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Seehofer-Kampagne der "Bild": Oben der Minister, unten die Nackte

Laut "Bild" hat Horst Seehofer in Berlin eine Geliebte, die ein Kind von ihm austrägt. Diese - aus unbekannten Quellen lancierte Story - diskreditiert Seehofer im Machtkampf um die CSU-Spitze. stern.de sprach darüber mit dem Medienexperten Michael Haller.

Herr Haller, das Privatleben von Politikern ist tabu, war das nicht so?

So war es vor noch zehn, fünfzehn Jahren. Damals galt: Wenn ein Bürgermeister seine Geliebte ins Rathaus holt und sie zur Sekretärin macht, die von unseren Steuergeldern bezahlt wird, ist das ein Fall für die Presse. Wenn der Bürgermeister einfach nur eine Geliebte hat, dann geht das die Öffentlichkeit nichts an.

Also geht auch Seehofers Geliebte niemanden etwas an?

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Geliebte seine Arbeit in irgendeiner Form tangiert oder dass er ihretwillen seine Geschäfte vernachlässigen würde. Er führt privat offenbar ein Doppelleben. Aber das ist seine Privatsache. Anders war der Fall übrigens bei Günter Verheugen, der möglicherweise seine Freundin im Amt befördert hat. Da waren ein paar Nachfragen schon angebracht.

Die "Bild" argumentiert, Seehofer hätte seine Familie immer vorgezeigt, um beim Wähler zu punkten. Also müsse er es auch hinnehmen, wenn man diese Inszenierung hinterfragt.

Vielleicht hat Seehofer sein vermeintliches Familienidyll zu sehr ausgeschlachtet. Aber das sind eben auch die üblichen PR-Routinen der Politik. Darüber kann man einen kritischen Kommentar schreiben - Anlass für eine Enthüllung sehe ich nicht.

Wieso übertritt die "Bild" immer wieder die von ihnen skizzierte Grenze?

Die "Bild" verliert seit zehn Jahren kontinuierlich an Auflage. Mit wachsender Hysterie sucht sie nach Knallern, mit denen sich Auflage machen lässt. Und bei Politikern hat sie keine Hemmungen, schließlich sind da die Anzeigenkunden außen vor. Wenn es um Wirtschaftsthemen geht, sucht die "Bild" viel eher Möglichkeiten der Kooperation - deutlich erkennbar zum Beispiel beim Fall Dieter Bohlen und "Deutschland sucht den Superstar". Das hat nichts mehr mit Journalismus zu tun, hier geht es um Win-Win-Geschäftsmodelle.

Zu den Anzeigenkunden der "Bild" gehören auch Zuhälter und Prostituierte, wie Gerhard Henschel in seinem "Gossenreport" ausführlich dargestellt und kritisiert hat. Wie lassen sich solche Schlüpfrigkeiten mit der Empörung über den Ehebruch eines Politikers vereinbaren?

Gar nicht. Das spiegelt die typisch spießige Doppelmoral der "Bild". Über dem Seitenbruch die Seehofer-Geschichte, unter dem Seitenbruch das nackte Mädchen.

Von der "Bild" mal abgesehen: Kann es sein, dass dieser Skandal vielleicht denen auf die Füße fällt, die ihn angezettelt haben - also jenen, die Seehofer demontieren wollen? Schließlich drängt sich jetzt der Eindruck auf, Stoiber unterhalte eine Art CSU-Stasi.

Anscheinend hat die Methode, Gegner mit Intimitäten zu diskreditieren, in der CSU eine großeTradition. Denken Sie daran, wie über Theo Waigel Geschichten lanciert wurden oder an den Umgang mit der Stoiber-Kritikerin Pauli. Und es ist vermutlich nur deshalb Tradition geworden, weil es so erfolgreich ist. Ich glaube, dass Seehofer im tiefen Bayern bei den Einheimischen tatsächlich Schaden davon tragen wird. Hätte er nur eine Geliebte gehabt, hätte man gemurrt, aber eine schwangere Geliebte? In den Hinterzimmern auf dem Land, wo die konservativen Katholiken hocken, wird man sagen: "Naa, des haut net hiee."

Unterstellt man, dass die Veröffentlichung Stoiber nutzen soll - ist diese Strategie nicht extrem riskant? Schließlich hat Stoiber vermutlich auch noch ein paar Leichen im Keller, die seine Gegner nun ausbuddeln könnten.

Wer immer die "Bild" in die Kampagne eingespannt hat: Er muss sich seiner politischen Sache sehr sicher sein.

Interview: Lutz Kinkel