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Pegida in Leipzig und Dresden: Mythos, Mob und Montagsdemo

In Dresden und Leipzig berufen sich "Pegida-Spaziergänger" und Gegendemonstranten auf 1989. Trotz vieler Unterschiede – auch zwischen den Städten – ist beides verlogen.

Von Holger Witzel

Montags in Leipzig: Brennende Mülltonnen am Rande der Legida-Demo

Montags in Leipzig: Brennende Mülltonnen am Rande der Legida-Demo

Leipziger haben nicht erst seit der Völkerschlacht, seit 1989 oder diesem Montag einen - vorsichtig gesagt - selbstbewussten Blick auf Dresden. In der traditionell eher weltoffenen Messestadt protestierten diese Woche mindestens 30000 Leute gegen den lokalen Pegida-Ableger Legida - mehr als in der neuen "Hauptstadt der Bewegung" dafür. Und wenn es auch ein wenig dem Dünkel ähnelt, mit dem Pegida sein "Abendland" verteidigt und Westdeutschland ein reines Ost-Phänomen wahrnimmt, kommt einem Dresden – von Leipzig aus gesehen - in diesen Tagen noch lahmer, provinzieller und in der Angst vor allem Fremden beinahe pathologisch vor. Dort nennen sie es nur patriotisch.

Anfangs dachte der überhebliche Leipziger in mir sogar, es hätte vielleicht mit Yenidze zu tun. Kuppel und Minarett der ehemaligen Tabakfabrik prägen Dresdens Silhouette wie die Frauenkirche. Mit über 60 Metern ist sie höher als die größte deutsche Moschee in Duisburg. Obwohl immer klar war, dass hier nie eine Muezzin zum Gebet rufen, sondern nur ein Unternehmer für Orient-Tabak werben wollte, stieß der fremde Baustil schon 1909 auf heftige Ablehnung. 100 Jahre später kann man da in so einem engen Elbtal schon mal Angst bekommen - Dresden eben. Tatsächlich aber hatte sich der Volksmund auch hier schon nach ein paar Jahren an seine "Tabakmoschee" gewöhnt. Der Architekt heiratete später sogar die Halbschwester Hitlers. Und spätestens seit ihrer Sanierung 1996 ist Yenidze als "höchster Biergarten Dresdens" voll integriert.

Demoteilnehmer mit Parkschein

Ratlos habe ich mir die Montags-Spaziergänger also vor über einer Woche mal selbst angeschaut. Ausdrücklich nicht als Teil der "Lügenpresse" - sondern privat, noch im Urlaub. Neben ein paar dumpfen Gesichtern sah die Mehrheit tatsächlich nicht so aus, als könne man sie leichtfertig als Nazis abtun. Diese Dresdner zogen vor der Demo einen Parkschein, hatten ihre Deutschland-Fahnen gebügelt und viele neue Teilnehmer waren – das schwang immer mit – eher aus Trotz da, weil man ihre Nachbarn oder Kollegen bisher leichtfertig als Nazis abgetan hatte oder sie sich selbst von der Rentenanstalt, dem Gerichtsvollzieher, ihrem Ex-Arbeitgeber, ihrer Ex-Frau, dem Mitteldeutschen Rundfunk oder von der Bundeskanzlerin ungerecht behandelt fühlten. Eine schleichende "Islamisierung", wie es zumindest ihre Redner in westdeutschen Großstädten ausgemacht haben wollten, schien nur der kleinste gemeinsame Nenner für vielerlei Unmut zu sein. Und offenbar ist es in Dresden weniger Menschen peinlich, laut auszusprechen, was in Umfragen bundesweit sonst eher stille 29 Prozent denken: Dass der Islam hierzulande zu großen Einfluss habe.

Der ist in Dresden - Yenidze und zweimal Halbmond im Monat mal vernachlässigt – zwar kaum spürbar. Außer auf „Pegida“-Plakaten gibt es hier keine Burkas, und Halsabschneider auch nur in Banken oder unter Mindestlohn-Arbeitgebern. Aber gegen die geht es ausdrücklich nicht. Im Gegenteil: Eher fürchtet man die Verdrängung der freien Marktgesetze durch Basar und Scharia und – nicht ganz zu unrecht – die Macht der arabischen Ziffern, wenn ihnen jemand den tatsächlichen Einfluss von "Islamisten" vorrechnet. Manche geben sogar zu, dass sie ihrer Unzufriedenheit mit der GEZ vielleicht unter falschen Parolen Luft machen, zudem von geltungssüchtigen Facebook-Großmäulern mit zweifelhafter Vergangenheit angeführt. Dennoch kamen mir die Leute gleich bekannt vor, ebenso die politischen Abwehrreflexe gegen sie.

Klare Kante gegen die Islamkritiker: Gegendemonstranten in Leipzig

Klare Kante gegen die Islamkritiker: Gegendemonstranten in Leipzig

Erst ignorieren, dann als Rowdies (heute Nazis) diffamieren und – wenn es gar nicht mehr anders geht, weil es plötzlich zu viele sind – den "Dialog" suchen, die "Sorgen der Menschen Ernst nehmen", womöglich an "runden Tischen", die heute bei Jauch oder der AfD im Landtag stehen. Ganz ähnlich – und da haben diese Spaziergänger leider Recht – versuchte auch schon die DDR, die "Konterrevolution" mit Hilfe ihrer Medien kleinzuhalten, zu umarmen, zu ersticken. Vergeblich.

Noch größer als die Angst vor vergifteten Kondensstreifen, mitlaufenden Nazis oder der "Lügenpresse" ist deshalb die Sorge, ihre Bewegung könnte wieder einschlafen. Das Gefühl, wieder nur Dresden zu sein, nichts mehr zu grölen zu haben. Vergessen. Fast Bautzen oder Polen. Und da fiel es mir auch wieder ein, woher ich sie kenne.

Es sind die gleichen Leute, die im Spätherbst 1989 zu den wenigen Mutigen stießen und plötzlich auch das Volk sein wollten. Als es nicht mehr gefährlich war. Als es ab November nichts mehr im Garten zu tun gab. Als es nur noch um die D-Mark ging. "Helmut, Helmut!" riefen sie damals. Deutschland, Deutschland! Freiheit und Einheit stand in ihrem Asylantrag. Ehrlicherweise – darüber täuschten auch gerade die vielen Erinnerungssendungen nach 25 Jahren mit Pathos hinweg – waren wir alle in erster Linie Wirtschaftsflüchtlinge. Von Ost nach West, für Posten in den Osten. Es ging um ein besseres Leben, Visa-frei bis Hawaii. Warum auch nicht? Es sind die gleichen Rechte, die man noch östlicheren oder südlicheren Ossis aus dem angeblichen Morgenland heute nicht gönnt.

Jeder nach seiner Fasson - aber bitte nicht bei uns!

In diesem Punkt ist Pegida sogar ehrlicher als die verlogene Frontex-Politik Westeuropas. Hier wird offen in nützliche und unnütze Migranten unterschieden. Das "Abendland" siebt nach wie vor aus und bestimmt, wem welche Menschenrechte zustehen - oder für wen die Reisefreiheit bestenfalls in Lampedusa endet. Jeder Syrer ist selber schuld. Jeder Tunesier soll sich sein eigenes Glück schmieden. Jeder nach seiner Fasson und Religion ... Aber bitte nicht bei uns. Hier sind wir sind das Volk!

Auf der "Cockerwiese" in Dresden trampelt die ganze Ungerechtigkeit der Weltgeschichte mit: Menschen, denen es per Geburt in einer bestimmten Gegend zufällig besser zu gehen hat. Als hätten sich die heute in Europa lebenden Generationen dieses Gefälle selbst erarbeitet. Als hätten es ihre Vorfahren mit Schwert und Kanonenbooten rechtmäßig getan. Pegida spricht tatsächlich nur plump aus, was die meisten Deutschen, Europäer, Nordhalbkugelbewohner auch nicht wollen: Ihre Küche mit fünf Junggesellen aus Nordafrika teilen. Reichtum und alte Gewohnheiten aufgeben. Es geht nicht um Schweinefleisch, sondern um die Wurst. Man kann das Identität, Geiz oder Egoismus nennen. Es ist menschlich und unmenschlich zugleich. Wohlstandsrassismus, niemals lösbar vielleicht. Und wenn ich hier wohlfeil über Dresdner herziehe, statt ihnen Asyl auf meiner Gästematratze anzubieten, bin ich natürlich auch nicht besser.

"Die Salamisierung des Abendbrotes"

Diesen Montag habe ich mich deshalb in Leipzig genötigt gefühlt, privat bei No-Legida mitzulaufen – und dienstlich auch mal bei Legida nach den Rechten zu schauen. Es waren mit 4800 Teilnehmern weit weniger als in Dresden, aber trotzdem mehr von der Sorte, die man nicht leichtfertig als Nazis abtun könnte, weil es offenkundig welche waren. Es fielen auch mehr wirre Begriffe wie "Kriegsschuldkult". Und weil Leipzig eben nicht das verschnarchte Dresden ist, kam mir das noch ungemütlicher vor, als die kläglichen Weihnachtslieder von ein paar Atheisten vor der Semperoper.

Jetzt ist meine alte Heldenstadt stolz, ein weithin sichtbares Zeichen gegen die peinlichen Landsleute an der Elbe gesetzt zu haben. Es gab lustige Plakate "gegen die Salamisierung des Abendbrotes" oder "die Dresdenisierung Leipzigs". Es fühlte sich warm an in der Menge. Fast wie 1989. Aber wie mutig ist es heute schon, für Selbstverständlichkeiten zu demonstrieren? Wenn "kein Mensch illegal ist", schieben wir dann auch aus Leipzig keinen mehr ab? Außer vielleicht Dresdner.

Als Clowns getarnt gegen Pegida: Leipzig zeigt Legida die rote Nase

Als Clowns getarnt gegen Pegida: Leipzig zeigt Legida die rote Nase

Wie gesagt: Persönlich habe ich auch nichts gegen sie – selbst wenn dieser Satz dort noch öfter aberwitzig weitergeht. Ich habe sogar Freunde unter ihnen, aber – das wird man wohl noch sagen dürfen! – auch keine Lust, wegen Pegida oder gegen Legida-Mobs nun jede Woche durch die scheinbar bessere Stadt zu latschen. Es kommt mir so sinnlos vor, nur Zeichen gegen noch sinnlosere Zeichen zu setzen. Der Montagsdemo-Mythos nervt nur noch, seit es einem selbst viel zu gut geht. In Stuttgart gehen deshalb noch weniger hin. Oder fahren heimlich nach Dresden.

Unterdessen breitet sich in Ostdeutschland die Vogelgrippe weiter aus. Zu Hause läuft die Miete weiter und ab nächste Woche das Dschungelcamp. Vielleicht hört es dann auf, spätestens - hoffentlich - wenn alle im eigenen Garten wieder genug zu tun haben.