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Studie des Deutschen Jugendinstituts: Missbrauchsfälle überfordern Lehrer

Erschütternde Zahlen: In 43 Prozent der Schulen berichten Kinder und Jugendliche von sexuellen Übergriffen, wie eine Studie im Auftrag der Bundesregierung zeigt. Doch die Lehrer sind oft hilflos.

Die Regierungsbeauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, hat eine deutliche Ausweitung der Lehrerfortbildungen zur Prävention von Missbrauch gefordert. "Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen fortgebildet sein", forderte Bergmann am Mittwoch im ZDF-"Morgenmagazin" als Konsequenz aus einer Studie zum sexuellen Kindesmissbrauch.

Nach dieser Studie des Deutschen Jugendinstituts, die Bergmann am Mittwoch vorstellen will, sind an fast der Hälfte aller Schulen in den vergangenen drei Jahren Verdachtsfälle bekannt geworden. Entweder berichten die Kinder und Jugendlichen von Übergriffen in der Schule oder in ihrem privaten Umfeld, so eine Sprecherin des Deutschen Jugendinstituts zu stern.de. In die Studie mit einbezogen wurden Fälle, die als "bestätigt", "nicht zu klärend" und "unbegründet" eingestuft wurden.

Der Studie zufolge, die stern.de in Auszügen vorliegt, sind Heimkinder am stärksten von sexueller Gewalt betroffen. Über 70 Prozent der Heime seien in den vergangenen drei Jahren mit verschiedenen Verdachtsfällen konfrontiert gewesen. In Internaten waren es knapp 40, in Schulen 43 Prozent. Zudem seien mit 82 Prozent Mädchen wesentlich häufiger betroffen als Jungen. Die verdächtigen Täter seien überwiegend männlich.

Hilflosigkeit im Umgang mit den Fällen

Weiterhin geht aus der Studie hervor, dass die Übergriffe durch an den Institutionen beschäftigte Personen vergleichweise selten sind. Vier Prozent der Schulen, drei Prozent der Internate und zehn Prozent der Heime nannten einen solchen Verdachtsfall.

Häufiger hingegen sind Übergriffe von Kindern und Jugendlichen untereinander. 16 Prozent der Lehrer, 29 Prozent der Internatsleitungen und 39 Prozent der Heimleitungen berichten davon.

Regierungsbeauftragte Bergmann sagte, es gebe sehr viel Hilflosigkeit im Umgang mit den Fällen. Deshalb müssten die Lehrer zumindest soweit geschult werden, dass sie wissen, wo sie sich professionellen Rat holen können. Laut Studie gibt es lediglich an 38 Prozent der Schulen, an 30 Prozent der Heime und an 23 Prozent der Internate Präventionsveranstaltungen mit Kindern.

"Da muss noch viel gelernt werden"

Wie Bergmann sagte, wird Kindesmissbrauch zu mehr als fünfzig Prozent der Fälle dadurch bekannt, dass sich die Opfer jemandem anvertrauen. Gerade Kinder, die in ihrer eigenen Familie missbraucht werden, würden sich aber an Vertrauenspersonen außerhalb ihrer Familien wenden. Diese - ob in Schulen, Vereinen, Kirchen oder anderen Einrichtungen - müssten so fortgebildet sein, dass sie den Kindern das Signal aussenden, dass sie wirklich zu ihnen kommen können.

Bergmann forderte, dass jede Schule ein Schutzkonzept erarbeitet, durch das das Vorgehen bei einem Missbrauchsverdacht genau festgelegt wird. Allerdings sei die richtige Reaktion auf einen bereits vollzogenen Missbrauch nicht das Wichtigste. "Es muss genauso wichtig sein zu gucken, was kann man präventiv tun. Da muss einfach noch viel gelernt werden", sagte Bergmann.

Die ehemalige Bundesfamilienministerin ist seit März vergangenen Jahres mit der Aufarbeitung der Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs befasst, die Anfang 2010 das Land erschüttert hatten. Im Zuge ihres Auftrags als unabhängige Regierungsbeauftragte ließ Bergmann auch eine Studie vom Deutschen Jugendinstitut erstellen. Diese Ergebnisse will sie nun präsentieren.

fro/AFP / AFP