REPORTAGE Calligulas Pommes Frites

Der für den »stern« tätige Reporter Volker Handloik kam im Norden Afghanistans ums Leben. In den vergangenen Wochen war er mit Kämpfern der Nordallianz unterwegs - hier eine seiner letzten Reportagen.

Gleich die erste Nacht war wie ein Sturz in der Zeit zurück. Ich setzte bei eisigem Wind und in Reichweite der Taliban-Artillerie auf einer uralten Pontonfähre über den Pjandsch, den Grenzfluss. Ich war in einem Land, das längst keines mehr war. Kleine Männer, in Pferdedecken gehüllt, umsprangen mich am anderen Flussufer und schrien mich an, damit ich auf ihren Pick-up mitführe.

Dann reiste ich durch die Nacht. Lehmweiße Mauern flogen vorbei, fensterlose Häuser, Schießscharten in den Türmen. Staub nahm mir den Atem. Die erste Nacht schlief ich einem Haus, dessen Fensterrahmen herausgesprengt waren, und die Decke war rauchgeschwärzt. In diesem Zimmer wurde vier Wochen vorher General Massud (»Der Löwe von Pandschir«) von zwei arabischen (angeblichen) Fernsehjournalisten mittels ihrer Kamera in die Luft gesprengt.

Die Schaschlykstube wurde bei Einbruch der Dunkelheit zum Asyl

Meine erste Nacht war still und vollkommen lichtlos, ein Sandsturm hatte den letzten Sternenschein hinweg gestohlen. Der Himmel war orange. Beim Einschlafen knirschten mir die Zähne. Die nächste Nacht an einem anderen Ort schlief ich auf dem Fußboden einer Schaschlykstube, die sich bei Einbruch der Dunkelheit - und die kam schnell - in ein Asyl verwandelte. Es roch nach Schafsfleisch und Kautabak.

Der Hausdiener hieß Calligula und brachte mir eine Schüssel Pommes, fetttriefend und braun, um die ich nie gebeten hatte. Ich hatte plötzlich viele Freunde, die sich alle im Schneidersitz um mich herum hockten und in die Schüssel starrten.

Zwei Abende später fuhr ich in einem Jeep an einem Konvoi von vielleicht dreißig Journalisten vorbei, die verloren an einer illegalen Straßensperre standen. Mittlerweile hatte ich mich verwandelt. Ich trug das Nationalkostüm der Afghanen, knielanges Hemd und Puffhose, und darüber einen bunten usbekischen Kaftan, drunter meine schwarze Photoweste, die wahrscheinlich wie ein Armee-Survival-Kit aussah.

Mit meinen Pommen-Freunden brauste ich zum Checkpoint

Jedenfalls brauste ich mit einem meiner Pommes-Freunde an den Checkpoint, und mit drei, vier Sätzen räumten wir für uns alle Schwierigkeiten aus, denn meine neue Bekanntschaft war ein Mujaheddin-Commander, der sich in mein Tatoo verliebt hatte und daher nicht mehr von meiner Seite wich. Er sprang mit den bärtigen Gesellen an der Straßensperre recht rauh um.

An der Nordfront gibt es einen großen Mudschaheddin mit großem Einfluss

Am nächsten Tag verbreitete CNN (allen Ernstes) das Gerücht, an der Nordfront würde es einen blonden Mudschaheddin geben, der offensichtlich großen Einfluss hätte. Irgendwann landete ich bei einem usbekischen Feldkommandanten direkt an der Front. Der Commander besaß einen Garten mit Gänsen und putzigen Guinea-Hühner mit kleinen Puscheln auf dem Kopf und einer Voliere mit zwei Fasanen. Der Sohn des Commander hieß Attila und nannte seinen Vater »Commander«.

Gelegentlich kamen Attila und sein Vater in meinen Schlafraum. Dann aßen wir gemeinsam Wassermelonen und blätterten durch die Zeitschriften, die ich mitgebracht hatte. Von Zeit zu Zeit zwitscherte eine Granate über die Bäume. Dann grinsten mich die beiden an. Später am Abend bekam der Commander Besuch. Er hielt Hof. Die Leute brachten ihre Anliegen vor, hielten Zettel in den abgearbeiteten Händen. Es war wie auf der Audienz eines Emirs.

Sperrholzwiegen, kunterbunt und krakelig bemalt

Einmal schaute ein Kinderwiegenbauer vorbei, keine Ahnung was er wollte. Unter dem Arm hatte er sich eine seiner Wiegen geklemmt. Sie war aus Sperrholz zusammen gezimmert, kunterbunt und krakelig bemalt, hatte die Form einer aufgeschnittenen Granatenhülse, und in den Holzboden war ein Kackloch fürs Baby eingeschnitten. Ich stellte mir vor, wie das afghanische Baby nackt auf dem Sperrholzbrett liegt und genau durch das Löchlein auf dem Boden kackte, zielgenau. Aber, wohin letztendlich? Dies war das Geschenk des Wiegenbauers von Dasht-e-Qaleh.

Eines Abends sah ich vor meinem Haus einen alten und einen jungen Mann. Der alte zerrte an einem Burschen in Militärjacke. Ringsherum auf der Dorfstraße standen die Dorfbewohner und ein Haufen Soldaten, alle lachten und hielten sich die Bäuche. Dann zog der Bursche in der Militärjacke sein Messer und stach auf den alten Mann ein. Der hielt ihm am Kragen. Keiner der Stiche ging durch den dicken Kaftan hindurch. Die Kerle lachten noch mehr. Der Alte hatte den Burschen vom Vater für die Feldarbeit abgekauft. Der junge Kerl wollte aber nicht, weil er befürchtete am Ende des Tages im Bett des Kaftanträgers zu landen. Darum lachte das ganze Dorf.

Einmal bin ich abends am Flusse Kokshaw entlanggeritten. Hinter der Taloqan-Range ging der Monde gerade auf, riesenhaft und dunkelgelb. Er schien auf eine wüste Landschaft, auf hartes Gesträuch, kleine Canyons, von Regenwasser ausgewaschen. Dazwischen ritten die Mudschaheddin auf ihren struppigen Gäulen. Sie schrieen herüber zu mir.

Ein Schäfer stand auf seinen Hirtenstab gestützt unter einer Platane, unbewegt wie der Baum selbst. Er hatte die Augen geschlossen. Dennoch sah er uns. Dieser Abend war allen Staub und Dreck wert gewesen.

Wir saßen bei einer Ölfunzel und aßen fetttriefenden Reis

Mehrere Abende saß ich mit Andy und Alain zusammen. Andy war früher beim britischen SAS, Alain war französischer Fallschirmspringer gewesen. Wir saßen bei einer Ölfunzel und aßen fetttriefenden Reis und trockenes Fladenbrot. Ich lernte alles über Flugzeugtypen und russische Helikopter und ihre Feuerkraft und wie man eine reinkommende von einer rausgehenden Granate am Geräusch unterscheidet, und ich hörte Geschichten vom Golfkrieg und lustige Panzerabenteuer im Wüstensand.

Sie hassten die Sushipackungen in ihrer Marschverpflegung

Andy sah aus wie ein englischer Hooligan mit Hasenzähnen. Alain war 1 Meter 58 und hatte den Blick einer gereizten Kobra. Die beiden waren als Kamerateam fürs japanische Fernsehen unterwegs und hassten die Sushipackungen, die man ihnen als Marschverpflegung in einer voluminösen Metallkiste mitgegeben hatte. Abgegeben haben sie mir aber trotzdem nichts.

Ich hatte mir ein Zelt am Hügel Chagatai aufgebaut. Auf der Hügelspitze hatten die Mudschaheddin einige Mörser eingegraben. Gegenüber saßen Taliban-Sniper und schossen gelegentlich herüber. In dieser Nacht schmissen amerikanische B-52 Bomben-Cluster auf die Köpfe des Bösen. Die Erde wackelte. Neben meinem Iglu fiel ein Leinwandzelt der Mudschaheddin zusammen.

Nun wurde der Krieg zur lateinamerikanischer Soap-Opera

Stichflammen brachen aus den Bergen hervor. Schwarze Wolken standen im fahlen Morgen: Es war fünf Uhr. Da kam ein Kamerateam den Hügel empor gehetzt. Vorne rannte eine kleine, zierliche Person mit rotem Haar. Das war Adriana von TC Azteca aus Mexiko-City. Nun wurde aus dem Krieg der Zivilisationen eine lateinamerikanische Soap-Opera. Sie sprang herum und verteilte die übermüdeten Mudschaheddin in den Schützengräben, damit sie einen besseren Shot bekam.

Die Jungs - viel älter waren sie oft nicht - mussten mit ihren Waffen auf den unsichtbaren Feind halten und schießen, und sie wurden noch einmal umgruppiert, damit sie in deren Mitte Platz fand, und Adriana, die mexikanische Reporterin, nahm eine Kalaschnikow in die Hand, gab ihr TV-Azteca-Mikrophon mit buntem Pop-Schutz einem Kämpfer, damit er es ins Bild halte, und dann deutete sie pathetisch auf die Wolken über den feindlichen Bergen und deklamierte in rasendem Spanisch. Ich musste sie einfach lieben.


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