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SPD in der Krise: Gabriel absolviert die ersten 100 Tage als SPD-Vorsitzender

Nein, was auf ihn zukomme, davon habe er keine richtige Vorstellung gehabt, sagt Sigmar Gabriel nach einigem Zögern. Nach der krachenden Wahlniederlage, wie sie die SPD vor fünf Monaten erlebt habe, sei das wohl verständlich.

Nein, was auf ihn zukomme, davon habe er keine richtige Vorstellung gehabt, sagt Sigmar Gabriel nach einigem Zögern. Nach der krachenden Wahlniederlage, wie sie die SPD vor fünf Monaten erlebt habe, sei das wohl verständlich. Doch das neue Amt, das er damals im Handstreich eroberte, das sei "schon etwas Besonderes - auch wenn man das im Alltag nicht so merkt".

Fast 100 Tage nach seiner Wahl zum SPD-Vorsitzenden ist Gabriel in die Gustav-Heinemann-Oberschule in Berlin-Marienfelde gekommen, um zwei Stunden lang mit gut 90 Oberstufenschülern zu diskutieren. Die jungen Leute sind ausgesprochen gut vorbereitet, immer wieder wird hartnäckig nachgehakt. Es geht um Mindestlöhne, die Rente, Afghanistan und auch darum, was die SPD in ihrer Regierungszeit alles falsch gemacht hat. "Im Kern ist es so: Wir sind ein Stück weit einer Ideologie nachgelaufen, die wir heute Neoliberalismus nennen, freie Märkte und niedrigere Löhne", sagt Gabriel von seinem Platz vorn am Lehrerpult. "Das haben die Leute uns übelgenommen". Nicht viel anders hätte dies wohl zumindest einer seiner zahlreichen SPD-Amtsvorgänger formuliert: Oskar Lafontaine.

Den Auftritt absolviert Gabriel mit gewohnter Schlagfertigkeit. Viele der angehenden Abiturienten äußern sich hinterher angetan. Er habe sich nicht angebiedert, sondern seine Meinung klar vertreten, heißt es anerkennend. Zu vage waren den meisten allerdings Gabriels Antworten, wie er den raschen Genesungsprozess der SPD anpacken will.

Dass er dafür keine fertigen Rezepte hat, wiederholt Gabriel bei ziemlich jeder Gelegenheit. Die vielen, die sich von der SPD abgewandt hätten, kämen nicht automatisch zurück, nur weil sie von der Regierung enttäuscht seien. Dafür seien glaubwürdige eigene Programme notwendig. Und die bräuchten eben ihre Zeit. Wegen der weiterhin schlappen Umfragewerte dürfe sich die SPD jetzt nur nicht nervös machen lassen.

Bislang sieht es so aus, dass die Partei diesmal die notwendige Geduld mit dem neuen Führungspersonal aufbringt. "Wir müssen raus ins Leben, da wo es brodelt und gelegentlich auch stinkt", hatte der neue Vormann in seiner viel umjubelten Rede vor seiner 94-Prozent-Wahl am 13. November in Dresden als Erfolgsdevise ausgegeben. Und auch für viele seiner langjährigen Gegner in den eigenen Reihen gilt, dass Gabriel wohl der richtige Mann zur richtigen Zeit an der SPD-Spitze ist. Der habe schließlich persönlich vorgemacht, wie man nach Niederlagen wieder aufstehen und daraus stärker werden könne. Genau dies habe die SPD noch vor sich.

Größere Pannen hat der 50-Jährige in seinen ersten 100 Tagen vermieden. Über einige Schnitzer, wie sein gelegentlich großzügiger Umgang mit Fakten, wird großzügig hinweggesehen. Auch über den Hang zu rhetorischen Schnellschüssen und ungeschützten Dampfplaudereien je nach Tageslaune. Gabriel rede nicht selten so, als ob er noch ein Juso sei, mokieren sich einige in den eigenen Reihen. Auch seine Umgebung ist über solche Temperamentsausbrüche nicht selten unglücklich. Man könne ihm aber nicht den Mund verbieten, er müsse schließlich authentisch wirken, heißt es dort.

Nicht zuletzt der mäßigende Einfluss des Fraktionschefs auf Gabriel führte dazu, dass größere Zerreißproben in der Partei bislang ausgeblieben sind. Sowohl beim Thema Afghanistan als auch bei der Neuregelung für die Jobcenter schaffte es Frank-Walter Steinmeier mit viel Überredung, den Parteichef von seiner ursprünglichen Absicht abzubringen, auf offenen Konfrontationskurs zur Regierung einzuschwenken. An der unterschwelligen Rivalität zwischen beiden dürfte sich aber so schnell kaum etwas ändern.

"Werden Sie in zwei Jahren auch noch Fraktionschef sein?", will zum Ende einer der Berliner Schüler vom Parteivorsitzenden wissen. "Ich hoffe nicht", kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück. Erst nach einem Moment des Nachdenkens schiebt Gabriel nach, in der SPD müssten sich alle Führungsleute, auch er, nach zwei Jahren wieder zur Wahl stellen. "Aber ich werde alles tun, damit Frank-Walter Steinmeier bleibt", lautet das feste Versprechen.

DPA / DPA