Saddam-Prozess in Bagdad Elektroschocks und geschmolzenes Plastik


Er wollte den Prozess boykottieren, er verdammte die Richter. Am Mittwoch ist Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein nun doch wieder vor Gericht erschienen - ein Zeuge berichtete von den Foltermethoden seiner Schergen.

Trotz seiner jüngsten Boykott-Drohungen ist der frühere irakische Machthaber Saddam Hussein am Mittwoch wieder vor Gericht in Bagdad erschienen. Dort wurde der Prozess gegen ihn und sieben weitere Angeklagte im Zusammenhang mit einem Massaker an Schiiten fortgesetzt. Ein Zeuge erhob dabei schwere Foltervorwürfe.

Ex-Dikator hält Prozess für illegal und unfair

Der kurdische Vorsitzende Richter Risgar Mohammed Amin betrat den Verhandlungssaal kurz vor 11.30 Uhr Ortszeit (9.30 Uhr MEZ), Saddam folgte zehn Minuten später. Anfang Dezember hatte sich der gestürzte irakische Präsident noch geweigert, weiter vor Gericht aufzutreten und damit für erhebliches Chaos und stundenlange Verzögerungen gesorgt. Saddam sagte wiederholt, er halte den Prozess für illegal und unfair. Er beklagte sich über seine Haftbedingungen und sagte den Richtern, sie sollten zur Hölle fahren. Saddam ist wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.

Folter mit Elektroschocks und geschmolzenem Plastik

Amin kündigte an, er wolle am Mittwoch fünf Zeugen aufrufen. Als erstes trat ein Mann auf, der zum Zeitpunkt des Massakers an mehr als 140 Bewohnern in dem schiitischen Dorf Dudschail 1982 nach eigener Darstellung 14 Jahre alt war. Er sagte aus, dass unter Saddam sein Bruder exekutiert und seine Familie danach festgenommen worden sei. Er sei in das Hauptquartier von Saddams Baath-Partei in Dudschail gebracht worden, vor dem neun Leichen gelegen hätten.

Von dort habe man ihn in Saddams Geheimdienstzentrale in Bagdad verlegt, wo er Zeuge schrecklicher Folter-Szenen geworden sei. Unter anderem hätten die Wächter die Gefangenen mit Elektroschocks und geschmolzenem, tropfendem Plastik gequält. Bei den Folterungen sei der Mitangeklagte und Saddams Halbbruder, der gefürchtete Ex-Geheimdienstchef Barsan Ibrahim al Tikriti, dabei gewesen. Dieser habe ihm einmal so fest getreten, dass er noch Wochen danach Schmerzen gehabt habe.

Richter legt Wert auf Saddams Anwesenheit

Der Zeuge trat in weißem Hemd und braunem Anzug auf und machte seine Aussage nur wenige Meter von Saddam entfernt, der sich Notizen machte. Es war eine der bislang eindringlichsten Aussagen in dem Prozess, der am 19. Oktober begonnen, aber seitdem bereits drei Mal vertagt worden war. Vertretern des Gerichts zufolge ist Saddams Teilnahme prinzipiell nicht notwendig, sofern dessen Verteidiger teilnehmen. Richter Amin legt jedoch Wert auf die Anwesenheit Saddams. Zudem ist die Präsenz des ehemaligen Präsidenten auf der Anklagebank Beobachtern zufolge für viele Iraker ein wichtiges Symbol der Gerechtigkeit. Saddam und seinen Mitangeklagten droht ihm Falle einer Verurteilung der Tod durch den Strang. Mittwoch ist der voraussichtlich letzte Verhandlungstag in diesem Jahr. Der Prozess soll in etwa einem Monat fortgesetzt werden.

Reuters Reuters

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