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Obama in Buchenwald: Ein Besuch gegen das Vergessen

Der Präsident ist tief bewegt. Gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel hat er im ehemaligen KZ Buchenwald der Opfer des Holocausts gedacht. stern-Autorin Ulrike Posche hat Barack Obama an diesem denkwürdigen Tag erlebt.

Es ist ein schwerer Gang, den die vier gehen. Dreihundert, vielleicht vierhundert Meter. Der Weg führt vom Haupttor zum "Kleinen Lager", zum schrecklichsten Ort auf dem Gelände des KZ Buchenwald. Über ein Feld aus Kupferschlacke geht es, über Steine, die sich schmerzhaft durch dünne Sohlen drücken. Vorbei am Krematorium, am Latrinenbau, an den Fundamenten, die von den Holzbaracken übrig sind. Langsam nähern sich US-Präsident Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel am Freitagnachmittag der Gedenkstätte.

Elie Wiesel, der Friedensnobelpreisträger, und Bertrand Herz vom Internationalen Komitee Buchenwald-Dora führen die beiden an jenen Platz, deren Hölle sie als 16-Jährige erlitten. Manchmal halten sie inne. Manchmal nimmt Obama den 80-Jährigen sanft am Arm. Manchmal weiß wohl auch der Präsident nicht, wohin mit seinen Händen und steckt sie in die Hosentaschen. Dunkle Wolken hängen am Himmel, der Wind wirbelt weiße Samenbüschel der Pappeln durch die Luft. Es ist ein unwirkliches Bild.

Auf einem Foto am Eingang zum ummauerten Innenhof ist Elie Wiesel als Häftling zu sehen, auf einer Pritsche hinter seinem Blechnapf. In Wiesels Gesicht ist blankes Entsetzen, er hat Tränen in den Augen. Obama erzählt er von seinem Vater, der hier starb, dem er nicht helfen konnte. Er selbst und Herz sind zwei von 900 Kindern und Jugendlichen, die im April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit wurden.

Tausenden anderen war das nicht vergönnt, insgesamt starben 56.000 Menschen in Buchenwald. Im "Kleinen Lager" verendeten sie auf qualvollste Weise an Hunger, Kälte, brutaler Quälerei und Seuchen. An diesem Ort legen die vier dunkel gekleideten Besucher weiße Rosen auf eine der 34 Gedenkplaketten, die an all die Lager erinnern, aus denen die Häftlinge stammten.

Er werde nie mehr vergessen, was er hier gesehen habe, sagt Barack Obama später in seiner Ansprache unter der Turmuhr des Lagers, die bis heute die Stunde der Befreiung zeigt. Obama verarbeitet, was er soeben gesehen hat in seiner Rede. Nichts davon stand im klein gefalteten Manuskript, das er aus der Brusttasche zieht. Obama spricht vom Latrinenbau, in dem sich Widerständler trafen, und von der wunderbaren Hügellandschaft, die einen krassen Widerspruch zum Grauen des Lagers darstelle. Und er zitiert eine Strophe des Buchenwald-Liedes: "Oh Buchenwald, wir jammern nicht und klagen, und was auch unsre Zukunft sei - wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei!"

Diejenigen, die diese Zeilen geschrieben haben, sagt der Präsident, hätten nicht wissen können, dass auf dem Gelände eines Tages ein Denkmal sein würde. Und dass ein amerikanischer Präsident an der Seite einer deutschen Kanzlerin je diese Zeilen vortragen würde. Es ist der wohl bewegendste Moment des Tages.

AP/DPA / AP / DPA