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Debatte um Kohlendioxid: Sie arbeiten für die Kohleindustrie - drei Bergleute erzählen, was sie von "Fridays for Future" halten

Kohlebergwerke gelten als Klimakiller. Eine Forderung auf den "Fridays-for-Future"-Demonstrationen ist, mit der Kohleverstromung weltweit Schluss zu machen. Der stern hat drei Bergleute gefragt, ob sie sich schuldig fühlen.

Von Gabriel Prödl

Fühlen sie sich schuldig am Klimawandel? Thomas Hoffmann (o.), Bahri Kizilkaya (M.) und Lars Katzmarek haben geantwortet

Fühlen sie sich schuldig am Klimawandel? Thomas Hoffmann (o.), Bahri Kizilkaya (M.) und Lars Katzmarek haben geantwortet

Getty Images

In der Debatte um die Klimakrise sind mache Schuldige schnell gefunden: die Kohlebergwerke mit ihrem drastischen Kohlendioxid-Ausstoß. Wie gehen Bergarbeiter mit dem Vorwurf um, massiv an der Klimakrise Schuld zu tragen? Ist das belastend? Gewissensbisse, Ignoranz, Reflexion? Drei Bergmänner haben geantwortet.

"Trotz des Kohleausstieges: Ich werde mein Leben lang im Herzen Bergmann bleiben"

Bahri Kizilkaya

Bahri Kizilkaya, 50, ist Betriebsrat bei der RAG. Er ist gelernter Bergmann und war technischer Angestellter im Bergwerk Prosper Haniel. Die Zeche wurde im vergangenen Dezember geschlossen.

"Mein Vater hat früher immer gesagt: 'Wenn du in der Schule nicht aufpasst, dann schicke ich dich unter Tage.' Das war eine schlimme Drohung und eine grausame Vorstellung, 1200 Meter unter der Erde wie ein Maulwurf zu buddeln.

Es war ein Segen, dass ich mich tatsächlich für diesen Beruf entschieden habe. Ich bin technisch sehr begabt und kann mich wunderbar in andere Menschen hineinversetzen. Als Betriebsrat bin ich mittlerweile dafür zuständig, anderen zu helfen. Ich stehe Tag und Nacht mit Rat und Tat zur Seite, und das liebe ich.

Meine Arbeit wurde immer von allen geschätzt. Und jetzt sollen wir plötzlich schuld an der Klimakrise sein? Wer wir? Wenn überhaupt, dann alle Bürger dieser Welt! Und die Welt hört nicht bei Deutschland auf! Wir gehen mit gutem Beispiel voran, aber jetzt müssen erst einmal die anderen nachziehen. Und wir dürfen uns nicht auf die Bergwerke beschränken. Denken wir an die Kühe, die pupsen das Ozonloch auch größer.

Ich habe aber keine Angst vor einem apokalyptischen Zustand. Wir sind auf einem guten Weg, es gibt viele Gretas auf der Welt. Wir müssen alle gemeinsam anpacken und auch auf die Politik hoffen, dass sie nicht nur kurzfristige Ziele bis zur nächsten Wahl verfolgt. Wir dürfen nur nicht verrückt werden und alles verbieten. Wenn ich fettleibig bin, höre ich ja auch nicht auf zu essen. Dann ernähre ich mich gesünder. Wenn wir das gemeinsam durchziehen, dann habe ich keine Angst vor der Zukunft. Und selbst wenn die Welt untergeht: Das ist den Dinosauriern auch schon passiert. Was haben die falsch gemacht?

Ich muss mir als Bergmann also nichts vorwerfen. Denken wir nur an all die Menschen, die sich grünen Strom wünschen. Windenergie finden sie gut, Windräder in ihrem Garten nicht. Durch ihr Grundstück soll keine Stromleitung laufen, aber Hochspannungsmasten sind auch nicht erwünscht. Tja, WLan-Strom gibt’s eben nicht. Das ist alles nicht zu Ende gedacht.

Trotz des Kohleausstieges: Ich werde mein Leben lang im Herzen Bergmann bleiben, und stehe auch dazu. Ich grüße auch noch alle mit 'Glück auf!'. Bergmänner sind stolze Menschen und glauben, sie können alles, doch sie können nur die Hälfte von allem. Das ist zwar eine ganze Menge, aber den Klimawandel können sie auch nicht alleine stoppen."

"Ich habe Verständnis für die Schüler von Fridays for Future"

Lars Katzmarek

Lars Katzmarek, 27, arbeitet bei der LEAG in der Lausitz als Spezialist für Telekommunikation und IT  


"Der Ausstieg aus der Braunkohleverstromung ist für uns Kumpel und die Region ein weiterer massiver Einschnitt. Sollte, wie von einigen gefordert, der Kohleausstieg früher als geplant kommen, so bedeutet es einen völligen Verlust der Perspektive. Fehlende Arbeitsplätze und aussterbende Dörfer sind nur ein paar der erwarteten Folgen. Ich möchte nicht in ein paar Jahren durch diese Region fahren und die Auswirkungen erleben, wo sowieso schon viele, auch aus meiner Abschlussklasse, in andere Teile des Landes gegangen sind. 

Meinen Beruf liebe ich immer noch. Er beinhaltet einen großen Anteil an Büroarbeit, lässt mich aber auch den Kumpel im Herzen tragen. So solidarisch, wie die Kumpel untereinander sind, ist auch mein Einsatz für die Lausitz und andere Reviere. Ein schlechtes Gewissen in dieser Branche zu arbeiten, habe ich nicht. Schließlich haben wir eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe. Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen zählen zu den besten in meiner Region.

Die Kohleverstromung hat eine größere CO²-Emittenz zur Folge, das ist unbestritten. Aber Deutschland steigt gerade schon aus der Kernenergie aus, und aus Erneuerbaren allein können wir unseren Strombedarf noch lange nicht decken. Außerdem gäbe es längst Technologien, um CO2 aus Kohlekraft zu speichern. Die aber werden von der Politik blockiert – für mich eine vertane Chance.

Leider habe ich in der jüngeren Vergangenheit Pöbeleien und Gewalt gegen Kumpel mitbekommen müssen. Das lehne ich strikt ab. Das gehört für mich nicht zum demokratischen Grundverständnis – über ein Thema klar und offen zu diskutieren dagegen schon. Ich habe auch Verständnis für die Schüler von Fridays for Future. Es ist absolut nachvollziehbar, dass sie sich Sorgen um die Zukunft machen. Allerdings werden wir mit warnen und mahnen allein nicht weiterkommen. Deutschlands Energieversorgung umzubauen, ist eine hochkomplexe Herausforderung, die noch viel Geld und Zeit kosten wird. Darum wünsche ich mir eine faktenbasierte und ehrliche Diskussion über die Energiewende – mit allen zusammen."

"Jetzt ist der Klimawandel mein sekundäres Problem, primär brauche ich einen Arbeitsplatz"

Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann, 50, war mehr als 30 Jahre Maschinensteiger an den Schächten der Zeche Prosper Haniel. Er verlor durch die Schließung des Bergwerks seinen Arbeitsplatz.

"Mein Vater hat im Bergwerk sein Leben verloren. Das war ein schreckliches Schicksal, aber trotzdem war ich dem Betrieb so sehr verbunden, dass ich weitergemacht habe. Ich komme aus einer Bergbausiedlung. Alle, die ich kannte, waren im Bergbau tätig. Ein bisschen wie ein Gallisches Dorf, eine richtige Verwurzlung.

Als Deutschland den Steinkohleausstieg 2007 beschlossen hat, war ich sehr traurig. Aber mittlerweile bin ich so weit, dass ich sage: Ich sehe ein, dass der Klimawandel stattfindet, und dass wir was dagegen tun müssen. Auch den Braunkohleausstieg begrüße ich. 

Allerdings wurde uns versprochen, dass wir nach Schließung der Bergwerke nicht ins Bergfreie fallen. Ich könnte meinen Job an den Schächten ja auch jetzt noch ausüben, weil sich meine Arbeit trotz der Schließung nicht erübrigt hat. Das Bergwerk muss noch aufgeräumt werden. Das könnte ich gut machen – doch es wurde eine andere Firma damit beauftragt. Am Tag der Kündigung kam eine extra dafür beauftragte Firma mit einem Auto bei den Häusern der Arbeiter an. Zwei Männer warfen den Brief in den Briefkasten, der Dritte machte Fotos. Das war bestialisch. 

Wir sind jetzt eine sehr große Klägergruppe, vertreten durch einen Anwalt. Aber uns in das Unternehmen einzuklagen, ist erst der letzte Schritt. Zuvor wollen wir Druck auf die Politik ausüben. Die Leute dort sollen einlenken und sagen: Wir haben versprochen, dass niemand ins Bergfreie fällt. Das sollten wir einhalten. Vielleicht kann ich dann weiterhin in dem Beruf arbeiten, mit dem ich mein ganzes Leben verbunden war. 

Jetzt ist der Klimawandel aber erst mal mein sekundäres Problem, primär brauch ich erst mal weiter einen Arbeitsplatz."

anb