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Social-Media-Experte Martin Fuchs im Interview: Ohne Facebook würde es Pegida nicht geben

160.000 Fans auf Facebook? Egal. 20.000 Menschen auf der Straße? Alarm. Social-Media-Experte Fuchs über verschlafene Politiker - und die Fanbase von Pegida in anderen Ländern.

Anhänger der islamkritischen MVgida Bewegung am Montag in Schwerin

Anhänger der islamkritischen MVgida Bewegung am Montag in Schwerin

Sie sagen: Es stärkt Pegida, je mehr über die Bewegung berichtet wird. Was wäre die Alternative - schweigen?
Die Bewegung ist relativ schnell, relativ groß geworden. Bereits im November waren die Wachstumsraten (im Netz, Red.) enorm. Ich hätte mir gewünscht, dass Politik und Medien das früher aufgreifen und auseinander nehmen. Erst wurde wochenlang nichts gemacht, und jetzt, da die Bewegung so groß ist, wird sie durch auf allen möglichen Kanälen gepusht - mit Titelseiten und Live-Ticker. Das bestärkt Pegida in solch einer wackeligen Phase. Die Anhänger denken: Jetzt sind wir kurz davor, unsere Ideen auch umzusetzen.

Wie sollten die Medien reagieren?


Ausführlich und analytisch. Aber nicht um Aufmerksamkeit heischend. Eine Person wie Kathrin Oertel wird auf ein Podest gestellt und als Führungspersönlichkeit geschaffen, ist es vielleicht aber gar nicht. Darüber muss man berichten: Wen gibt es? Was tut Pegida? Aber mir ist das momentan einfach ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit für diese Leute und ihre Themen.

Lutz Bachmann und auch Oertel sind zurückgetreten. Wer könnte diese Rolle übernehmen? Gibt es überhaupt noch jemanden?


Die restlichen Führungsmitglieder haben sich eine Woche Auszeit genommen, um sehr wahrscheinlich genau das herauszufinden. Ich habe die Vermutung, da Oertel eher zum liberalen Flügel gehört, könnte sich jetzt die rechtspopulistische Seite durchsetzen. Oertel hat gemerkt, dass sie gegen die rechten Kräfte innerhalb von Pegida nicht ankommt und musste schließlich überfordert aufgeben.

Oertel gab bekannt, dass sie ein neues Bündnis gründen will. Hätte sie damit überhaupt eine Chance?
Das erinnert mich ein wenig an die klassische Art und Weise wie auch rechtsextreme Parteien agieren. Da gründen sich hunderte Kleinst-Parteien, weil man sich irgendwann nicht mehr einig ist. Die Erfahrung zeigt aber - zum Glück - dass sich dadurch das Bündnis erst recht zerlegt. Je mehr Ströme es gibt, die sich dann vielleicht noch untereinander bekriegen, umso weniger Relevanz hat die Bewegung. Ohne einheitliches Sprachrohr, zerfleischt sich die Bewegung früher oder später selbst.

Wenn das wirklich das Ende von Pegida ist, was ist mit der Wut der Anhänger?


Es ist definitiv nicht das Ende von Pegida. Es kann sein, dass die Leute nicht mehr zu Tausenden auf die Straße gehen und zeigen, wir sind nicht zufrieden mit der Situation in Deutschland. Aber die Gedanken werden natürlich bleiben. Die Facebook-Seite von Pegida hat 160.000 Fans. Bei einer solchen Menge an Menschen wird die Bewegung aktiv bleiben, auch ohne die Straße. Das Problem für die deutsche Politik ist nicht gelöst, wenn jetzt ein paar weniger Deutsche auf die Straße gehen.

Pegida mobilisiert ihre Mitglieder fast ausschließlich über Facebook. Wäre sie ohne Facebook überhaupt möglich?


Es würde Pegida ohne Facebook nicht geben. Es würde aber auch die Wahrnehmung von Pegida nicht geben, wenn es die Straße nicht gegeben hätte. Nur diese 160.000 Fans sind für die Politik noch kein Grund, sich Gedanken zu machen. Aber sobald 20.000 Leute auf die Straßen gehen, ist das eine wahrnehmbare physische Größe, auf die sie reagieren müssen. Aber man hätte niemals geschafft 25.000 Menschen auf die Straße zu kriegen, wenn man sich nicht über Facebook organisiert hätte.

Das US-Außenministerium hat am Montag eine Reisewarnung unter anderem für Berlin, Dresden und Frankfurt veröffentlicht.


Wenn die US-Botschaft jeden Tag 15 Titelseiten mit Pegida-Nachrichten liest, entsteht der Eindruck, dass da etwas im Gange ist und es wird ernst genommen. Ein bisschen Durchatmen würde uns allen ganz gut tun. Gehen wir einmal davon aus, dass 160.000 Menschen Pegida gut finden. Das sind gerade mal 0,002 Prozent der deutschen Bürger. Ich hab mir den Spaß mal erlaubt und geschaut, wer wirklich Fan von Pegida ist. Da sind 4500 Österreicher dabei, 3000 Schweizer, 2000 US-Amerikaner, 450 Türken und 150 Syrer, da sind auch Leute bei, die eigentlich muslimischer Herkunft sind. Viele gucken halt was da passiert, aber das zeigt doch vor allem, dass die Größe noch wesentlich kleiner ist.

Also eher ein Hyperventilieren der USA?


Ja, man schaukelt sich halt schnell hoch.

Interview: Katharina Link
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