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Roma-Musiker Ferenc Snétberger: Wissen, wie sich Ausgrenzung anfühlt

Ferenc Snétberger ist Roma, Jazzgitarrist, Lehrer - und neuerdings Botschafter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Ein Gespräch über Deutschland.

Herr Snétberger, Sie sind ein sehr erfolgreicher Musiker, ihr Sohn Toni spielt in der "Lindenstraße" mit. Sind Sie jemals selbst diskriminiert worden? Natürlich. Ich gehöre zu einer Roma-Familie, bin im Norden Ungarns aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden. Wer davon betroffen ist, reagiert hochsensibel - ein abschätzig musternder Blick ist schon zu viel. Ganz konkret werden die Probleme bei der Wohnungs- und Jobsuche. Viele Sinti und Roma in Deutschland gaben früher ihren Namen auf, weil sie fürchten, sonst keine Chancen zu haben.

Haben Sie Ihren Name auch geändert? Er klingt jedenfalls nicht typisch für Sinti und Roma.

Nein, meine Großeltern waren Schausteller mit Spiel- und Schießbuden. Sie lebten in Österreich, in Graz, sind später nach Ungarn gewandert. Mein Vater konnte Trompete, Harfe und Gitarre spielen.

Was hat Sie bewogen, Botschafter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu werden?

Die Menschen haben Angst vor dem Fremden, vor dem, was Sie nicht kennen, und oft führt diese Angst zu Intoleranz. Als Botschafter habe ich die Möglichkeit, den Menschen unsere Kultur näher zu bringen, mit Klischees aufzuräumen, Angst zu nehmen.

Sie treten immer wieder als eine Art Aushängeschild der Sinti und Roma in Deutschland auf.

Ich lebe in Berlin und habe engen Kontakt zu den Verbänden. Es war mir eine große Ehre, bei öffentlichen Anlässen aufzutreten. Zum Beispiel, als das Denkmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma eingeweiht wurde. Oder bei der Gedenkstunde im Bundestag 2011.

Wie sind Sie überhaupt nach Berlin gekommen? 1987 hatte ich die Möglichkeit, auf dem Festival "Jazz in July" in Westberlin zu spielen. Das war noch vor der Wende. Wir blieben ein paar Tage in der Stadt - und ich war begeistert! Erstmals stand ich auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, erlebte die Freiheit. Berlin vibrierte, es war unglaublich inspirierend, vor allem wegen der vielen Nationalitäten, die hier lebten. Ich wusste sofort, ich würde wiederkommen. Ein Jahr später zogen wir nach West-Berlin. Da meine Frau Deutsche ist, war das unkompliziert.

Wo waren Sie, als die Mauer fiel?

Ich habe ein sorgsam aufbewahrtes Foto mit meinem Sohn Toni, damals sechs Jahre alt. Ein wichtiger, symbolsicher Moment. Ich hebe ihn hoch, und er guckt über die Mauer nach Osten, wo Familienangehörige meiner Frau lebten. Das war am Brandenburger Tor. Kurz danach ist der Mauer gefallen. Die Euphorie, die wir damals miterlebten, werde ich nie vergessen.

Sie haben sich später intensiv um Sinti und Roma in Berlin gekümmert.

Ich habe ihnen in Neukölln Gitarrenunterricht angeboten. Die Werkstatt der Kulturen hat das ermöglicht. Und ich bin sehr glücklich, dass mehrere meiner Studenten heute anerkannte Musiker sind. Das hat mich in dem Gedanken bestärkt, das Snétberger Musik Talent Center zu gründen.

Worum geht es in diesem Center?

Wir können jährlich 60 sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche musikalisch ausbilden. Sie gehören hauptsächlich der Minderheit der Sinti an. Der Norwegian Civil Fund und der ungarische Staat haben geholfen, das Projekt ins Leben zu rufen. Die Jugendlichen studieren in einem malerischen, kleinen Dorf: Felsőörs am Nordufer des Balaton. Ihre Lehrer sind meist selbst Sinti. Wir wollen ihnen Mut machen, ihr Talent zu nutzen. In letzter Zeit stelle ich oft einige meiner Studenten auf Konzerten vor. Wir hatten gemeinsame Auftritte in Frankreich, London, Brüssel und Berlin.

Werden Sinti und Roma in Ungarn und Deutschland unterschiedlich diskriminiert? Jede Diskriminierung schmerzt. Im Übrigen gehört mein Leben nicht der Politik. Sondern der Musik.

Interview: Réka Muray-Klementisz, Mitarbeit: lk