplomaten, die "Mumien", schrieen empört auf. Schneppen, der "Botschafter im Unruhestand" (FAZ), war es dann, der in einem Leserbrief an die "FAZ" Ende Januar 2005 offen Front machte gegen Fischer. Dieser verhalte sich "unsachlich, unanständig, unehrlich", schrieb er. Besonders krumm nahmen die Mumien Fischer dabei, dass er seinen ehemaligen Gefährten Joscha Schmierer im Planungs-Stab des Ministeriums untergebracht hatte. Der Ex-Kommunist Schmierer hatte früher Solidaritäts-Bekundungen an den kambodschanischen Schlächter Pol Pot geschrieben - ein Vergehen, das Fischer mit dem Hinweis auf Schmierers mittlerweile vollzogene demokratische Läuterung wegwischte. Das gleiche Recht auf Gesinnungswandel, so beklagten die "Mumien", verweigere der Alt-68er den Ex-Nazis im Auswärtigen Amt.

Aufstand der Aktiven

Schneppen organisierte den Protest. 128 "Mumien" unterzeichneten eine großformatige Gedenk-Anzeige in der FAZ, in der es in Bezug auf Krapf fast schon trotzig hieß: "Freunde, Kollegen und Mitarbeiter bewahren ihm ein ehrendes Andenken." Das war ein herber Schlag gegen Fischer, zumal nicht nur die konservative Riege des Hauses unterzeichnete. Otto von Gablentz, etwa, hat als eher liberaler Botschafter in den Niederlanden viel dazu beigetragen, die dortigen Ressentiments gegen die Deutschen abzubauen, jahrelang hatte er das renommierte College of Europe in Brügge geleitetet. Ein anderer, Berndt von Staden, war nicht nur Botschafter in Washington gewesen - sondern auch außenpolitischer Berater des SPD-Kanzlers Helmut Schmidt. Fischer hatte mit seiner Revision der Gedenk-Politik einen Nerv getroffen, der offenbar am Selbstverständnis mehrerer Generationen deutscher Diplomaten rührte. Eine defensive Haltung gegenüber der Vergangenheit der eigenen Behörde und ihrer Mitarbeiter im NS-Regime gehörte scheinbar zur Organisations-Kultur des Hauses am Werderschen Markt.

Fischer versetzte Kritiker in den Ruhestand

Der Außenminister, der durch die Visa-Affäre ohnehin erheblich unter Druck geraten war, versuchte, den Konflikt zu entschärfen, blieb aber in der Sache hart. Chef-Etage und Personalrat vereinbarten einen Kompromiss. Demnach sollten die Namen, die Lebensläufe und die Bestattungs-Details ehemaliger Diplomaten künftig in der Hauszeitschrift nüchtern genannt werden - allerdings ohne ehrende Worte. Den Ex-Diplomaten reichte das nicht. Im Gegenteil. Unterstützung erhielten sie plötzlich auch von Aktiven, die sich nun öffentlich gegen jenen Grünen-Minister stellte, der die traditionelle FDP-Hausmacht beendet hatte. In einem Schreiben, das über siebzig Beamte unterzeichneten, versicherten diese Schneppen ihre Solidarität und bezichtigten Fischer der "anmaßenden Selbstüberschätzung". Frank Elbe, deutscher Botschafter in Bern, attackierte Fischer zudem in einem offenen Brief. Fischer versetzte den FDP-nahen Rebellen daraufhin in den Ruhestand. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Streit um die Ehrung verstorbener Kollegen ausgeweitet ausgeweitet zu einer politisch durchtränkten Generalabrechnung einiger Diplomaten mit dem ungeliebten Chef. Völlig undiplomatisch waren die Grabenkämpfe am Werderschen Markt in die Öffentlichkeit getragen worden.

Historiker-Kommission soll aufklären

Schon im Frühjahr versprach Fischer, die historischen Erinnerungslücken des Auswärtigen Amtes, die auch von der schwierigen Quellenlage herrührte, durch die Arbeit einer Experten-Gruppe zu füllen. Im Juli setzte der Außenminister eine fünfköpfige Historiker-Kommission ein. Zu dieser gehören die Professoren Eckart Conze aus Marburg, Norbert Frei aus Jena, Klaus Hildebrand aus Bonn, Henry Ashby Turner von der Yale University und Klaus Hildebrand von der Hebräischen Universität in Jerusalem. Die renommierten Historiker sollen nun erforschen, wie sehr die Diplomaten Adenauers schon die Diplomaten Hitlers gewesen waren, wer 1955 noch dabei war, der eigentlich nicht mehr hätte dabei sein dürfen. Am 9. September hielten die Forscher in Berlin ein erstes Kolloquium ab - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

"Mir tut das in der Seele weh"

Eine Erkenntnis kann man jedoch schon an diesem Abend, bei der Vorstellung von Döschers neuem Buch, gewinnen: Die Wunden, die die Auseinandersetzung um die Vergangenheit und das Andenken verstorbener Diplomaten geschlagen hat, sind noch kaum vernarbt. Irgendwann meldet sich ein Mitglied des Personalrats des Außenministeriums zu Wort. Es sei doch eigentlich schon alles ausdiskutiert worden, sagt er - in der Presse, in Personalversammlungen. Eigentlich sei doch mittlerweile, jetzt im Herbst, schon fast wieder so etwas wie Frieden eingekehrt im Haus. Es sei nicht gut, dass der Konflikt wieder heraufbeschworen werde. Man solle die Historiker ihre Arbeit machen lassen - und es gut sein lassen. "Es tut mir in der Seele weh, wie der Versuch der Ehrenrettung eines früheren Mitarbeiters dieses Hauses inzwischen zu dem Ergebnis geführt hat, dass sich das ganze Haus, einschließlich der Mitglieder der heutigen Generation, für Ereignisse rechtfertigen muss, die lange zurück liegen", sagt er. Der Zwist hat den so auf Einheit bedachten diplomatischen Corps tief gespalten, soll das heißen. "Jetzt ist das Thema wieder aufgekommen, weil man wieder den Crew-Geist, den wir im Amt pflegen, mit einem Corps-Geist verwechselt", sagt der Mann. Schweigt doch bitte, ihr Mumien, soll das heißen. Lasst es gut sein, zum Wohl der Aktiven, die unbeleckt sind von dem Ruch der NS-Zeit.

Wirklich gut sieht niemand aus

Wirklich gut sieht an diesem Abend eigentlich niemand aus. Schneppen nicht, der dem Abend mit seinem überforschen Auftreten etwas Surreales verleiht - und auch Döscher nicht, der zwar seine Thesen überzeugend und sachkundig vertritt, aber auch Fehler eingestehen muss. Allerdings zeigt Döscher klar den weg auf, der nun gegangen werden muss. Genau skizziert er, welcher Schritte es nun bedarf, welche Akten die Experten-Kommission sichten muss, um den Übergang des Auwärtigen Amtes von der NS-Zeit in die Adenauer-Ära besser zu verstehen. Die Frage nach dem ehrenden Andenken an ehemalige Mitglieder von NSDAP und SS hat der nun scheidende Außenminister bereits geklärt, auch wenn die Nerven der Mumien noch blank liegen.