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Schwarz-Gelb und die Deutsche Sprache: Weniger Anglizismen, aber viel Beamtenlatein

Mit großen Worten hat Außenminister Guido Westerwelle das "Jahr der Deutschen Sprache" eröffnet. Das heißt für ihn vor allem: Mehr Ausländer sollen Deutsch lernen. Wäre schön, wenn das unsere heimischen Beamten auch täten.

Von Lutz Happel

Donnerstagabend, Radialsystem, Berlin: Außenminister Guido Westerwelle geht zum Pult und verkündet kokett, er gedenke seine Rede auf Deutsch zu halten.

Schmunzeln bei den Zuhörern. Jedem fiel natürlich sofort ein, wie Westerwelle kurz nach der Wahl einen englischen Journalisten abbügelte, der ihm eine Frage auf Englisch stellen wollte. "Wir sind hier in Deutschland", konterte Westerwelle damals etwas verbissen. Später erklärte er: "Ich gebe nicht als Außenminister 300 Millionen Euro pro Jahr zur Förderung der deutschen Sprache aus, um anschließend in Deutschland selbst auf die deutsche Sprache zu verzichten."

Im Radialsystem, bei der Auftaktveranstaltung zum "Jahr der deutschen Sprache", wirkte Westerwelle schon wesentlich entspannter. Denn er hatte Positives zu verkünden: Eine groß angelegte Kampagne soll helfen, die deutsche Sprache im Ausland wieder populärer zu machen.

Abendrot und Morgenstern

Gründe dafür gibt es. Mit der deutschen Sprache geht es seit Jahren bergab, zumindest im Ausland. Weltweit lernen zurzeit etwa 14,5 Millionen Menschen Deutsch, vor fünf Jahren waren es noch 2,5 Millionen mehr. Viele europäische Länder konzentrieren sich eher auf Englisch oder Spanisch als Fremdsprache, außerdem wird Chinesisch immer wichtiger.

Das soll sich wieder ändern, Westerwelle will seine Sprache in die Welt hinaustragen. Sie habe so herrliche Worte wie "Abendrot, Morgenstern, Blütenstaub oder Alpengrün", schwärmte der Außenminister.

Auch in Deutschland selbst entdecken die Schwarz-Gelben die Sprache wieder neu. Verkehrsminister Peter Ramsauer hat seine Mitarbeiter vor kurzem angewiesen, in Zukunft auf Anglizismen jedweder Art zu verzichten. Im Verkehrsministerium trifft man sich nun nicht mehr zu "Inhouse Meetings" sondern "hauseigenen Seminaren" und bildet dabei keine "Task Forces" mehr, sondern "Projektgruppen".

Kulturrevolution bei der Bahn

Doch nicht nur die Sprache innerhalb der Ministerien soll sich wandeln. Auch Unternehmen, an denen der Bund beteiligt ist, wurde nahegelegt, ihren Sprachgebrauch zu überdenken. Die Deutsche Bahn hat bereits angekündigt, in Zukunft sparsamer mit englischen oder "denglischen" Begriffen umzugehen. Bahnchef Grube dürfte damit als Anwärter eines wenig schmeichelhaften Titels ausfallen, den sein Vorgänger Hartmut Mehdorn noch verliehen bekam: Mehdorn wurde 2007 zum Sprachpanscher des Jahres gekürt.

Bei der Bahn werden Reisende in Zukunft wieder am "Schalter" stehen und nicht am "Counter", um "Fahrkarten" zu kaufen und keine "Tickets". Statt "Flyer" bekommen sie "Broschüren" in die Hand gedrückt. Längst etablierte Begriffe wie "Intercity" oder "Bahncard" werden allerdings bleiben. Andere wiederum wie "Call A Bike", die Fahrrad-Vermietung der Bahn, werden durch deutsche Begriffe ergänzt.

Widerstand aus den Marketingabteilungen

Der Anstoß zum Sprachwandel in Ministerien und Unternehmen geht von der Initiative "Sprachlicher Verbraucherschutz" aus, die bereits 2007 von Unionsabgeordneten gegründet wurde. Deren oberstes Ziel: Verständlichkeit. Über den Begriff der Verständlichkeit lässt sich allerdings vortrefflich streiten. Unionspolitikerin und Mitgründerin Gitta Connemann erinnert sich: "Als wir das erste Mal mit der Forderung nach mehr Verständlichkeit aufgetreten sind, haben wir auf Bundesebene eher Spott als Verständnis geerntet. Großer Widerstand kam aus den Marketing-Abteilungen. Man wollte mit Anglizismen einem vermeintlichen Zeitgeist entsprechen."

Eigentlich wollte die Union noch viel höher hinaus. 2008 verabschiedeten die Christdemokraten auf ihrem Stuttgarter Parteitag einen Antrag zur Verankerung der deutschen Sprache im Grundgesetz - gegen den Willen Angela Merkels. Sie argumentierte, man dürfe das Grundgesetz nicht überladen. Andere Kritiker sagten, der Schritt sei überflüssig, da Deutsch ja ohnehin Amtssprache sei. Trotzdem halten viele Unionspolitiker an dem Ziel fest, Deutsch ins Grundgesetz zu schreiben. Zum Beispiel Peter Bleser, agrar- und verbraucherschutzpolitischer Sprecher der Unionsfraktion. Noch wichtiger sei indes "die Sprachpraxis und die Verständlichkeit, und dass man alle Bevölkerungsgruppen dabei einbindet, genauso ältere Menschen wie Migranten."

Minuswachstum und Beitragsanpassungen

Sprachpraxis? Nun, da hat die Politik reichlich zu tun. Denn es gibt nicht nur Anglizismen wie "Ticket Counter" oder "Info Center", die sich einfach ersetzen lassen - sondern auch massenhaft Phrasen und Beamtenlatein, das jedem Bürger auf die Nerven geht. Wer jemals einen Blick auf ein Antragsformular für Hartz IV geworfen hat, wird sich fragen, was eine "eheähnliche Bedarfsgemeinschaft" oder ein "Einkommensüberhang" ist. Der Bruch eines Wahlversprechens wird nur zu oft als "Haushaltsvorbehalt" umetikettiert, "Minuswachstum" ist ein anderes Wort für Schulden und eine "Beitragsanpassung" ist manchmal nichts anderes als eine Erhöhung.

In krassen Fällen können Begriffe selbst zum Politikum werden, wie eine Wortschöpfung des früheren Innenministers Otto Schily. Mit "Begrüßungszentrum" bezeichnete dieser Sammellager für Flüchtlinge, die an Grenzen oder in Hoheitsgewässern festgenommen worden waren.