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Interview

Gruppierung wächst: Reichsbürger planen offenbar Armee - wie gefährlich sind sie?

Die Zahl der Reichsbürger in Deutschland wächst. Sie haben Waffen und planen offenbar eine Armee. Werden wir also eines Tages Trupps marschierender Reichsbürger in Deutschland sehen? Der stern hat einen Rechtsextremismus-Experten befragt.

Herr Wilking, einem Bericht des Magazins "Focus" zufolge ist die Zahl der Reichsbürger in Deutschland kräftig angestiegen. 15.600 Reichsbürger sollen hierzulande leben.

Ich vermute sehr stark, dass sich die Zählweise für "Reichsbürger" geändert hat. Es gibt nun mal keine feste Definition eines "Reichsbürgers". Man muss darauf achten, wann sich jemand im öffentlichen Bereich im Sinne der Bewegung äußert. Die Sensibilität für derartige Äußerungen ist in den vergangenen Jahren angestiegen. Deshalb die hohe Zahl. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass es bei der Anzahl der Reichsbürger zuletzt kein Wachstum stattgefunden hat. Das gab es sehr wohl, aber eigentlich schon vor ein, zwei Jahren mit dem Aufkommen von und AfD.

Eine bewaffnete Gruppe innerhalb der Szene plant offenbar die Gründung einer Armee. Wie plausibel ist das?

Ich kann mir das nicht vorstellen. Die Reichsbürger sind ein Club voller chaotisch denkender Menschen. Die Idee, dass mehrere Tausend diszipliniert durch die Gegend marschieren, ist für mich völlig unvorstellbar. Die Reichsbürger sind so wirr, dass sich ihre Gruppen ab einer Größe von rund zehn Leuten schon wieder teilen, weil sie intern nicht kompatibel sind. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es die Idee einer Armee gibt, aber den Reichsbürgern fehlt die dafür nötige organisatorische Kraft. Das ist auch der Grund, warum es in nicht nur eine, sondern rund 40 Reichsbürger-Gruppen gibt, die nicht per se ideologisch geleitet sind - obwohl die meisten von ihnen rechtsextrem sind. Wenn die Reichsbürger mit militanten Rechtsextremen kooperieren würden, dann sähe ich darin tatsächlich eine Gefahr. 

Hätten die Gruppen denn ein gemeinsames Feindbild, gegen das sie sich wenden könnten?

Die Verwaltung. Verwaltung steht für den Staat, den Reichsbürger ablehnen.

An Ausrüstung soll es den Reichsbürger zumindest nicht mangeln. 1000 sollen eine Waffe besitzen. 

Wir unterscheiden zwischen Lang- und Kurzwaffen. Die Langwaffen, also Gewehre, erachten wir dabei als die gefährlicheren, weil damit über eine größere Distanz geschossen werden kann. Besitzer von Langwaffen sind meist Mitglieder in Sportschützenvereinen und Jäger. 

Sportschützen und Jäger sind in der Szene besonders stark vertreten. Warum?

Sportschützen und Reichsbürger - beides Machokulturen. Beide bevorzugen dörfliche Strukturen. Die Reichsbürger sind im Durchschnitt männlich, 50 und sehr egofixiert. Zudem haben sie meistens eine sehr starke Abwertungserfahrung gemacht, die sie mit ihrer These, dass es den Staat, der dafür verantwortlich sein soll, gar nicht gibt, kompensieren. Die Pfändung des Hauses oder der wirtschaftliche Bankrott, den sie erlebt haben - das alles sei illegal. Reichsbürger sehen sich als "Macher", und "Macher" haben in dörflichen Strukturen einen großen Stellenwert. Eine Knarre zu haben, ist Macht. Die Vorstellung, dass ich mir den Weg frei schieße, von hier bis zum Sonnenuntergang, der macht schon ganz schön besoffen. Trifft all das aufeinander - die Frustration, die Kultur des Männlich-Dörflichen und dann noch oder Pegida - ergibt das eine brisante Mischung.

Mit den Stichworten "Globalisierung", "Digitalisierung", "abgehängt" und "überfordert" kann momentan alles erklärt werden: Trump, AfD, Pegida, die Reichsbürger. Ist es denn wirklich so einfach?

Nun ja, die Menschen sind im demokratischen Kontext nicht mehr repräsentiert. Die politischen Parteien interessieren sich nicht für sie. Schauen Sie sich mal die Jugendorganisationen der Parteien an: Abiturienten, die nun Politologie studieren, um Politiker zu werden. Der Schlosserlehrling aus dem Dorf in Brandenburg ist ein Buch mit sieben Siegeln. 

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