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Schweinegrippe: Zorn über Sonderimpfstoff für Merkel und Co.

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach spricht von "Zweiklassenmedizin": Bundesregierung und Bundeswehr bekommen einen anderen - harmloseren - Impfstoff gegen Schweinegrippe gespritzt als die Bevölkerung. Eine Erklärung blieb die Regierung bislang schuldig.

Es ist die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik: Am Montag werden 50 Millionen Dosen "Pandemrix" (Hersteller: Glaxo Smith Kline) in Dresden auf Laster geladen und durch die gesamte Bundesrepublik gekarrt. Hausärzte und Gesundheitsämter sollen die Bevölkerung in den kommenden Wochen mit diesem Mittel gegen die Schweinegrippe impfen.

Es gibt jedoch Ausnahmen: Was für die Bevölkerung gut sein soll, gilt nicht für Mitglieder der Bundesregierung, der Ministerien, nachgeordneter Behörden und für die Bundeswehr. Selbst die Mitarbeiter des Paul-Ehrlich Instituts, das für die Zulassung von Impfstoffen verantwortlich ist, sollen nicht mit "Pandemrix" behandelt werden. Sondern mit "Celvapan" (Hersteller: Baxter). Ein Sprecher des Innenministeriums räumte gegenüber dem "Spiegel" ein, dass zu diesem Zweck 200.000 Dosen "Celvapan" geordert worden sind.

"Großversuch" mit der Bevölkerung

Grund für die Ungleichbehandlung sind offenkundig die Zusatzstoffe, die in "Pandemrix" enthalten sind und in "Celvapan" fehlen. Diese Zusatzstoffe, sogenannte Wirkverstärker, können zu einer Überreaktion des Immunsystems führen. Wolf-Dieter Ludwig, Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, hält es für einen "Skandal", dass für die Regierung andere Maßstäbe gelten als für die Bevölkerung.

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach übte scharfe Kritik. "Dieser Vorgang ist äußerst unglücklich. So entsteht der Eindruck einer Zweiklassenmedizin bei der Impfung. Innenminister Wolfgang Schäuble hatte hier nicht das notwendige Gespür", sagte Lauterbach der "Bild am Sonntag". Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin warf der Bundesregierung vor, sie setze "die Bevölkerung einem Großversuch mit einem nicht getesteten Impfstoff aus und lässt sich selbst ohne Nebenwirkungen schützen". Das dürfte die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen, so Trittin, weiter vermindern.

Vorsicht Nebenwirkungen

Bei den Impfstoffen mit Wirkverstärkern treten nach Angaben des "Spiegel" häufiger Nebenwirkungen auf, darunter Rötungen, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Kinder unter drei Jahren und Schwangere sollen deshalb auf Anraten von Wolfram Hartmann, Präsident des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, gar nicht damit behandelt werden. Er sagte dem "Spiegel": "Der Impfstoff ist an ihnen noch überhaupt nicht getestet, deshalb ist das Risiko einfach zu groß, ihn jetzt bedenkenlos einzusetzen."

Die Bundesregierung hat zu ihrer Sonderbestellung von "Celvapan" bislang noch nicht ausführlich Stellung genommen. Der Start der Schweinegrippe-Impfung für die Bevölkerung ist für den 26. Oktober vorgesehen. Medikamentenspezialist Ludwig sagte dem Nachrichtenmagazin: "Wir sind unglücklich über diese Impfkampagne". Ihr Nutzen sei ungewiss. Und Ludwig lässt sich mit dem Satz zitieren: "Die Gesundheitsbehörden sind auf eine Kampagne der Pharmakonzerne hereingefallen, die mit einer vermeintlichen Bedrohung schlichtweg Geld verdienen wollten."

DPA/AP / AP / DPA